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Sachsen
Freitag, 10. Juni 2011

Experten uneins: Soll der Wolf ins Jagdrecht?

Von Jörg Schurig

Die Wölfe sind zurück und breiten sich im Osten Deutschlands aus. In betroffenen Gebieten sind sie inzwischen ein ernstes Thema. In Sachsen wird verbissen gestritten, ob sie ins Jagdrecht gehören.

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Soll der sich auch in Sachsen wieder vermehrende Wolf ins Jagdrecht aufgenommen werden? Darum ist ein erbitterter Streit entstanden. Foto: dpa

Dresden. „Der Wolf ist ein Naturereignis, so wie eine Überschwemmung oder ein harter Winter“, sagt der Wildbiologe Ulrich Wotschikowsky. Der Bayer bezeichnet sich als Jäger und Naturschützer gleichermaßen und ist am Freitag nach Dresden gekommen, um den sächsischen Landtag in einer wichtigen Angelegenheit zu beraten: Soll der unter Artenschutz stehende Wolf ins Jagdrecht oder nicht? Sachsen wäre das erste deutsche Bundesland, dass den Canis lupus zum jagdbaren Tier erklärt. „Eine Lizenz zum Töten wäre ein Bärendienst an Wölfen und Jägern“, meint Wotschikowsky.

Bei der Anhörung im Parlament sind an diesem Tag die Gegner einer solchen Regelung in der Mehrheit. Zunächst ist aber ein Jäger dran - der Vizepräsident des Landesjagdverbandes, Heinz Baacke, fängt aus alphabetischen Gründen an. Baacke verweist auf die emotional geführte Debatte um den Wolf in Sachsen und sagt voraus, dass Konflikte mit dem Räuber zunehmen werden. Tatsächlich ist jedes gerissene Schaf den Medien im Freistaat noch immer eine Meldung wert. In den betroffenen Regionen gibt es durchaus Sorgen, der Wolf könne in Bedrängnis selbst Menschen attackieren - auch wenn Fachleute das ausschließen.

Jäger sind doch Heger

Baacke meint, dass eine Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht dessen Schutz sogar erhöht. Denn Jäger seien zur Hege verpflichtet und könnten beim Monitoring helfen. Heidrun Heidecke vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hält rechtliche Bedenken entgegen. Der Artenschutz stehe über dem Jagdrecht. Auch ganzjährige Schonung gebe keine Garantie, weil Ausnahmeregelungen möglich seien. Heidecke glaubt, dass die Jäger „noch nicht so weit sind“, um Verantwortung zu übernehmen. Die Biologin Ilka Reinhardt berichtet von Jägern, die „auf dem Weg zum Hochstand nicht noch Wolfskacke aufsammeln wollen“.

Professor Henryk Okarma von der Polnischen Akademie der Wissenschaften wirbt dafür, die Wolfspopulationen in seinem Heimatland und in der Lausitz als Ganzes zu betrachten. „Wölfe können die Neiße überqueren.“ Die Zahl der Tiere in Westpolen schätzt er auf 30 bis maximal 90. In Sachsen und im Süden Brandenburgs sollen nach der aktuellen „Inventur“ sechs Rudel und zwei Paare ohne Nachwuchs leben - insgesamt rund 50 Tiere. Experten wie Wotschikowsky machen geltend, dass das „biologische Minimum“ an Wölfen in Deutschland noch nicht erreicht ist.

Platz für 2.400 Wölfe

„Aus Sicht des Wolfes gibt es in Deutschland Platz für 400 Rudel mit etwa 2.400 Tieren“, sagt Wotschikowsky. Das Minimum werde bei etwa 1.000 Wölfen angesetzt. Der Wildbiologe verweist auf Regelungen in anderen Ländern. Schweden habe die Zahl der Wölfe auf 210 festgelegt. Seitdem Wölfe dort geschossen würden, stehe das Land unter EU-Kritik. Oberbayern wolle „null Wölfe“ und die Region zu einer No-Go-Area für den Canis lupus machen. „Wir hatten mal einen halben Wolf, der ist zwischen Österreich und Bayern gewandert.“ Die Österreicher seien aufgefordert worden, den Wolf nicht mehr über die Grenze zu lassen.

Nur in einem Punkt sind sich alle Experten einig: Der Wolf wird sich sowohl in Polen als auch im Osten Deutschlands zahlenmäßig und räumlich weiter ausbreiten. Wotschikowsky weist aber auf einen anderen Umstand hin. „Es gibt eine soziale Kapazitätsgrenze.“ Dann würden die Leute „bis hierher und nicht weiter“ sagen. Den Wunsch nach einer Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht hält er letztlich für ein Minderheitenproblem. Jäger stellten weniger als ein Prozent der Wahlbevölkerung. „Dem Großteil der Menschen ist das völlig egal.“ (dpa)


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