sz-online.de | Sachsen im Netz
Politik
Samstag, 27. Juni 2009

Klasse-Zeiten für „Kunden, Gammler und andere asoziale Subjekte“

Von Christian KUNO Kunert
Bildergalerie

Der Musiker und Liedermacher Christian KUNO Kunert.

Klasse Zeiten für Rebellisches waren das, diese 60-er! Man brauchte sich nur die Haare über die Ohren kämmen, schon wurde man ernst genommen. In Sekundenschnelle wurde aus Dir ein Rüpel (für die Ü-30-Generation), ein Urmensch (für Ästheten), ein asoziales Subjekt (für die Polizei), ein Gammler (für die Zeitung), ein potentieller Verweigerer (Armee), ein Staatsfeind (Geheimdienst), manchmal auch Jesus (Sonstige). Der Schuldirektor persönlich setzte sich mit dem Schnitt Deiner Hose auseinander. Der Parteisekretär an der Uni hatte sich mit Deinem Bartwuchs zu beschäftigen. Die falsche Melodie auf den Lippen, standst Du mit einem Bein im Knast - mein Gott, was müssen die armen Kinder heutzutage für Verrenkungen machen, um Aufmerksamkeit zu erlangen!

Das vorgegebene Thema für diesen Aufsatz behauptet, dass es Bluesfreaks gab in der DDR , Tramps und Hippies. Nun, Tramper gab es sicher schon in meiner Jugend, womöglich mehr als Autos. Aber für "Tramps" gab das Land eigentlich zu wenig Grenzen- und Ziellosigkeit her, und für richtige Hippies fehlte es doch bisschen an Farbe, Dope und Freedom, oder? Die Bluesfreaks indes traf man überall, wo Musik lärmte und Alkohol zu verdunsten drohte, auch wenn "Freaks" (ursprünglich "Launen der Natur", leicht verrückte, verschrobene oder verbaute Zeitgenossen) erst später als Begriff für nicht klassi- bzw. kastifizierbare Teenager in den Sprachgebrauch Einzug hielten. Zu meiner Zeit hießen sie Beatfans, Kunden oder Luden. Aber ich kann nur bis Mitte der 70-er mitreden, danach bekam ich es mit einer anderen Szene zu tun: Linksradikale, Aussteiger, Anti-Atomkraft-Bewegung. Auch spannend. Aber vergleichsweise satt und gesittet.

Wie wir wissen, war Musik in unserer sozialistischen Heimat nicht einfach ein Ton- und Klanggemisch, sondern ein Politikum, das der großen Sache gefährlich werden konnte bzw. ihr gegebenenfalls dienen (davon konnten Ernst Busch oder Hartmut König ein Lied singen). Leider waren sich nationalsozialistische und kommunistische Kulturfunktionäre da ähnlich: Sowas wie eine "Reichskulturkammer" oder später ein "Komitee für Unterhaltungskunst" fällt nur ideologisch Beseelten ein. So wie die Nazis sich von Mendelssohn Bartholdys Musik bedroht fühlten, weil der ein Jude war oder sich bei Jazz schüttelten, weil sie den "Untermenschen" als Verursacher ausgemacht hatten, so wurden auch unter der SED Musiker und Musikstile misstrauisch beäugt und in Gut und Böse eingeteilt, notfalls durch gezieltes Verschweigen zu unteroberflächlicher Existenz verdonnert. (Kurt Thomas z. B., der Thomaskantor aus Frankfurt am Main, der den Job schmiss, weil er sich durch die Partei nicht gängeln lassen wollte, wurde zum Nichtmenschen, zum Leerzeichen, zum Zeilensprung: Seine Aufnahmen wurden zwar häufig im Funk gesendet, aber stets ohne Angabe der musikalischen Leitung. Wenn also in der Programmzeitung kein Dirigent stand, wusste man, es ist Kurt Thomas.) Kirchenchoräle waren suspekt wie auch zunächst die Zwölftonmusik, wogegen Hanns Eisler allerdings höchstpersönlich einschritt. Jazz war bei den Nazis "Urwaldmusik" und galt unter Ulbricht lange als "westlich dekadent", bevor Rock´n Roll und Beat in diesem Topf gekocht wurden, nur noch etwas heißer. Die Vorstellung, dass ihre "Junge Garde" öffentlich die Beine verknoten oder Haarschöpfe schütteln könnte wie Elvis oder Beatles es vormachten, oder dass ihr die diversen Manifestationen der Partei am sprichwörtlichen Arsch vorbei gehen könnten, selbiger noch dazu in Glockenhosen oder Blue Jeans [´ni:dnho:sn] einher stolzierend, war den Veteranen ein Gräuel.

Warum erzähle ich das alles? Das Thema lautet; "Wie schmeckte die DDR?" Aber was hat Ulbricht mit Geschmack zu tun?

Nun, wie wir uns gut erinnern, ließ sich die Regierung ihre Beliebtheit gern mittels Wahlen oder Kampfdemonstrationen durch das Volk bestätigen (Dabei störte es wenig, dass die Wahlen gefälscht und die Demonstrationen Pflichtveranstaltungen waren. Es soll ja auch Männer geben, die die Angebetete würgen müssen, bis "Ich liebe Dich" kommt.) Besonders die Jugend galt es zu begeistern. Sie sollte die ganze Fürsorge der Partei zu spüren bekommen und zum Dank ewig für sie glühen. Doch da ist ein gar nicht kleiner Teil dieser Jugend, der sich einfach abklemmt, der samt Muse, Mode und Musik ganz andere Höhen zu erklimmen sucht, jenseits aller staatlichen Jugendförderung, pfeifend auf die viel gerühmten revolutionären Errungenschaften - das tut weh. Das ist nicht zu kapieren. Das gibt Anlass zum Schmollen: "Müssen wir denn jeden Dreck vom Westen übernehmen?", maulte Ulbricht und meinte die Beat-Musik, auf die er eifersüchtig war, denn sie war charmant und im Begriff, die ganze Welt zu erobern. Aber sie war ein Blümchen von der West-Wiese und sollte in seiner DDR nicht duften dürfen.

Der Groll des Obersten schlug bald um in blinde Wut: Er verbat sich diese Töne, wer dagegen protestierte, wurde von der Straße gekehrt wie Kirmeshinterlassenschaft. Schlagartig war damit ein Teil der Jugend, gern "arbeitsscheue Elemente" genannt, kriminalisiert und wurde entsprechend behandelt. Das hieß für die Auffälligsten Haarschnitt durch die Polizei, für die Vorlautesten ab in die Braunkohle. Karl Eduard von Schnitzler empfahl ein reinigendes Bad in seinem Schwarzen Kanal. Er hatte, selber Akkordeonspieler, nichts übrig für die Gitarrenklänge seiner jungen Musikerkollegen. Ein ganzes Magazin schoss er leer in Richtung Liverpool, was den Vorteil hatte, dass man mal ein paar Beatles-Bilder zu sehen und stückweise "Twist And Shout" zu hören bekam im Ostfernsehen. Danke, Ede. Aber die Beat-Bands verloren ihre Spielgenehmigungen, mussten einer Neuerteilung Repertoire, Frisuren und sogar ihren Namen opfern. Aus den heißen SHATTERS oder GUITAR CRASHERS wurden alberne Meier-Combos oder Müller-Quintetts, die zur Einstufung wie geläutert im Anzug erschienen und DDR-Schlager intonierten. Kaum losgelassen jedoch, warn sie wieder die Alten. Die Musik fand weiter statt, Verbot hin, Kontrolle her. Bands und Kids emigrierten, weil es ja nicht anders ging, ins Landesinnere. Wenn in den Städten immer mal eine Band verboten wurde, weil es im Klubhaus zu wild hergegangen war, blieben die richtigen Löwenhöhlen in der Provinz wie Mülsen oder auch Dresden Hellerau weitgehend unbehelligt. Eigentlich nicht so recht zu verstehen, wo doch der Staat ansonsten allgegenwärtig war und ständig Loyalitätsbeweise forderte. Vielleicht war es den Verantwortlichen recht, wenn sich die Verrückten am Wochenende jenseits der sozialistischen Kulturpolitik austobten, solange sie dann halbwegs gesittet in den Alltag zurückkehrten? Oder sie waren einfach zu faul für Kontrollgänge? Wie bei der Ameisenbekämpfung: Sind keine mehr zu sehen, will man gern glauben, es seien keine mehr da. Andernfalls müsste man unter die Dielen, und das strengt an.

Damit sind wir bei dem treffenden Terminus "Untergrund". Oder noch besser: Underground. So sahen sie sich gerne, Bands wie Fans. Rätselhaft bleibt, wie sich diese Szene jenseits aller Losungen und Kampagnen allwöchentlich da unten versammeln konnte. Sie war ja nicht gerade klein oder unauffällig, traf sich allerdings weit weg vom Schuss, weit weg auch von den Normen der sozialistischen Kulturpolitik, noch weiter weg von den Moralvorstellungen der Schreibtischhelden. Wie kleine staatenlose Enklaven boten sich die zehn, zwanzig Dorfgasthäuser dar, in denen "was los" war. Die Wirte riskierten ihre Konzession, die Bands ihr Auskommen, Idealismus war, neben Geschäftssinn, durchaus im Spiel, wenn dort die Party stieg. Und die hatte es in sich, das kann ich unter Eid bezeugen. Selbstredend gab es keinerlei öffentliche Ankündigung der Veranstaltungen. Welche Band wann wo spielte, war nur vor Ort oder durch Flüsterpost zu erfahren, wirkungsvoller als alle PR-Aktionen, wie wir sie heute kennen. Die Säle waren rappelvoll, woran ich mich gern erinnere. Man durfte nicht so viel verdienen, wie eingenommen wurde. Also ging bei der Abrechnung Schwarzgeld übern Tisch, manchmal noch ´ne hausschlachtene Wurst als Zugabe.

Natürlich war die Szene auch politisiert, schon dadurch, dass die Musik zum Politikum, zur Chefsache erklärt worden war. Wenn man mit dem Vorstadtzug nach Gaschwitz fuhr war klar, man würde Gleichgesinnten begegnen, was die Zuneigung zum Staat DDR betrifft. Aber darüber musste man hier nicht reden. Wichtig waren Musik, Vögeln, Getränk und ein Gefühl der Losgelöstheit von Pflicht, Familie, Schule, Job und Staat, das man nirgendwo sonst im Lande fand. Es war uraltes Gebälk, was da durch die allgemeine Ausgelassenheit auf seinen Halt geprüft wurde, Renovierungen standen nicht an. Die Gaschemmen waren einst vorgesehen für Dorftanz mit Blaskapelle und mussten nun, ständig überfüllt, den Lärm von Pop-Konzerten aushalten. Ich kann Worte machen, so viel ich will - den charakteristischen Geruch der Clos werde ich nicht in seiner Ganzheit erfassen können. Auch fühle ich mich außerstande, die Geräusche zu beschreiben, die auf der Bühne mit selbstgebasteltem oder aus volkseigener Produktion hervorgegangenem Equipment (REGENT) erzeugt wurden. Noch weniger ist es mir möglich, die Zusammensetzung der Luft oder besser: dessen, was man dort zum Atmen benutzte, in ihrer ganzen Sinnlichkeit verbal zu vermitteln. Am leichtesten geht das noch mit den Augenfreuden, ein pittoreskes Mischwerk aus Jungfrauen, Bierlachen, Zigarettenstummeln, Liebespärchen, Kotzhaufen, Frust und Lebenslust. Und vonwegen Komasaufen ist eine Errungenschaft des 21. Jahrhunderts - das könnt Ihr vergessen, Freunde. "Blues", verstehste.

Der alte Blues war in seiner Zweifachbedeutung als Songform und Lebenslage übers große Wasser geschwappt und erlebte einen Boom in Europa, die Rolling Stones waren die bekanntesten Wellenmacher gewesen. Die Schlichtheit der Songs mit ihren drei Harmonien und den erdigen Lyrics - das traf genau auf die Zwölf, das verband. Das war der Suppentopf, aus dem es allen schmeckt.

Fünf Jahre waren Rock und Beat offiziell tabu, dann änderte sich die kleine DDR-Welt mit der Vergabe der Weltfestspiele an Ostberlin in manchem, auch in puncto Musikbetrieb. Wollte man nicht als hinterwäldlerisch in Erscheinung treten, musste man der Weltjugend ein paar gewohnte Klänge bieten. Die besten Bands wurden vom Fleck weg für Funk und Platte engagiert, sozusagen von trübem in Klarwasser überführt, was nebenbei den Vorteil bot, dass man sie besser unter Kontrolle hatte. Ziemlich genialer Schachzug, wie sich rausstellte. Leider nicht überliefert ist die Reaktion Walter Ulbrichts auf die Geburtsstunde dessen, was man heutzutage "Ostrock" nennt. Fakt ist, dass er mitten in den Weltfestspielen, just während die eben noch verbotenen Bands mit der von ihm geschassten Musik ganz offiziell auf dem Alexanderplatz abräumten, gestorben ist. Sowas gibt`s.

Der Text entstand für die Vortragsreihe „Wie schmeckte die DDR?“ der Konrad-Adenauer-Stiftung in Dresden.


Druckvorschau Artikel empfehlen Feedback


Link senden an Facebook Link senden an Twitter Link senden an StudiVZ Link senden an Mr. Wong Link senden an MySpace Link senden an del.icio.us bodytext Link senden an Folkd Link senden an Google Bookmarks Link senden an Live-MSN Link senden an YahooMyWeb Link senden an Linkarena Link senden an NewsVine Link senden an Reddit Link senden an StumbleUpon Link senden an Y!GG ...mehr



sz-online-Partnersites

Weitere Online-Angebote der Bertelsmann AG | Weitere Online-Angebote der DD+V-Mediengruppe