Politik
Montag, 12. Oktober 2009
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Wie viel Wahres steckt in Sarrazins Tirade?
Von Sven Siebert
Thilo Sarrazin, früher SPD-Finanzsenator Berlins, jetzt Bundesbank-Vorstand, hat in einem Interview mit der Kulturzeitschrift „Lettre International“ gesagt: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt.“ Er klagt über die wirtschaftliche, kulturelle und politische Gesamtsituation Berlins. Für Aufregung sorgten allerdings nur seine Zitate zur Situation der Einwanderer aus der Türkei und arabischen Ländern. Die Bundesbank legt ihm den Rücktritt nahe, die Berliner SPD diskutiert über seinen Parteiausschluss, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Anfangsverdachts der Volksverhetzung. Wie viel ist Provokation, wie viel ist Wahrheit in Sarrazins Thesen?
Behauptung 1: Die Türken
lehnen den Staat ab
Das „deutschen-feindliche“ Verhalten mancher Halbstarker mit türkisch-arabischen Wurzeln spricht für diese These. Mit Blick auf die Gesamtheit der türkischen und arabischen Migranten ist sie aber nicht zu belegen. Neuköllns Sozialstadtrat Michael Böge (CDU) verweist auf eine Umfrage, derzufolge die Identifikation der Türken mit Deutschland sogar höher sei als im Durchschnitt der Bevölkerung. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass viele türkische und arabische Einwanderer manchmal noch nach Jahrzehnten Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. In den ersten Klassen Berliner Grundschulen gibt es Kinder, die nur Türkisch können. Sie und ihre Eltern lehnen Deutschland vielleicht nicht ab, leben aber nicht in der deutschen, sondern in einer türkischen Gesellschaft.
Behauptung 2: Anderen
gelingt die Integration besser
Sarrazin sagt über andere Einwanderergruppen: „Die Vietnamesen: Die Eltern können kaum Deutsch, verkaufen Zigaretten oder haben einen Kiosk. Die Vietnamesen der zweiten Generation haben dann durchweg bessere Schulnoten und höhere Abiturientenquoten als die Deutschen. […] Sie sind integrationswillig, passen sich schnell an und haben überdurchschnittliche akademische Erfolge.“ 48 Prozent der 20- bis 39-jährigen Nachkommen von Einwanderern aus Fernost haben Abitur. In Berlin-Lichtenberg und -Marzahn sind 17 Prozent der Gymnasiasten Kinder ehemaliger „Vertragsarbeiter“. Deren Anteil an der Bevölkerung beträgt nur zwei Prozent. Untersuchungen zeigen, dass Bildung bei türkischstämmigen Eltern geringeren Stellenwert hat. „Die Folge ist leider nicht selten eine gescheiterte Schullaufbahn, dann kein Ausbildungsplatz, Hartz IV, aber auch das Abgleiten in die Kriminalität“, sagt Heinz Buschkowsky, SPD-Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln.
Behauptung 3: Sozialhilfe
hemmt die Integration
„Dieselbe [arabische] Sippe ist nach 20 Jahren in Schweden [ein Land mit einem ähnlichen Sozialsystem wie Deutschland] immer noch frustriert und arbeitslos, in Chicago hingegen integriert“, zitiert Sarrazin aus einer Studie. Und er sagt, Türken und Araber hätten in Berlin „keine produktive Funktion, außer für den Obst und Gemüsehandel“. Tatsächlich sind die Sozialleistungen für Einwanderer in den USA gleich null. Wer nicht arbeitet, landet auf der Straße. In Deutschland erhält eine sechsköpfige Familie rund 1500 Euro ALG II und Wohngeld – das kann ein ungelernter Familienvater sonst kaum erwirtschaften. Das gilt allerdings auch für deutsche Familien. Die Arbeitslosigkeit ist unter Migranten in Berlin allerdings überproportional hoch. Der Zusammenbruch der hoch subventionierten (West-)Berliner Industrie nach 1990 hat die türkischen (Gast-)Arbeiter schwer getroffen. Die Gemüsehändler sind allerdings ein Beispiel für besonders aktives Erwerbsleben. Nicht selten haben ihre Läden viel länger geöffnet als die deutscher Händler.
Behauptung 4: Die
höhere Geburtenrate
„Die Türken erobern Deutschland genauso wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate“, behauptet Sarrazin. Abgesehen davon, dass Sarrazins Behauptung Assoziationen weckt wie Unterwanderung oder „ethnische Säuberung“– ein Blick in Berlins Geburtskliniken zeigt: Der Anteil türkischer und arabischer Mütter ist überproportional hoch. Tatsächlich bekommen ausländische Berlinerinnen im Durchschnitt mehr Kinder als deutsche Mütter. Arabische und türkische Paare bekommen zwei Kinder, deutsche nur 1,2. Und so steigt der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Allerdings hat niemand den Deutschen vorgeschrieben: Bekommt weniger Kinder. Und keiner sagt den Türkinnen: Verdrängt die Deutschen.
Behauptung 1: Die Türken
lehnen den Staat ab
Das „deutschen-feindliche“ Verhalten mancher Halbstarker mit türkisch-arabischen Wurzeln spricht für diese These. Mit Blick auf die Gesamtheit der türkischen und arabischen Migranten ist sie aber nicht zu belegen. Neuköllns Sozialstadtrat Michael Böge (CDU) verweist auf eine Umfrage, derzufolge die Identifikation der Türken mit Deutschland sogar höher sei als im Durchschnitt der Bevölkerung. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass viele türkische und arabische Einwanderer manchmal noch nach Jahrzehnten Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben. In den ersten Klassen Berliner Grundschulen gibt es Kinder, die nur Türkisch können. Sie und ihre Eltern lehnen Deutschland vielleicht nicht ab, leben aber nicht in der deutschen, sondern in einer türkischen Gesellschaft.
Behauptung 2: Anderen
gelingt die Integration besser
Sarrazin sagt über andere Einwanderergruppen: „Die Vietnamesen: Die Eltern können kaum Deutsch, verkaufen Zigaretten oder haben einen Kiosk. Die Vietnamesen der zweiten Generation haben dann durchweg bessere Schulnoten und höhere Abiturientenquoten als die Deutschen. […] Sie sind integrationswillig, passen sich schnell an und haben überdurchschnittliche akademische Erfolge.“ 48 Prozent der 20- bis 39-jährigen Nachkommen von Einwanderern aus Fernost haben Abitur. In Berlin-Lichtenberg und -Marzahn sind 17 Prozent der Gymnasiasten Kinder ehemaliger „Vertragsarbeiter“. Deren Anteil an der Bevölkerung beträgt nur zwei Prozent. Untersuchungen zeigen, dass Bildung bei türkischstämmigen Eltern geringeren Stellenwert hat. „Die Folge ist leider nicht selten eine gescheiterte Schullaufbahn, dann kein Ausbildungsplatz, Hartz IV, aber auch das Abgleiten in die Kriminalität“, sagt Heinz Buschkowsky, SPD-Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln.
Behauptung 3: Sozialhilfe
hemmt die Integration
„Dieselbe [arabische] Sippe ist nach 20 Jahren in Schweden [ein Land mit einem ähnlichen Sozialsystem wie Deutschland] immer noch frustriert und arbeitslos, in Chicago hingegen integriert“, zitiert Sarrazin aus einer Studie. Und er sagt, Türken und Araber hätten in Berlin „keine produktive Funktion, außer für den Obst und Gemüsehandel“. Tatsächlich sind die Sozialleistungen für Einwanderer in den USA gleich null. Wer nicht arbeitet, landet auf der Straße. In Deutschland erhält eine sechsköpfige Familie rund 1500 Euro ALG II und Wohngeld – das kann ein ungelernter Familienvater sonst kaum erwirtschaften. Das gilt allerdings auch für deutsche Familien. Die Arbeitslosigkeit ist unter Migranten in Berlin allerdings überproportional hoch. Der Zusammenbruch der hoch subventionierten (West-)Berliner Industrie nach 1990 hat die türkischen (Gast-)Arbeiter schwer getroffen. Die Gemüsehändler sind allerdings ein Beispiel für besonders aktives Erwerbsleben. Nicht selten haben ihre Läden viel länger geöffnet als die deutscher Händler.
Behauptung 4: Die
höhere Geburtenrate
„Die Türken erobern Deutschland genauso wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate“, behauptet Sarrazin. Abgesehen davon, dass Sarrazins Behauptung Assoziationen weckt wie Unterwanderung oder „ethnische Säuberung“– ein Blick in Berlins Geburtskliniken zeigt: Der Anteil türkischer und arabischer Mütter ist überproportional hoch. Tatsächlich bekommen ausländische Berlinerinnen im Durchschnitt mehr Kinder als deutsche Mütter. Arabische und türkische Paare bekommen zwei Kinder, deutsche nur 1,2. Und so steigt der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Allerdings hat niemand den Deutschen vorgeschrieben: Bekommt weniger Kinder. Und keiner sagt den Türkinnen: Verdrängt die Deutschen.
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