Kultur
Samstag, 11. April 2009
(Sächsische Zeitung)
(Sächsische Zeitung)
Elvis Presley fand ich richtig sexy
Stargeigerin Anne-Sophie Mutter musiziert erneut zu Dresdens Musikfestspielen. Vorab spricht sie über Höhenflüge mit Kurt Masur und Tricks von Magiern.
Schöne Frau und große Musikerin: Anne-Sophie Mutter. Privat spielt die Geigerin „gern und mit meinen begrenzten Fähigkeiten Klavier. Foto: DG
In sz-online
Mit dem betörend schönen Violin-Konzert von Felix Mendelssohn Bartholdy wird Anne-Sophie Mutter am 30. und 31. Mai Gast bei der Dresdner Philharmonie sein. Die Vorab-CD mit weiteren lohnenswerten Mendelssohn-Stücken ist seit Wochen in den Klassikcharts ganz oben – aufgenommen hat die Geigerin das Platte unter anderem mit Stardirigent Kurt Masur.
Frau Mutter, wer Ihre schöne Mendelssohn-Platte von 1980 mit Herbert von Karajan am Pult hat, warum sollte der Ihren neuen Mendelssohn hören?
Also müssen muss ja keiner. Aber in der Entwicklung eines Künstlers gibt es immer Zwischenplateaus auf dem Weg zur vielleicht idealen Interpretation. Und diese Plateaus bieten Raum für eine Rückschau. Nun habe ich mich mit Mendelssohn im Gegensatz zu vielen anderen Komponisten nicht durchgängig beschäftigt. Doch vor einigen Jahren habe ich sein Violin-Konzert wiederentdeckt und durch ein Neustudium einen ganz anderen Zugang gefunden. Ich glaube, ich bin heute dem Charakter Mendelssohns viel näher. Mein Spiel ist transparenter, bringt sein typisches vorwärtsdrängendes Element und sein enormes Lied-Verständnis besser zur Geltung.
Haben Sie wie bei Ihren Beethoven-Entdeckungen vor Jahren die Original-Partitur studiert?
Ich habe mich mit der ursprünglichen, der revidierten und der dann von Mendelssohn autorisierten Fassung beschäftigt. Da alles bekannt ist, gab es keine neuen Geheimnisse zu entdecken, zumal Mendelssohn in seiner Schreibweise nicht ganz so leidensvoll war wie etwa Beethoven. Bei dem kann man tatsächlich den Leidensweg sehen, die erhöhte Geschwindigkeit, mit der er manche Passagen unleserlich hingekritzelt hat. Im Falle Mendelssohn war nun das Studium von biografischem Material über ihn die größte Inspirationsquelle. Er war ein großere Humanist und vielseitiger Künstler, der das kulturelle Bild im Deutschland des 19. Jahrhunderts entscheidend mitprägte.
Erstmals nahmen Sie die Sonate in F-Dur auf, die Mendelssohn nicht freigegeben hatte. Ist das in seinem Sinne?
Dass er die Überarbeitung mancher Werke nicht abschließen konnte, ist für mich kein Hinderungsgrund, ihn aufzuführen. Dann dürften wir auch viele andere Werke wie seine Italienische Sinfonie nicht spielen.
Warum hatten Sie das so schöne und viel gespielte Violin-Konzert so lange weggelegt?
Vielleicht, weil ich wie viele meiner jungen Kollegen früh mit dem virtuosen Mendelssohn-Konzert begonnen habe? Mit neun spielte ich mit Mozart mein erstes Orchesterkonzert, mit elf kam Mendelssohn. Vielleicht habe ich, im Gegensatz zu Mozarts Musik, eine Zeit lang die Tiefe dieser Musik unterschätzt. Im ersten Augenblick scheint sie nur elegant. Sie ist sparsam orchestriert und so transparent, dass man meint, alles darüber zu wissen. Ich hatte mich daran überspielt und war als Spät-Teenager nicht in der Lage, einen neuen Zugang zu finden. Diese Trennungszeit war wichtig, und ich kann heute kompromissloser dem Wunsch des Komponisten folgen.
Freiwillig haben Sie sich dem Werk nicht genähert. Es war ein Wunsch von Kurt Masur.
Es war auch nicht unfreiwillig. Aber tatsächlich kam der pochende Anstoß von Maestro Masur, sodass ich ihm brav zum 80. Geburtstag im März 2008 diesen Wunsch erfüllen wollte. Ich hatte Jahre zuvor bereits angefangen, mich mit Tempi- und Phrasierungsfragen zu beschäftigen. Mit Maestro Masur den Mendelssohn zu spielen und aufzunehmen, war mir wichtig. Er ist der bedeutendste Mendelssohn-Kenner, gab mir entscheidende Hinweise zum Werk, zeigte mir Beziehungen zu anderen Stücken auf.
Zu den Dresdner Musikfestspielen musizieren Sie mit Kurt Masur und der Philharmonie im Kulturpalast. Stört Sie die mäßige Palast-Akustik?
Ich erinnere mich leider an die Akustik. Aber Kurt Masur hat mit der Kulturpalast-Akustik noch mehr Erfahrungen als ich. Man muss die Tempi dem trockenen Umfeld anpassen, was für Mendelssohn von Vorteil sein kann, denn der letzte Satz ist ja ein elfengleicher Spuk, der, bis auf wenige Ausnahmen, im Pianomissimo rast, förmlich schwebt. Da ist eine subjektive, trockene Akustik optimal. In einem idealen Saal wie dem Musikverein in Wien würde ich ein so hohes Tempo nicht spielen wollen, weil die Musik versuppt. Für die lyrischen Passagen wiederum ist ein Saal, der mitatmet, ein Traum.
Als Zuschauer berührt mich, wie Kurt Masur durch die Parkinson-Krankheit gehandicapt ist. Alle zehn Sekunden fällt ihm die Hand herunter. Beeinflusst solch Dirigat Ihr Konzert?
Die große Kunst beim Dirigieren ist, dass man gespürt wird. Karajan hat man ungerechterweise vorgeworfen, mit geschlossenen Augen zu dirigieren. Eins ist richtig: Wir Musiker stellen meist auf Halbmast, sehen aber aus den Augenwinkeln. Nicht bestimmte Bewegungen sind das Entscheidende, sondern die Arbeit während der Proben. Man muss zusammen atmen. Und, um ein Orchester am Abend zu Höchstleistungen anzuspornen, muss ein Dirigent loslassen können. Das inspiriert viel mehr. Ich kann Ihnen versichern, meine jüngsten musikalischen Höhenflüge mit Masur etwa zum Mendelssohn-Geburtstag in New York waren fantastisch.
Ihr Konzert zu den Festspielen ist Ihr sechstes in Dresden seit 1995. Mögen Sie die Stadt?
Ich bin stets gerne in Dresden gewesen, auch wegen der wunderbaren Sammlungen. Auf den Besuch des Grünen Gewölbes freue ich mich absolut. Und das Konzert 2007 in der Frauenkirche war ein wichtiges Erlebnis. Nicht umsonst habe ich zum Abschluss das Ave Maria gespielt. Dass auch die Frauenkirche akustisch nicht unbedingt zu den idealsten Räumen auf dem Globus gehört, ist bekannt. Aber es ist ein spiritueller und damit ein besonderer Ort. Ich habe das Konzert als Heilungsséance empfunden.
Viele Geiger dirigieren auch, Sie nicht – warum?
Ich würde angesichts des riesigen, unglaublich aufregenden Repertoires gerne dirigieren. Aber meine Lebenszeit ist dafür leider zu kurz. Ich habe auch die Schlagtechnik nie ausreichend studiert. Natürlich kann ich ein Orchester leiten, natürlich kann ich ein Orchester inspirieren. Ich weiß, was ich will, und weiß, wie ich das mitteilen kann. Aber für ein Repertoire nach Mozart ist meine Schlagtechnik nicht ausreichend. Ich würde sicher damit durchkommen, aber seriös wäre es nicht und gut genug schon gar nicht. Dirigent ist ein Berufszweig für sich. Es ist eben nicht nur das Taktschlagen. Ein Dirigent feilt nicht umsonst Jahrzehnte an seinen Ausdrucksmitteln.
Gibt es andere Instrumente, die Sie interessieren?
Ich würde gern das Klavier-Repertoire erforschen. Im Sommer und Herbst, wenn ich einige Sabbat-Monate nehme, werde ich intensiv Klavier üben. Es gibt ein paar Werke, die ich mit meinen begrenzten Fähigkeiten spielen kann – für mich, nicht in der Öffentlichkeit.
Kommen Sie mit Dirigentinnen zurecht?
Ich hatte selten das Vergnügen und bin sowieso der Meinung, dass in der Musik das Alter und Geschlecht keine Rolle spielen. Dennoch wird sich das Publikum erst noch daran gewöhnen müssen, dass es Dirigentinnen gibt. Wenn Sie darauf hinaus wollen, ob ich starke Frauen am Pult akzeptiere, kann ich nur sagen: Ich liebe Musiker, die ihre ganz eigenen Sichtweisen mitbringen und engagiere mich deshalb dafür, dass bereits in den Kindergärten Musik vermittelt wird – Musik lehrt uns, uns einzufügen und trotzdem unsere Individualität zu wahren. Man muss in der Lage sein, einen Konsens zu finden, ohne sich aufzugeben. Das ist eine wunderbare Lebensschule.
Sie engagieren sich für viele musische und soziale Projekte, auch für Kinderheime in Rumänien und Weißrussland. Bewirken Sie mehr als einen Tropfen auf den heißen Stein?
Selbst, wenn es nur 20 oder 30 Mädchen sind, die in unserem Heim im rumänischen Orlat eine Ausbildung erhalten, sind das 20 oder 30 Mädchen, die vor dem drohenden Schicksal von Zwangsehe und Prostitution bewahrt werden. Im Heim können sie in Ruhe zur Frau wachsen und eine Berufsausbildung machen. Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber Mutter Teresa hat einmal das wunderbare Bild beschrieben, dass viele Tropfen einen Krug füllen.
Zurück zur Musik: Ihre vorletzte CD bot für viele Fans wie Skeptiker die Überraschung, wie Sie Bach spielten. Wann geht diese Entdeckung weiter?
Mein Zugang zu Bach war sehr stark von den Barockbögen inspiriert worden. Sie vermittelten die Möglichkeit, die von Bach so genau artikulierten, wunderbaren Phrasierungen technisch überhaupt zu bewältigen. Dieses Wissen wird starken Einfluss auf mein Wiederstudium der Solosonaten haben. Das heißt nicht, dass ich die Solosonaten mit Barockbogen spielen werde. Aber die genaueste Information ist das Mindeste, was man suchen sollte. Und da bietet die heutige Zeit doch ganz andere Möglichkeiten. Zu meiner Teenager-Zeit gab es nicht einmal Faksimile-Ausgaben etwa von Mozart geschweige denn die exzellenten Bärenreiter-Ausgaben. Man kann sich heute sehr genau mit den Werken auseinandersetzen. Bach wird mich mehr als in der Vergangenheit künftig interessieren, weil ich um seine Wichtigkeit mehr und mehr weiß, und es mich auch drängt. Aber ich habe noch einige Uraufführungen bis dahin zu realisieren.
In Gegenwart von Magiern werden Sie zu einem anderen Menschen, sagen Sie. Wie das?
Ich mutiere zurück zum staunenden Kind. Es ist doch herrlich, sich von einem Magier verzaubern zu lassen, mal nicht von einem Musiker, Maler, Schriftsteller oder von meinen Kindern. Ich sehe unheimlich gern die Sendung „The next Uri Geller“. Natürlich sind viele Tricks bekannt. Das Faszinierende ist vielleicht nicht der Trick selbst, sondern die Art und Weise wie man als Zuschauer gelenkt wird. Das hat auch ein bisschen mit dem Musiker zu tun, der die Aufmerksamkeit des Publikums möglichst schnell auf ein Stück focussieren muss. Zu einem bestimmten Zeitpunkt top zu sein, das begeistert mich. Deshalb bewundere ich auch Einzelkämpfer im Sport wie den Tennisspieler Roger Federer, der die Asse punktgenau serviert.
Die Plattenfirmen vermarkten immer mehr junge, blonde Geigerinnen. Geht das gut, oder sehen Sie darin Gefahren?
Auffallend ist, dass es heute noch viel schwerer ist, als zu meiner Teenager-Zeit, ganz in Ruhe als Musiker zu wachsen, ohne in das Fahrwasser zu geraten, schnell berühmt werden zu wollen und zu müssen. Das Wunderkind-Wunder gab es schon zu Mozarts Zeiten und dessen Ausbeutung wird seit Jahrhunderten gepflegt. Mich tröstet, dass es nach wie vor junge Künstler gibt wie den deutschen Cellisten Daniel Müller-Schott, der es mit viel Geduld und letztlich Hingabe an die Musik nun an die Spitze geschafft hat. Er ist durch meine Stiftung gefördert worden, die sich seit elf Jahren dem Streichernachwuchs weltweit widmet. Das Ziel ist, dass sich Qualität durchsetzt, denn es geht ja um das Dienen am Werk und nicht um die Selbstverwirklichung als Mode- oder Werbeträger.
Frau Mutter, Sie sind 45 Jahre alt, also in einem Alter, wo das Essen doppelt so gut ansetzt wie zuvor. Bei Ihnen scheinbar nicht – dank Sport oder Diät?
Ich habe Sport vor einigen Jahren für mich entdeckt, um noch fitter zu sein. Ich wollte und will auf der Bühne völlig unbelastet von irgendwelchen körperlichen Ermüdungserscheinungen eben nicht nur über einen frischen Geist, sondern auch einen absolut endlos belastbaren Körper verfügen. Zwar habe ich mich immer gern bewegt und bin auf Berge gekraxelt. Aber sich so intensiv hineinzuknien, das hatte eigentlich nur berufliche Gründe. Inzwischen liebe ich es, zu joggen. Fast täglich laufe ich.
Wie kommt ein Klassik-Star wie Sie dazu, Elvis-Fan zu sein?
Obwohl er zu meiner Zeit nicht mehr so aktuell war, fand ich ihn sexy. Seine Lieder waren ja musikalisch teils schrecklicher Dreck, aber seine Stimme war verlockend und er hatte Charisma. Damit traf er offensichtlich in meiner Teenager-Seele irgendwas, was getroffen werden wollte. Ich höre Elvis auch heute ab und an. Aber meine große Leidenschaft war, ist und wird wohl immer der Jazz sein. Er ist meine große Inspirationsquelle. Ich mag junge Künstler wie Sheryl Crow, diese tolle Sängerin und Pianistin, aber Ella Fitzgerald und Billy Holiday sind die wahren Königinnen.
Das Gespräch führte Bernd Klempnow.
Frau Mutter, wer Ihre schöne Mendelssohn-Platte von 1980 mit Herbert von Karajan am Pult hat, warum sollte der Ihren neuen Mendelssohn hören?
Also müssen muss ja keiner. Aber in der Entwicklung eines Künstlers gibt es immer Zwischenplateaus auf dem Weg zur vielleicht idealen Interpretation. Und diese Plateaus bieten Raum für eine Rückschau. Nun habe ich mich mit Mendelssohn im Gegensatz zu vielen anderen Komponisten nicht durchgängig beschäftigt. Doch vor einigen Jahren habe ich sein Violin-Konzert wiederentdeckt und durch ein Neustudium einen ganz anderen Zugang gefunden. Ich glaube, ich bin heute dem Charakter Mendelssohns viel näher. Mein Spiel ist transparenter, bringt sein typisches vorwärtsdrängendes Element und sein enormes Lied-Verständnis besser zur Geltung.
Haben Sie wie bei Ihren Beethoven-Entdeckungen vor Jahren die Original-Partitur studiert?
Ich habe mich mit der ursprünglichen, der revidierten und der dann von Mendelssohn autorisierten Fassung beschäftigt. Da alles bekannt ist, gab es keine neuen Geheimnisse zu entdecken, zumal Mendelssohn in seiner Schreibweise nicht ganz so leidensvoll war wie etwa Beethoven. Bei dem kann man tatsächlich den Leidensweg sehen, die erhöhte Geschwindigkeit, mit der er manche Passagen unleserlich hingekritzelt hat. Im Falle Mendelssohn war nun das Studium von biografischem Material über ihn die größte Inspirationsquelle. Er war ein großere Humanist und vielseitiger Künstler, der das kulturelle Bild im Deutschland des 19. Jahrhunderts entscheidend mitprägte.
Erstmals nahmen Sie die Sonate in F-Dur auf, die Mendelssohn nicht freigegeben hatte. Ist das in seinem Sinne?
Dass er die Überarbeitung mancher Werke nicht abschließen konnte, ist für mich kein Hinderungsgrund, ihn aufzuführen. Dann dürften wir auch viele andere Werke wie seine Italienische Sinfonie nicht spielen.
Warum hatten Sie das so schöne und viel gespielte Violin-Konzert so lange weggelegt?
Vielleicht, weil ich wie viele meiner jungen Kollegen früh mit dem virtuosen Mendelssohn-Konzert begonnen habe? Mit neun spielte ich mit Mozart mein erstes Orchesterkonzert, mit elf kam Mendelssohn. Vielleicht habe ich, im Gegensatz zu Mozarts Musik, eine Zeit lang die Tiefe dieser Musik unterschätzt. Im ersten Augenblick scheint sie nur elegant. Sie ist sparsam orchestriert und so transparent, dass man meint, alles darüber zu wissen. Ich hatte mich daran überspielt und war als Spät-Teenager nicht in der Lage, einen neuen Zugang zu finden. Diese Trennungszeit war wichtig, und ich kann heute kompromissloser dem Wunsch des Komponisten folgen.
Freiwillig haben Sie sich dem Werk nicht genähert. Es war ein Wunsch von Kurt Masur.
Es war auch nicht unfreiwillig. Aber tatsächlich kam der pochende Anstoß von Maestro Masur, sodass ich ihm brav zum 80. Geburtstag im März 2008 diesen Wunsch erfüllen wollte. Ich hatte Jahre zuvor bereits angefangen, mich mit Tempi- und Phrasierungsfragen zu beschäftigen. Mit Maestro Masur den Mendelssohn zu spielen und aufzunehmen, war mir wichtig. Er ist der bedeutendste Mendelssohn-Kenner, gab mir entscheidende Hinweise zum Werk, zeigte mir Beziehungen zu anderen Stücken auf.
Zu den Dresdner Musikfestspielen musizieren Sie mit Kurt Masur und der Philharmonie im Kulturpalast. Stört Sie die mäßige Palast-Akustik?
Ich erinnere mich leider an die Akustik. Aber Kurt Masur hat mit der Kulturpalast-Akustik noch mehr Erfahrungen als ich. Man muss die Tempi dem trockenen Umfeld anpassen, was für Mendelssohn von Vorteil sein kann, denn der letzte Satz ist ja ein elfengleicher Spuk, der, bis auf wenige Ausnahmen, im Pianomissimo rast, förmlich schwebt. Da ist eine subjektive, trockene Akustik optimal. In einem idealen Saal wie dem Musikverein in Wien würde ich ein so hohes Tempo nicht spielen wollen, weil die Musik versuppt. Für die lyrischen Passagen wiederum ist ein Saal, der mitatmet, ein Traum.
Als Zuschauer berührt mich, wie Kurt Masur durch die Parkinson-Krankheit gehandicapt ist. Alle zehn Sekunden fällt ihm die Hand herunter. Beeinflusst solch Dirigat Ihr Konzert?
Die große Kunst beim Dirigieren ist, dass man gespürt wird. Karajan hat man ungerechterweise vorgeworfen, mit geschlossenen Augen zu dirigieren. Eins ist richtig: Wir Musiker stellen meist auf Halbmast, sehen aber aus den Augenwinkeln. Nicht bestimmte Bewegungen sind das Entscheidende, sondern die Arbeit während der Proben. Man muss zusammen atmen. Und, um ein Orchester am Abend zu Höchstleistungen anzuspornen, muss ein Dirigent loslassen können. Das inspiriert viel mehr. Ich kann Ihnen versichern, meine jüngsten musikalischen Höhenflüge mit Masur etwa zum Mendelssohn-Geburtstag in New York waren fantastisch.
Ihr Konzert zu den Festspielen ist Ihr sechstes in Dresden seit 1995. Mögen Sie die Stadt?
Ich bin stets gerne in Dresden gewesen, auch wegen der wunderbaren Sammlungen. Auf den Besuch des Grünen Gewölbes freue ich mich absolut. Und das Konzert 2007 in der Frauenkirche war ein wichtiges Erlebnis. Nicht umsonst habe ich zum Abschluss das Ave Maria gespielt. Dass auch die Frauenkirche akustisch nicht unbedingt zu den idealsten Räumen auf dem Globus gehört, ist bekannt. Aber es ist ein spiritueller und damit ein besonderer Ort. Ich habe das Konzert als Heilungsséance empfunden.
Viele Geiger dirigieren auch, Sie nicht – warum?
Ich würde angesichts des riesigen, unglaublich aufregenden Repertoires gerne dirigieren. Aber meine Lebenszeit ist dafür leider zu kurz. Ich habe auch die Schlagtechnik nie ausreichend studiert. Natürlich kann ich ein Orchester leiten, natürlich kann ich ein Orchester inspirieren. Ich weiß, was ich will, und weiß, wie ich das mitteilen kann. Aber für ein Repertoire nach Mozart ist meine Schlagtechnik nicht ausreichend. Ich würde sicher damit durchkommen, aber seriös wäre es nicht und gut genug schon gar nicht. Dirigent ist ein Berufszweig für sich. Es ist eben nicht nur das Taktschlagen. Ein Dirigent feilt nicht umsonst Jahrzehnte an seinen Ausdrucksmitteln.
Gibt es andere Instrumente, die Sie interessieren?
Ich würde gern das Klavier-Repertoire erforschen. Im Sommer und Herbst, wenn ich einige Sabbat-Monate nehme, werde ich intensiv Klavier üben. Es gibt ein paar Werke, die ich mit meinen begrenzten Fähigkeiten spielen kann – für mich, nicht in der Öffentlichkeit.
Kommen Sie mit Dirigentinnen zurecht?
Ich hatte selten das Vergnügen und bin sowieso der Meinung, dass in der Musik das Alter und Geschlecht keine Rolle spielen. Dennoch wird sich das Publikum erst noch daran gewöhnen müssen, dass es Dirigentinnen gibt. Wenn Sie darauf hinaus wollen, ob ich starke Frauen am Pult akzeptiere, kann ich nur sagen: Ich liebe Musiker, die ihre ganz eigenen Sichtweisen mitbringen und engagiere mich deshalb dafür, dass bereits in den Kindergärten Musik vermittelt wird – Musik lehrt uns, uns einzufügen und trotzdem unsere Individualität zu wahren. Man muss in der Lage sein, einen Konsens zu finden, ohne sich aufzugeben. Das ist eine wunderbare Lebensschule.
Sie engagieren sich für viele musische und soziale Projekte, auch für Kinderheime in Rumänien und Weißrussland. Bewirken Sie mehr als einen Tropfen auf den heißen Stein?
Selbst, wenn es nur 20 oder 30 Mädchen sind, die in unserem Heim im rumänischen Orlat eine Ausbildung erhalten, sind das 20 oder 30 Mädchen, die vor dem drohenden Schicksal von Zwangsehe und Prostitution bewahrt werden. Im Heim können sie in Ruhe zur Frau wachsen und eine Berufsausbildung machen. Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber Mutter Teresa hat einmal das wunderbare Bild beschrieben, dass viele Tropfen einen Krug füllen.
Zurück zur Musik: Ihre vorletzte CD bot für viele Fans wie Skeptiker die Überraschung, wie Sie Bach spielten. Wann geht diese Entdeckung weiter?
Mein Zugang zu Bach war sehr stark von den Barockbögen inspiriert worden. Sie vermittelten die Möglichkeit, die von Bach so genau artikulierten, wunderbaren Phrasierungen technisch überhaupt zu bewältigen. Dieses Wissen wird starken Einfluss auf mein Wiederstudium der Solosonaten haben. Das heißt nicht, dass ich die Solosonaten mit Barockbogen spielen werde. Aber die genaueste Information ist das Mindeste, was man suchen sollte. Und da bietet die heutige Zeit doch ganz andere Möglichkeiten. Zu meiner Teenager-Zeit gab es nicht einmal Faksimile-Ausgaben etwa von Mozart geschweige denn die exzellenten Bärenreiter-Ausgaben. Man kann sich heute sehr genau mit den Werken auseinandersetzen. Bach wird mich mehr als in der Vergangenheit künftig interessieren, weil ich um seine Wichtigkeit mehr und mehr weiß, und es mich auch drängt. Aber ich habe noch einige Uraufführungen bis dahin zu realisieren.
In Gegenwart von Magiern werden Sie zu einem anderen Menschen, sagen Sie. Wie das?
Ich mutiere zurück zum staunenden Kind. Es ist doch herrlich, sich von einem Magier verzaubern zu lassen, mal nicht von einem Musiker, Maler, Schriftsteller oder von meinen Kindern. Ich sehe unheimlich gern die Sendung „The next Uri Geller“. Natürlich sind viele Tricks bekannt. Das Faszinierende ist vielleicht nicht der Trick selbst, sondern die Art und Weise wie man als Zuschauer gelenkt wird. Das hat auch ein bisschen mit dem Musiker zu tun, der die Aufmerksamkeit des Publikums möglichst schnell auf ein Stück focussieren muss. Zu einem bestimmten Zeitpunkt top zu sein, das begeistert mich. Deshalb bewundere ich auch Einzelkämpfer im Sport wie den Tennisspieler Roger Federer, der die Asse punktgenau serviert.
Die Plattenfirmen vermarkten immer mehr junge, blonde Geigerinnen. Geht das gut, oder sehen Sie darin Gefahren?
Auffallend ist, dass es heute noch viel schwerer ist, als zu meiner Teenager-Zeit, ganz in Ruhe als Musiker zu wachsen, ohne in das Fahrwasser zu geraten, schnell berühmt werden zu wollen und zu müssen. Das Wunderkind-Wunder gab es schon zu Mozarts Zeiten und dessen Ausbeutung wird seit Jahrhunderten gepflegt. Mich tröstet, dass es nach wie vor junge Künstler gibt wie den deutschen Cellisten Daniel Müller-Schott, der es mit viel Geduld und letztlich Hingabe an die Musik nun an die Spitze geschafft hat. Er ist durch meine Stiftung gefördert worden, die sich seit elf Jahren dem Streichernachwuchs weltweit widmet. Das Ziel ist, dass sich Qualität durchsetzt, denn es geht ja um das Dienen am Werk und nicht um die Selbstverwirklichung als Mode- oder Werbeträger.
Frau Mutter, Sie sind 45 Jahre alt, also in einem Alter, wo das Essen doppelt so gut ansetzt wie zuvor. Bei Ihnen scheinbar nicht – dank Sport oder Diät?
Ich habe Sport vor einigen Jahren für mich entdeckt, um noch fitter zu sein. Ich wollte und will auf der Bühne völlig unbelastet von irgendwelchen körperlichen Ermüdungserscheinungen eben nicht nur über einen frischen Geist, sondern auch einen absolut endlos belastbaren Körper verfügen. Zwar habe ich mich immer gern bewegt und bin auf Berge gekraxelt. Aber sich so intensiv hineinzuknien, das hatte eigentlich nur berufliche Gründe. Inzwischen liebe ich es, zu joggen. Fast täglich laufe ich.
Wie kommt ein Klassik-Star wie Sie dazu, Elvis-Fan zu sein?
Obwohl er zu meiner Zeit nicht mehr so aktuell war, fand ich ihn sexy. Seine Lieder waren ja musikalisch teils schrecklicher Dreck, aber seine Stimme war verlockend und er hatte Charisma. Damit traf er offensichtlich in meiner Teenager-Seele irgendwas, was getroffen werden wollte. Ich höre Elvis auch heute ab und an. Aber meine große Leidenschaft war, ist und wird wohl immer der Jazz sein. Er ist meine große Inspirationsquelle. Ich mag junge Künstler wie Sheryl Crow, diese tolle Sängerin und Pianistin, aber Ella Fitzgerald und Billy Holiday sind die wahren Königinnen.
Das Gespräch führte Bernd Klempnow.
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