Tagesthema
Dienstag, 27. Juli 2004
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
„Dafür gibt es Gerichte“
Plakat-Aktion in Boleslawiec: Festgenommene Deutsche sind auf freiem Fuß
Von Cornelia Sommerfeld
Ein Plakat wie dieses muss ins Auge fallen: Schwarz-Weiß-Bilder von Massengräbern, Flüchtlingstrecks und grausam zugerichteten Leichen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs lassen den Betrachter frösteln. Darüber prangt in schwarzen Lettern: „Polen und Tschechen herzlich willkommen in der EU! Unsere Justiz arbeitet bereits fleißig, denn Mord verjährt nicht!“ Ein anderes Plakat ist dem vergilbten Ton nachempfunden, wie ihn uraltes Schreibmaschinenpapier hat. „Sonderbefehl der polnischen Regierung“ droht es in Sütterlin-Schrift. Darunter sind die Befehle zur „Umsiedlung der deutschen Bevölkerung“ von 1945 aufgelistet.
Ein weiterer Text unter dem Titel „War das die Befreiung?“ prangert die Vertreibung, Tötung, Verschleppung und Zwangsarbeit von deutschen Zivilisten in Polen, Tschechien, der Sowjetunion und Jugoslawien nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an. „Entnommen dem Regensburger Bistumsblatt Ausgabe 5, 25. 01. 2000“ steht als Quelle darunter.
Polizei macht keine Angaben über Motive
Eine Provokation. Zumal diese Plakate in einer polnischen Kleinstadt öffentlich aushingen. Wer hinter der Aktion steckt, ist immer noch unklar. Darum kümmern sich jetzt Polizei und Staatsanwaltschaft von Boleslawiec. In der etwa 50 Kilometer von der deutschen Grenze entfernten Stadt hingen die Plakate bereits am vergangenen Mittwoch an Litfaßsäulen und Bushaltestellen, die von der Stadtwache jedoch eilig entfernt wurden. In der Nacht zum Donnerstag gingen dann drei junge Männer aus Deutschland einer Polizeikontrolle ins Netz. In ihrem Auto fanden die Polizeibeamten 20 große und 120 kleine Plakate sowie 75 Flugblätter, darüberhinaus stellten sie einen Fotoapparat sicher. „Offensichtlich wollten sie ihre Aktion dokumentieren“, sagt Staatsanwalt Adam Zielinski.
Die Verhafteten sind zwischen 22 und 26 Jahre alt und stammen aus Görlitz, Zittau und Oybin. Inzwischen befinden sie sich aber wieder auf freiem Fuß. Nach einem Tag in Polizeigewahrsam, wo sie vergeblich versucht hatten, auf dem Revier eine polnische Landkarte zu zerstören, verzichtete die Staatsanwaltschaft von Boleslawiec darauf, Haftbefehl bei Gericht zu beantragen. Ohne Anklage können Verhaftete in Polen nur bis zu 48 Stunden von der Polizei festgehalten werden. Lediglich das Auto der jungen Männer, einen Kleinbus samt Inhalt, beschlagnahmten die polnischen Behörden – die drei traten die Rückreise nach Deutschland mit dem Zug an.
„Beim Verhör haben die Männer auf unsere Fragen geantwortet“, sagt Pawel Górzyinski, stellvertretender Polizeikommandant von Boleslawiec. „Dabei stand ihnen natürlich ein Dolmetscher zur Verfügung. Die Unterstützung durch einen Anwalt verlangten sie aber nicht.“
Über einen rechtsradikalen Hintergrund der Aktion lässt sich bislang nur spekulieren. Immerhin sind auf den Plakaten auch jüdische Emigranten als Kronzeugen für Unrecht durch Vertreibungen zitiert. Unter anderem die drastischen Erfahrungen von Robert Jungk unter dem Titel „Aus einem Totenland“.
Fragen nach dem Motiv möchte auch Pawel Górzynski nicht beantworten. „Ich habe meine Meinung, aber es liegt nicht an mir, das zu klären. Vielleicht schon in ein oder zwei Monaten können die Männer vor Gericht stehen.“
Die Staatsanwaltschaft entscheidet derzeit, ob die Sache weiter in Polen verfolgt oder den deutschen Behörden übergeben werden soll. Im Fall einer Verurteilung in Polen drohen den Plakatierern, denen Aufruf zum Rassenhass und Verunglimpfung der polnischen Nation vorgeworfen wird, Geld- oder sogar Haftstrafen bis zu drei Jahren.
Empörte Reaktionen der Bevölkerung
Außerdem prüfen die polnischen Behörden, ob die Festgenommenen etwas mit den Plakaten ähnlichen Inhalts zu tun haben, die im Mai in anderen niederschlesischen Städten aufgetaucht waren. In Jelenia Góra, Szklarska Poreba, Karpacz und Podgórzynia hatten die Aushänge in der Bevölkerung große Empörung hervorgerufen.
Obwohl die Plakate ausschließlich in deutscher Sprache verfasst waren, verfehlten sie ihre Wirkung in Polen nicht. Tief sitzen gerade in der älteren Generation die Erinnerungen des Krieges. Jurek Parkot aus Zgorzelec, während des Krieges selbst Zwangsarbeiter in Deutschland, findet dennoch milde Worte. Die drei Plakatierer seien halt „nicht ganz normal“. „Aber wir haben in Polen auch solche Elemente und dafür gibt es Gerichte“, fügt der 85-Jährige hinzu. Die Zeiten der Feindschaft seien vorbei. „Deutsche und Polen dürfen nicht gegenseitig Ansprüche erheben“, sagt Parkot.
„Das Schlimmste ist, dass diese jungen Leute die Geschichte nicht verstehen, sonst wüssten sie, dass das nicht richtig ist. Die jungen Leute müssen in der Schule richtig Geschichte lernen“, sagt Lena Parkot, Jureks Frau. Die Deutschen sind an dem schuld, was passiert ist, damals 1945, meinen auch viele in Boleslawiec. „Was damals alles geschehen ist, kann man nicht rückgängig machen. Die Zeit war schrecklich“, meint Lena Parkot.
Ein weiterer Text unter dem Titel „War das die Befreiung?“ prangert die Vertreibung, Tötung, Verschleppung und Zwangsarbeit von deutschen Zivilisten in Polen, Tschechien, der Sowjetunion und Jugoslawien nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an. „Entnommen dem Regensburger Bistumsblatt Ausgabe 5, 25. 01. 2000“ steht als Quelle darunter.
Polizei macht keine Angaben über Motive
Eine Provokation. Zumal diese Plakate in einer polnischen Kleinstadt öffentlich aushingen. Wer hinter der Aktion steckt, ist immer noch unklar. Darum kümmern sich jetzt Polizei und Staatsanwaltschaft von Boleslawiec. In der etwa 50 Kilometer von der deutschen Grenze entfernten Stadt hingen die Plakate bereits am vergangenen Mittwoch an Litfaßsäulen und Bushaltestellen, die von der Stadtwache jedoch eilig entfernt wurden. In der Nacht zum Donnerstag gingen dann drei junge Männer aus Deutschland einer Polizeikontrolle ins Netz. In ihrem Auto fanden die Polizeibeamten 20 große und 120 kleine Plakate sowie 75 Flugblätter, darüberhinaus stellten sie einen Fotoapparat sicher. „Offensichtlich wollten sie ihre Aktion dokumentieren“, sagt Staatsanwalt Adam Zielinski.
Die Verhafteten sind zwischen 22 und 26 Jahre alt und stammen aus Görlitz, Zittau und Oybin. Inzwischen befinden sie sich aber wieder auf freiem Fuß. Nach einem Tag in Polizeigewahrsam, wo sie vergeblich versucht hatten, auf dem Revier eine polnische Landkarte zu zerstören, verzichtete die Staatsanwaltschaft von Boleslawiec darauf, Haftbefehl bei Gericht zu beantragen. Ohne Anklage können Verhaftete in Polen nur bis zu 48 Stunden von der Polizei festgehalten werden. Lediglich das Auto der jungen Männer, einen Kleinbus samt Inhalt, beschlagnahmten die polnischen Behörden – die drei traten die Rückreise nach Deutschland mit dem Zug an.
„Beim Verhör haben die Männer auf unsere Fragen geantwortet“, sagt Pawel Górzyinski, stellvertretender Polizeikommandant von Boleslawiec. „Dabei stand ihnen natürlich ein Dolmetscher zur Verfügung. Die Unterstützung durch einen Anwalt verlangten sie aber nicht.“
Über einen rechtsradikalen Hintergrund der Aktion lässt sich bislang nur spekulieren. Immerhin sind auf den Plakaten auch jüdische Emigranten als Kronzeugen für Unrecht durch Vertreibungen zitiert. Unter anderem die drastischen Erfahrungen von Robert Jungk unter dem Titel „Aus einem Totenland“.
Fragen nach dem Motiv möchte auch Pawel Górzynski nicht beantworten. „Ich habe meine Meinung, aber es liegt nicht an mir, das zu klären. Vielleicht schon in ein oder zwei Monaten können die Männer vor Gericht stehen.“
Die Staatsanwaltschaft entscheidet derzeit, ob die Sache weiter in Polen verfolgt oder den deutschen Behörden übergeben werden soll. Im Fall einer Verurteilung in Polen drohen den Plakatierern, denen Aufruf zum Rassenhass und Verunglimpfung der polnischen Nation vorgeworfen wird, Geld- oder sogar Haftstrafen bis zu drei Jahren.
Empörte Reaktionen der Bevölkerung
Außerdem prüfen die polnischen Behörden, ob die Festgenommenen etwas mit den Plakaten ähnlichen Inhalts zu tun haben, die im Mai in anderen niederschlesischen Städten aufgetaucht waren. In Jelenia Góra, Szklarska Poreba, Karpacz und Podgórzynia hatten die Aushänge in der Bevölkerung große Empörung hervorgerufen.
Obwohl die Plakate ausschließlich in deutscher Sprache verfasst waren, verfehlten sie ihre Wirkung in Polen nicht. Tief sitzen gerade in der älteren Generation die Erinnerungen des Krieges. Jurek Parkot aus Zgorzelec, während des Krieges selbst Zwangsarbeiter in Deutschland, findet dennoch milde Worte. Die drei Plakatierer seien halt „nicht ganz normal“. „Aber wir haben in Polen auch solche Elemente und dafür gibt es Gerichte“, fügt der 85-Jährige hinzu. Die Zeiten der Feindschaft seien vorbei. „Deutsche und Polen dürfen nicht gegenseitig Ansprüche erheben“, sagt Parkot.
„Das Schlimmste ist, dass diese jungen Leute die Geschichte nicht verstehen, sonst wüssten sie, dass das nicht richtig ist. Die jungen Leute müssen in der Schule richtig Geschichte lernen“, sagt Lena Parkot, Jureks Frau. Die Deutschen sind an dem schuld, was passiert ist, damals 1945, meinen auch viele in Boleslawiec. „Was damals alles geschehen ist, kann man nicht rückgängig machen. Die Zeit war schrecklich“, meint Lena Parkot.
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