Dienstag, 22. Juni 2004
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Der vergessene Vorbereiter
Alle reden von Sparwasser: Aber Erich Hamann spielte den entscheidenden Pass zum berühmtesten Tor des DDR-Fußballs – heute vor 30 Jahren
Von Holger Matthies
Franz Beckenbauer hätte es wissen können. Der entscheidende Hinweis stand in einer Presseinformation. In der hatte der Fußballverband der DDR vor der Weltmeisterschaft alle Spieler seines WM-Aufgebotes in Stichworten vorgestellt. Hinter dem Namen Erich Hamann fand sich dort unter dem Punkt „besondere Stärken“ der Eintrag: lange Pässe. Aber vermutlich lasen die bundesdeutschen Verantwortlichen keine ostdeutschen Presseinformationen und wahrscheinlich hatten es die meisten der 62 000 Zuschauer am Abend des 22. Juni 1974 im Hamburger Volksparkstadion gar nicht mitbekommen, dass bei der DDR-Elf nach 65 Minuten der Frankfurter Erich Hamann für den Jenaer Harald Irmscher eingewechselt worden war.
So nahm das Unheil für die Schützlinge von Bundestrainer Helmut Schön seinen Lauf, als eben jener Hamann nach einem weiten Abwurf von Torwart Jürgen Croy auf der rechten Seite unbedrängt durchs Mittelfeld marschierte. Zu spät kam der Versuch von Beckenbauer, sich ihm entgegenzustellen – da hatte der Mann vom Armeesportverein Vorwärts im Sturmzentrum bereits Jürgen Sparwasser entdeckt und mit einem langen Steilpass auf die Reise geschickt. Der Rest ist Fußballlegende: Wie der WM-Neuling aus Deutschland Ost vor 30 Jahren dem hoch favorisierten Gastgeber und späterem Weltmeister aus Deutschland West ein Bein stellte. Und weil der Klassenfeind auf eigenem Felde geschlagen worden war, wähnte mancher Funktionär den Kampf der Systeme dadurch bereits gewonnen. Es sei der „größte sportliche und politische Erfolg des DDR-Fußballverbandes“, hieß es offiziell. Ein sportlicher Beitrag zum 25. Jahrestag des Arbeiter- und Bauernstaates.
Jürgen Sparwasser wurde durch sein Tor berühmt: „Wenn auf meinem Grabstein einmal Hamburg 1974 steht, weiß jeder wer darunter liegt“, hat er später oft gesagt. Erich Hamann aber, der Wegbereiter seines Ruhms, ist in Vergessenheit geraten. Und doch hätte es ohne den heute 60-Jährigen das berühmteste Tor des Ost-Fußballs nie gegeben. Ganze drei Länderspiele hat Hamann in seiner Karriere bestritten, jenes von Hamburg war sein zweites, auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Debüt 1969 gegen Chile.
Er erinnert sich noch gut an den 22. Juni 1974, an den verbotenen Trikottausch nach und die Schlagzeile der „Bild“-Zeitung vor dem Spiel: „Warum wir heute gewinnen“. „Die Zeitung habe ich noch zu Hause. Das hat uns richtig motiviert“, sagt Hamann und spricht von der gelösten Stimmung im Mannschaftsbus auf der Fahrt zum Volksparkstadion. „Unser Einzug in die zweite Runde stand ja schon vor dem Anpfiff fest. Wir wollten einfach zeigen, dass wir gut Fußball spielen können und nicht die Kraftmaschinen und Antifußballer sind, als die wir dargestellt wurden.“ Auch die Reaktionen der Schön-Truppe nach dem Schlusspfiff sind ihm noch gewärtig: „Die waren fassungslos. Unser Sieg war für die ein echter Schock.“ „Natürlich haben wir uns über den Sieg gefreut, aber für uns war es eine rein sportliche Sache“, sagt der Mann, der als Jugendlicher Uwe Seeler verehrte. „Politik hat für uns dabei keine Rolle gespielt.“ Trainer Georg Buschner habe dafür gesorgt, dass bei der Feier nach dem Spiel die Funktionäre draußen blieben.
1974 war Hamanns Jahr. Er gewann die Punktwertung der Fußball-Fachzeitung „Fuwo“ und zählte zu jenen 60 Spielern, mit denen Nationaltrainer Georg Buschner ein Jahr vor dem WM-Start die Vorbereitung begonnen hatte. Als nach Buschners gnadenloser Ausleseprozedur 22 Mann übrig blieben, war der Abwehrspieler vom FC Vorwärts mit dabei. „Buschner hatte alle Positionen doppelt besetzt. Ich war als Double für Libero Bernd Bransch vorgesehen. Da Bransch Kapitän war und sich höchstens mit abgehacktem Kopf hätte auswechseln lassen, rechnete ich mir keine großen Chancen aus.“
Absichern des bis dahin sehr guten 0:0, ohne auf eigene Angriffsbemühungen zu verzichten, lautete Buschners Anweisung, als die Chance dann plötzlich kam. „Zu diesem Zeitpunkt lief das Spiel schon ausgeglichen und die größeren Spielanteile lagen sogar auf unserer Seite“.Erich Hamann redet, wie er früher Fußball gespielt hat: Geradlinig und ohne Umschweife. „Ich war nie ein Überragender, ich war immer ein Arbeiter und Kämpfer“, so sieht er sich selbst. Es hätte eine große Karriere werden können – Typen wie er standen bei Nationaltrainer Buschner hoch im Kurs. Der Beginn war viel versprechend. Als 17-Jähriger wurde der Nachwuchsspieler aus Pasewalk 1961 in die Juniorenauswahl berufen. „Dort spielte ich mit Bransch, Löwe und dem heutigen Dynamo-Trainer Christoph Franke zusammen.“
Eine schwere Hepatitis warf ihn erstmals zurück. Er kämpfte sich wieder heran, aber fortan begleitete das Verletzungspech ihn wie ein böser Fluch auf seinem Weg als Leistungssportler: Gerissene Achillessehne, zerfetzte Seiten- und Kreuzbänder, kaputte Kniescheibe und dazu immer wieder Meniskusoperationen. 1971 wurde ihm in einem Punktspiel die Niere zertrümmert. Hamann hielt mit Schmerzen bis zum Schlusspfiff durch. „Der Arzt hat hinterher zu mir gesagt, zehn Minuten später, und ich wäre weg gewesen.“
Doch der zähe Kämpfer, dessen Vater 1944 in Russland gefallen war, rappelte sich abermals auf. Es gab jedoch im DDR-Fußball auch Kräfte, gegen die selbst das größte Kämpferherz nichts ausrichten konnte. Als Hamann 1967 noch bei Stahl Eisenhüttenstadt spielte, wollte Union Berlin ihn gerne haben. Günter Mielis, damals stellvertretender Klubchef bei Union, erinnert sich: „Stahl informierte den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Frankfurt, Mückenberger. Der beschwerte sich beim 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, Verner. Der gab es weiter an seinen 2. Sekretär, Naumann. Der zitierte mich zu sich und sagte, fahr zu Mückenberger und versuch, den Hamann zu kriegen. Aber merk dir: Wir hier haben nichts damit zu tun.“ Aus der Sache wurde nichts. „Mückenberger hatte Arbeiter vom Stahlwerk rangekarrt. Die drohten mit Streik, falls Hamann gehe. Da wurde der weich und fiel um.“ Ja, so ähnlich sei es gewesen, bestätigt Hamann. „Wir Spieler hatten doch nichts zu sagen.“
Sparwasser: 50 Prozent des Tores gehören ihm
Nach seinem Hamburger Husarenstück stand Hamann im Spiel gegen Brasilien in der Anfangsformation, bevor ihn eine erneute Verletzung zum Ausscheiden zwang. Es war ein Auswahl-Abschied für immer – nach der achten Knieoperation gab Erich Hamann auf. Heute lebt er in Frankfurt/Oder und arbeitet im Christlichen Jugenddorf Seelow als Stützlehrer mit sozial benachteiligten Jugendlichen. Im Old-Star-Team Ost trifft er sich noch mehrmals im Jahr mit den Mitspielern von damals. Erst kürzlich spielte die Truppe in Magdeburg vor 10 000 Zuschauern gegen die 74er Europacupsieger des 1. FCM. Jürgen Sparwasser war auch dabei und stellte noch einmal klar: „50 Prozent des Tores gehören Erich Hamann.“
So nahm das Unheil für die Schützlinge von Bundestrainer Helmut Schön seinen Lauf, als eben jener Hamann nach einem weiten Abwurf von Torwart Jürgen Croy auf der rechten Seite unbedrängt durchs Mittelfeld marschierte. Zu spät kam der Versuch von Beckenbauer, sich ihm entgegenzustellen – da hatte der Mann vom Armeesportverein Vorwärts im Sturmzentrum bereits Jürgen Sparwasser entdeckt und mit einem langen Steilpass auf die Reise geschickt. Der Rest ist Fußballlegende: Wie der WM-Neuling aus Deutschland Ost vor 30 Jahren dem hoch favorisierten Gastgeber und späterem Weltmeister aus Deutschland West ein Bein stellte. Und weil der Klassenfeind auf eigenem Felde geschlagen worden war, wähnte mancher Funktionär den Kampf der Systeme dadurch bereits gewonnen. Es sei der „größte sportliche und politische Erfolg des DDR-Fußballverbandes“, hieß es offiziell. Ein sportlicher Beitrag zum 25. Jahrestag des Arbeiter- und Bauernstaates.
Jürgen Sparwasser wurde durch sein Tor berühmt: „Wenn auf meinem Grabstein einmal Hamburg 1974 steht, weiß jeder wer darunter liegt“, hat er später oft gesagt. Erich Hamann aber, der Wegbereiter seines Ruhms, ist in Vergessenheit geraten. Und doch hätte es ohne den heute 60-Jährigen das berühmteste Tor des Ost-Fußballs nie gegeben. Ganze drei Länderspiele hat Hamann in seiner Karriere bestritten, jenes von Hamburg war sein zweites, auf den Tag genau fünf Jahre nach dem Debüt 1969 gegen Chile.
Er erinnert sich noch gut an den 22. Juni 1974, an den verbotenen Trikottausch nach und die Schlagzeile der „Bild“-Zeitung vor dem Spiel: „Warum wir heute gewinnen“. „Die Zeitung habe ich noch zu Hause. Das hat uns richtig motiviert“, sagt Hamann und spricht von der gelösten Stimmung im Mannschaftsbus auf der Fahrt zum Volksparkstadion. „Unser Einzug in die zweite Runde stand ja schon vor dem Anpfiff fest. Wir wollten einfach zeigen, dass wir gut Fußball spielen können und nicht die Kraftmaschinen und Antifußballer sind, als die wir dargestellt wurden.“ Auch die Reaktionen der Schön-Truppe nach dem Schlusspfiff sind ihm noch gewärtig: „Die waren fassungslos. Unser Sieg war für die ein echter Schock.“ „Natürlich haben wir uns über den Sieg gefreut, aber für uns war es eine rein sportliche Sache“, sagt der Mann, der als Jugendlicher Uwe Seeler verehrte. „Politik hat für uns dabei keine Rolle gespielt.“ Trainer Georg Buschner habe dafür gesorgt, dass bei der Feier nach dem Spiel die Funktionäre draußen blieben.
1974 war Hamanns Jahr. Er gewann die Punktwertung der Fußball-Fachzeitung „Fuwo“ und zählte zu jenen 60 Spielern, mit denen Nationaltrainer Georg Buschner ein Jahr vor dem WM-Start die Vorbereitung begonnen hatte. Als nach Buschners gnadenloser Ausleseprozedur 22 Mann übrig blieben, war der Abwehrspieler vom FC Vorwärts mit dabei. „Buschner hatte alle Positionen doppelt besetzt. Ich war als Double für Libero Bernd Bransch vorgesehen. Da Bransch Kapitän war und sich höchstens mit abgehacktem Kopf hätte auswechseln lassen, rechnete ich mir keine großen Chancen aus.“
Absichern des bis dahin sehr guten 0:0, ohne auf eigene Angriffsbemühungen zu verzichten, lautete Buschners Anweisung, als die Chance dann plötzlich kam. „Zu diesem Zeitpunkt lief das Spiel schon ausgeglichen und die größeren Spielanteile lagen sogar auf unserer Seite“.Erich Hamann redet, wie er früher Fußball gespielt hat: Geradlinig und ohne Umschweife. „Ich war nie ein Überragender, ich war immer ein Arbeiter und Kämpfer“, so sieht er sich selbst. Es hätte eine große Karriere werden können – Typen wie er standen bei Nationaltrainer Buschner hoch im Kurs. Der Beginn war viel versprechend. Als 17-Jähriger wurde der Nachwuchsspieler aus Pasewalk 1961 in die Juniorenauswahl berufen. „Dort spielte ich mit Bransch, Löwe und dem heutigen Dynamo-Trainer Christoph Franke zusammen.“
Eine schwere Hepatitis warf ihn erstmals zurück. Er kämpfte sich wieder heran, aber fortan begleitete das Verletzungspech ihn wie ein böser Fluch auf seinem Weg als Leistungssportler: Gerissene Achillessehne, zerfetzte Seiten- und Kreuzbänder, kaputte Kniescheibe und dazu immer wieder Meniskusoperationen. 1971 wurde ihm in einem Punktspiel die Niere zertrümmert. Hamann hielt mit Schmerzen bis zum Schlusspfiff durch. „Der Arzt hat hinterher zu mir gesagt, zehn Minuten später, und ich wäre weg gewesen.“
Doch der zähe Kämpfer, dessen Vater 1944 in Russland gefallen war, rappelte sich abermals auf. Es gab jedoch im DDR-Fußball auch Kräfte, gegen die selbst das größte Kämpferherz nichts ausrichten konnte. Als Hamann 1967 noch bei Stahl Eisenhüttenstadt spielte, wollte Union Berlin ihn gerne haben. Günter Mielis, damals stellvertretender Klubchef bei Union, erinnert sich: „Stahl informierte den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Frankfurt, Mückenberger. Der beschwerte sich beim 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, Verner. Der gab es weiter an seinen 2. Sekretär, Naumann. Der zitierte mich zu sich und sagte, fahr zu Mückenberger und versuch, den Hamann zu kriegen. Aber merk dir: Wir hier haben nichts damit zu tun.“ Aus der Sache wurde nichts. „Mückenberger hatte Arbeiter vom Stahlwerk rangekarrt. Die drohten mit Streik, falls Hamann gehe. Da wurde der weich und fiel um.“ Ja, so ähnlich sei es gewesen, bestätigt Hamann. „Wir Spieler hatten doch nichts zu sagen.“
Sparwasser: 50 Prozent des Tores gehören ihm
Nach seinem Hamburger Husarenstück stand Hamann im Spiel gegen Brasilien in der Anfangsformation, bevor ihn eine erneute Verletzung zum Ausscheiden zwang. Es war ein Auswahl-Abschied für immer – nach der achten Knieoperation gab Erich Hamann auf. Heute lebt er in Frankfurt/Oder und arbeitet im Christlichen Jugenddorf Seelow als Stützlehrer mit sozial benachteiligten Jugendlichen. Im Old-Star-Team Ost trifft er sich noch mehrmals im Jahr mit den Mitspielern von damals. Erst kürzlich spielte die Truppe in Magdeburg vor 10 000 Zuschauern gegen die 74er Europacupsieger des 1. FCM. Jürgen Sparwasser war auch dabei und stellte noch einmal klar: „50 Prozent des Tores gehören Erich Hamann.“
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