Politik
Dienstag, 13. Oktober 2009
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Warum wir im Netz von unseren Kindern lernen müssen
Von Ewald Wessling
Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die Sächsische Zeitung kontroverse Essays, Kommentare und Analysen zu aktuellen Themen. Texte, die aus der ganz persönlichen Sicht des Autors Denkanstöße geben, zur Diskussion anregen sollen. Heute analysiert der Ex-Manager und Dozent Ewald Wessling, wie Computer und Internet das gesamtes Leben von Kindern und Jugendlichen dramatisch verändern. Sein Aufruf an die Älteren: Machen Sie mit und nutzen Sie die enormen Chancen!
Kolumbus gilt nicht als Entdecker von Amerika, weil er zuerst dort gewesen wäre – was er nachweislich nicht war –, sondern weil er als erster das Wissen über seine Entdeckung verbreiten konnte. Dazu verhalf ihm die Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts, durch den erstmals Schriften massenhaft erstellt werden konnten. Diese technologische Revolution ermöglichte die Verbreitung von Information und Wissen unter den Menschen, hat die Autorität von Kirche und Fürsten untergraben und die Grundlagen für Reformation und Aufklärung gelegt.
Genauso stellen heute Computer und Internet unsere gesellschaftlichen Institutionen und Autoritäten infrage, und sie werden unsere Gesellschaft ebenso nachhaltig verändern. Unsere Nachkommen werden uns schon bald so betrachten, wie wir unsere Vorfahren vor der Erfindung des Buchdrucks: beschränkt, abhängig und unmündig.
Digitale Eingeborene
Die ersten Veränderungen in unserer Gesellschaft lassen sich an den Digital Natives erkennen. Das sind die digital Eingeborenen, die mit Computern, Internet und der Maus in der Hand aufwachsen und all das als selbstverständlich erleben. Für Digital Natives ist das Internet das Leitmedium und ihr unverzichtbarer Zugang dazu der Computer, mit dem sie schreiben, lesen, Musik hören, fernsehen, telefonieren, Instant messagen, spielen, ihre eigenen Fotos, Musikstücke und Filme organisieren, bloggen, taggen oder twittern. Ihr Handy hält sie ununterbrochen mit ihren Freunden in Verbindung; Jungen lieben Computerspiele und Mädchen ihren MP3-Player.
Die ersten Veränderungen bei den jungen Menschen sind heute schon erkennbar: Im Multitasking, also der gleichzeitigen Nutzung mehrerer Medien, verringert sich die Aufmerksamkeitsspanne häufig schon auf wenige Minuten, und bei Digital Natives steigt die Fähigkeit zur schnellen Informationsverarbeitung: Hollywood hat deshalb heute Probleme Familienfilme zu drehen, weil diese entweder für die Alten zu schnell oder für die Jungen zu langsam geschnitten sind.
Digital Natives stehen über ihre Computer und Handys ununterbrochen im Kontakt mit den Menschen, die ihnen etwas bedeuten, und lernen, dass sie alles, immer, überall und sofort bekommen. Sie haben die Wahl, und wer jederzeit die Wahl hat, neigt immer weniger dazu sich festzulegen. Warum eine Party fest zusagen, wenn noch bis kurz vorher eine bessere Alternative winken kann? Verbindlichkeit wird für Digital Natives zum Fremdwort. Sie wollen ungebunden sein, aus einer Vielfalt auswählen, mitmachen, teilnehmen – Dynamik spüren.
Konflikt zwischen Älteren und Digital Natives
Der Konflikt zwischen den Älteren und den Digital Natives zeigt sich besonders deutlich bei dem Unterhaltungsmedium der Zukunft, den Computerspielen. Computerspiele sind Simulationen, in denen der Spieler sich ausleben kann, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen – ein großer Vorteil beispielsweise bei Flugsimulatoren und auch für das Lernen allgemein. Studien zeigen, dass Computerspieler bei Projekten in Unternehmen ein besseres Kooperationsverhalten zeigen oder auch eine bessere Augen-Hand-Koordination entwickeln: Eine Untersuchung der Iowa State University hat ergeben, dass Chirurgen, die sich mehr als drei Stunden pro Woche mit Computerspielen beschäftigen, bei bestimmten Operationen in der Bauchhöhle 27 Prozent schneller operieren und 37 Prozent weniger Fehler machen.
Während also Computerspiele für die Jungen selbstverständlich sind, werden sie von den Älteren nicht gespielt, nicht verstanden und dennoch beispielsweise als „Killerspiele“ verteufelt. Natürlich gibt es, so wie im Kino und Fernsehen Gewalt-, Horror- und Pornofilme gezeigt werden, vergleichbare Computerspiele. Und wie Glücksspiel süchtig machen kann, liegt diese Gefahr auch im übermäßigen Konsum von Computerspielen. Das macht sie aber nicht grundsätzlich schlecht.
Computer- und Internetsucht sind ernste Probleme, und hier müssen Kinder und Jugendliche besonders geschützt werden. Die weltweite und dezentrale Vernetzung im Internet macht es dabei schwierig bis unmöglich, Verbote bei Internet-Anbietern durchzusetzen und zu kontrollieren. Hier spiegelt sich der Generationenkonflikt im Zulauf bei der Piratenpartei gegen die neuen Gesetze von „Zensursula“ von der Leyen wider.
Chancen der Revolution 2.0
Kinder, Jugendliche und Süchtige werden zumindest vorläufig nur durch einerseits Befähigung und andererseits Aufsicht zu schützen sein, also durch Bildung und Erziehung, die in der Verantwortung von Eltern, Schulen und Gesellschaft liegen. Allerdings liegen Wissen und Können in der veränderten Welt heute nicht bei den Eltern und Lehrern, sondern bei den Kindern. Und die Geschichte der Menschheit deutet darauf hin, dass in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche die Jungen nicht auf die Alten hören. Wie wir damit umgehen können, steht noch aus.
Dabei zeigen sich auch positive Tendenzen: Barack Obama hat als erster Politiker die Chancen in der Revolution 2.0 für sich genutzt: Er hat einen eigenen Videokanal auf Youtube, er hat Millionen Freunde auf Facebook gewonnen, und er hat Fünf-Dollar-Wahlspenden im Internet zu Millionenbeträgen summiert. Vor allem aber hat er eines gezeigt: Die Jungen haben sich für ihn eingesetzt, sich politisch engagiert und es geschafft, dass in den USA die Wahlbeteiligung auf den höchsten Wert seit über hundert Jahren gestiegen ist! Wer hätte das für möglich gehalten?
Wir verschicken Milliarden von elektronischen Mitteilungen, die in Sekunden weltweit ihren Empfänger erreichen. Hunderte Millionen Menschen organisieren sich selbstständig in sozialen Netzwerken. Und das alles funktioniert einfach. Wikipedia ist als größte Enzyklopädie aller Zeiten die Erfüllung eines Jahrtausende alten Menschheitstraums, und in Sekundenbruchteilen erhalten wir von Google auf jede Frage eine Antwort. Zwei von drei Deutschen glauben, dass sich ihre Allgemeinbildung durch das Internet verbessert hat.
Die Veränderungen können uns schwindelig machen – zu Recht, denn vieles von dem, das heute noch utopisch oder unmöglich erscheint, werden wir noch selbst erleben. Begeistern wir uns dafür! Machen wir mit, probieren wir aus, lernen wir von unseren Kindern!
Der Vortrag von Ewald Wessling entstammt der Veranstaltungsreihe „SZ-Erfolgsforum“.
Genauso stellen heute Computer und Internet unsere gesellschaftlichen Institutionen und Autoritäten infrage, und sie werden unsere Gesellschaft ebenso nachhaltig verändern. Unsere Nachkommen werden uns schon bald so betrachten, wie wir unsere Vorfahren vor der Erfindung des Buchdrucks: beschränkt, abhängig und unmündig.
Digitale Eingeborene
Die ersten Veränderungen in unserer Gesellschaft lassen sich an den Digital Natives erkennen. Das sind die digital Eingeborenen, die mit Computern, Internet und der Maus in der Hand aufwachsen und all das als selbstverständlich erleben. Für Digital Natives ist das Internet das Leitmedium und ihr unverzichtbarer Zugang dazu der Computer, mit dem sie schreiben, lesen, Musik hören, fernsehen, telefonieren, Instant messagen, spielen, ihre eigenen Fotos, Musikstücke und Filme organisieren, bloggen, taggen oder twittern. Ihr Handy hält sie ununterbrochen mit ihren Freunden in Verbindung; Jungen lieben Computerspiele und Mädchen ihren MP3-Player.
Die ersten Veränderungen bei den jungen Menschen sind heute schon erkennbar: Im Multitasking, also der gleichzeitigen Nutzung mehrerer Medien, verringert sich die Aufmerksamkeitsspanne häufig schon auf wenige Minuten, und bei Digital Natives steigt die Fähigkeit zur schnellen Informationsverarbeitung: Hollywood hat deshalb heute Probleme Familienfilme zu drehen, weil diese entweder für die Alten zu schnell oder für die Jungen zu langsam geschnitten sind.
Digital Natives stehen über ihre Computer und Handys ununterbrochen im Kontakt mit den Menschen, die ihnen etwas bedeuten, und lernen, dass sie alles, immer, überall und sofort bekommen. Sie haben die Wahl, und wer jederzeit die Wahl hat, neigt immer weniger dazu sich festzulegen. Warum eine Party fest zusagen, wenn noch bis kurz vorher eine bessere Alternative winken kann? Verbindlichkeit wird für Digital Natives zum Fremdwort. Sie wollen ungebunden sein, aus einer Vielfalt auswählen, mitmachen, teilnehmen – Dynamik spüren.
Konflikt zwischen Älteren und Digital Natives
Der Konflikt zwischen den Älteren und den Digital Natives zeigt sich besonders deutlich bei dem Unterhaltungsmedium der Zukunft, den Computerspielen. Computerspiele sind Simulationen, in denen der Spieler sich ausleben kann, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen – ein großer Vorteil beispielsweise bei Flugsimulatoren und auch für das Lernen allgemein. Studien zeigen, dass Computerspieler bei Projekten in Unternehmen ein besseres Kooperationsverhalten zeigen oder auch eine bessere Augen-Hand-Koordination entwickeln: Eine Untersuchung der Iowa State University hat ergeben, dass Chirurgen, die sich mehr als drei Stunden pro Woche mit Computerspielen beschäftigen, bei bestimmten Operationen in der Bauchhöhle 27 Prozent schneller operieren und 37 Prozent weniger Fehler machen.
Während also Computerspiele für die Jungen selbstverständlich sind, werden sie von den Älteren nicht gespielt, nicht verstanden und dennoch beispielsweise als „Killerspiele“ verteufelt. Natürlich gibt es, so wie im Kino und Fernsehen Gewalt-, Horror- und Pornofilme gezeigt werden, vergleichbare Computerspiele. Und wie Glücksspiel süchtig machen kann, liegt diese Gefahr auch im übermäßigen Konsum von Computerspielen. Das macht sie aber nicht grundsätzlich schlecht.
Computer- und Internetsucht sind ernste Probleme, und hier müssen Kinder und Jugendliche besonders geschützt werden. Die weltweite und dezentrale Vernetzung im Internet macht es dabei schwierig bis unmöglich, Verbote bei Internet-Anbietern durchzusetzen und zu kontrollieren. Hier spiegelt sich der Generationenkonflikt im Zulauf bei der Piratenpartei gegen die neuen Gesetze von „Zensursula“ von der Leyen wider.
Chancen der Revolution 2.0
Kinder, Jugendliche und Süchtige werden zumindest vorläufig nur durch einerseits Befähigung und andererseits Aufsicht zu schützen sein, also durch Bildung und Erziehung, die in der Verantwortung von Eltern, Schulen und Gesellschaft liegen. Allerdings liegen Wissen und Können in der veränderten Welt heute nicht bei den Eltern und Lehrern, sondern bei den Kindern. Und die Geschichte der Menschheit deutet darauf hin, dass in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche die Jungen nicht auf die Alten hören. Wie wir damit umgehen können, steht noch aus.
Dabei zeigen sich auch positive Tendenzen: Barack Obama hat als erster Politiker die Chancen in der Revolution 2.0 für sich genutzt: Er hat einen eigenen Videokanal auf Youtube, er hat Millionen Freunde auf Facebook gewonnen, und er hat Fünf-Dollar-Wahlspenden im Internet zu Millionenbeträgen summiert. Vor allem aber hat er eines gezeigt: Die Jungen haben sich für ihn eingesetzt, sich politisch engagiert und es geschafft, dass in den USA die Wahlbeteiligung auf den höchsten Wert seit über hundert Jahren gestiegen ist! Wer hätte das für möglich gehalten?
Wir verschicken Milliarden von elektronischen Mitteilungen, die in Sekunden weltweit ihren Empfänger erreichen. Hunderte Millionen Menschen organisieren sich selbstständig in sozialen Netzwerken. Und das alles funktioniert einfach. Wikipedia ist als größte Enzyklopädie aller Zeiten die Erfüllung eines Jahrtausende alten Menschheitstraums, und in Sekundenbruchteilen erhalten wir von Google auf jede Frage eine Antwort. Zwei von drei Deutschen glauben, dass sich ihre Allgemeinbildung durch das Internet verbessert hat.
Die Veränderungen können uns schwindelig machen – zu Recht, denn vieles von dem, das heute noch utopisch oder unmöglich erscheint, werden wir noch selbst erleben. Begeistern wir uns dafür! Machen wir mit, probieren wir aus, lernen wir von unseren Kindern!
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