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Sachsen
Samstag, 14. März 2009
(Sächsische Zeitung)

Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehn

Marcus Krämer

Alle bleiben zu Hause und sparen. Deshalb sind Baumärkte gerade in Krisenzeiten gut besucht. Beobachtungen beim Nestbau der Sachsen.

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Auf dem Weg zur Profikasse: Echte Männer brauchen keinen Einkaufswagen. Drei Stapel Holzpaneele passen locker auf die Schulter. Fotos: kairospress

Offensichtlich hat Stefan Müller von dem komischen Ding in seiner Hand nicht die leiseste Ahnung. „Mich hat halt die Farbe angemacht“, sagt er. Ein knalloranger Plastikring ist an dem Metallgewinde befestigt. An einem Ende läuft das Eisen in einen spiralförmigen Haken aus, am anderen Ende sind zwei Muttern und ein fingerdicker Dübel aus Metall aufgeschraubt. So ein Ungetüm sollte man wohl lieber nicht nach der Farbe auswählen. Aber wenn es doch so viele verschiedene Sorten gibt!

Nun steht Müller, ein junger Mann mit Studentenbrille und Umhängetasche, in der Eisenwarenabteilung im „Hornbach“-Baumarkt in Dresden-Mickten und weiß nicht weiter. Er ist nicht der Einzige. Es ist tiefster Sonnabendmittag, Hochbetrieb in der riesigen Baumarkt-Halle: 110Meter lang, 70Meter breit, zehn Meter bis zur Decke. Es riecht nach frischem Holz und Lösungsmitteln. Bis zu 6000 Menschen wuseln an einem Sonnabend hier durch, auf der Suche nach ganz speziellen Werkzeugteilen mit seltsamen Namen wie Standhahnmutternzange, Gewindeschneidkluppe und Flachdübelfräse – Namen, die kaum jemand kennt, außer Männern, die mit Wasserwaage und Zollstock im Baumarkt erscheinen.

Ja, ja, jippie, jippie, yeah!

Das Ding in Stefan Müllers Hand heißt Sicherheits-Schaukelhaken. So steht es auf dem Schild am Regal. Müller will in seiner Praxis für Physiotherapie ein neues Verfahren zur Behandlung von Wirbelsäulen anbieten. Dazu muss er Schlaufen an der Decke befestigen, in die sich die Patienten mit dem ganzen Körpergewicht hineinhängen können. Ist der Schaukelhaken dafür stabil genug? Müller fragt die Verkäuferin Annett Höfling. Sie fängt mal lieber bei Null an: „Also, erst den Dübel in das Loch stecken, dann das Gewinde reindrehen.“ Klingt wie in dem Lied von Mike Krüger: Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche ziehn. Müller bedankt sich und nimmt gleich eine Fünferpackung mit. „Man weiß ja nie“, sagt er und verschwindet im Getümmel.

Trotz der vielen Menschen hier herrscht eine friedliche Ruhe. Zu hören sind nur die klappernden Einkaufswagen, die über den gekachelten Boden rollen, und die Musik aus den Lautsprechern an der Decke – Barry White, Phil Collins, zwischendurch immer wieder die „Hornbach“-Werbemelodie: „Ja, ja, jippie, jippie, yeah!“ Auch geeignet zum Nachsingen, für alle, die sich zu Hause mit dem Hammer auf den Daumen hauen.

So was kann einem wie Frieder Zocher nicht passieren. Er sieht aus wie jemand, der Ahnung hat: blaue Arbeitshose, brauner Anorak, Sandalen mit Klettverschluss, Norwegersocken. Auf seinem Einkaufswagen liegen zwei fabrikneue Heizungskörper, in Schweißfolie verpackt, daneben ein paar Ventile. Jetzt braucht er nur noch die Leitungen: 13Meter Kupferrohr, biegsam, 15Millimeter Durchmesser. Er will anbauen, zu Hause. Das macht er alles selbst. Handwerker braucht er nicht. Frieder Zocher sagt: „Ich bin gelernter DDR-Bürger.“ Immerhin gibt „Hornbach“ in der „Projekt-Tipp“-Broschüre fürs Heizkörpermontieren den „Herausforderungsgrad“ 4 an – die zweithöchste Schwierigkeitsstufe für Heimwerkerarbeiten.

Stefan Müller, Frieder Zocher, zwei Männer, zwei Welten. Im Baumarkt treffen alle aufeinander: Hausbesitzer, die eine neue Garageneinfahrt bauen, Studenten, die ihr erstes eigenes Zimmer beziehen, Männer mit Anzug, die zu Hause „auch mal anpacken“, und natürlich die echten Heimwerker, die nie ohne Sechskantschlüssel und Abisolierzange aus dem Haus gehen und im Baumarkt selbstverständlich an der „Profi-Kasse“ bezahlen – ein riesiges Schild mit dieser Aufschrift trennt die Baumarkt-Kunden in Typ Müller und Typ Zocher.

Ping Wang gehört nicht zu jenen, die an der Profi-Kasse zahlen. Er stammt aus China und spricht eine Mischung aus Deutsch und Englisch. „Haben Sie Lock?“, fragt er einen Baumarkt-Mitarbeiter in der Sanitärabteilung. Der überlegt: „Schloss, meinen Sie Schlösser?“ Ping Wang schüttelt den Kopf: „Lock, lock!“ Er zieht sein Schlüsselbund aus der Hosentasche und zeigt mit der anderen Hand drauf. Schließlich die Lösung: Ping Wang nimmt einen Zettel, dazu einen „Hornbach“-Bleistift und malt es auf: ein Quadrat mit einem Halbkreis drüber. „Ah, Bügelschloss!“ Der Verkäufer bringt Ping Wang zur Eisenwarenabteilung. „Da muss ich mitgehen“, sagt er, „sonst verläuft er sich.“

Im Baumarkt hat sich schon so mancher verirrt, nicht nur Chinesen. Bei all dem Fachchinesisch soll es sogar manche gelernte DDR-Bürger geben, die ratlos vor den Regalen stehen und sich am Kopf kratzen. Wie viele verschiedene Sorten Schrauben es allein gibt! Spenglerschrauben, Linsenkopfschrauben, Sechskantschrauben, Senkschrauben, Schlossschrauben, Trompetenkopfschrauben – von den Muttern ganz zu schweigen.

Soziologen nennen es „Cocooning“

Und doch pilgern die Menschen immer wieder in Scharen in die großen Hallen am Stadtrand oder an der Autobahn. Gerade in Krisenzeiten sind Baumärkte besonders gefragt: Die Menschen wollen sparen, also bleiben sie öfter zu Hause, und in ihren eigenen vier Wänden wollen sie es dann so gemütlich wie möglich haben. Gerade jetzt, wenn der Frühling beginnt, ist der Ansturm besonders stark. Zeit für Gartenarbeiten, Außenmontagen oder ein neues Garagentor. „Cocooning“ nennen Soziologen diesen Effekt, abgeleitet vom englischen Wort für Kokon. Man könnte auch einfach „Nestbau“ sagen. Die Teile im Baumarkt sind nicht so teuer wie Möbel oder Autos. Und wer selber sägt und hämmert, hat am Ende das gute Gefühl, Geld gespart zu haben. Außerdem entsteht beim Werken und Basteln etwas Neues, etwas, das beständiger ist als Aktienkurse und Arbeitsplätze, etwas, das einem keiner nehmen kann: ein neuer Schrank, ein neuer Fußboden, ein neuer Wasserhahn. Wenn der nicht mehr tropft, fühlt sich die Krise nur noch halb so schlimm an.

Die Umsätze der Baumärkte in Deutschland stiegen im Dezember 2008 um 2,3Prozent – mitten in der Krise. Für eine Frühjahrsprognose 2009 sei es noch zu früh, erklärt der Bundesverband Deutscher Heimwerker-, Bau- und Gartenfachmärkte. Der Verband setzt darauf, „dass sich Menschen in unsicheren Zeiten stärker als sonst ins Private zurückziehen.“ Zwar gingen die Umsätze im vorigen Jahr leicht zurück. Aber das lag wohl an dem nasskalten Frühjahr 2008 und am damals noch hohen Ölpreis.

Nestbau also. Juliane Schöttker und Udo Hantke sind geübt darin. Das Studentenpärchen steht in der Eisenwarenabteilung und zählt Schrauben ab. Er hält die kleine Plastiktüte, sie wirft Schräubchen für Schräubchen hinein. Sie brauchen 48Spanplattenschrauben. Es soll ein neuer Schreibtisch werden. Die Platte haben sie sich schon aus der Holzabteilung geholt, 2,60 Meter breit. „Ich will richtig Platz haben“, sagt Udo Hantke. Ikea finden die beiden doof. „Wir basteln lieber selber.“ Das ist billiger, es sieht nicht alles gleich aus, und die Maße passen genau zur Wohnung.

Viele Pärchen sind im Baumarkt unterwegs, vor allem aber Familien mit kleinen Kindern. Auch darin unterscheidet sich der Mensch vom Tier: Nestbau ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern ein Stück Freizeit für die ganze Familie. Die Kinder haben ihren Spaß, toben in den endlosen Gängen umher, nehmen alles in die Hand, was nicht niet- und nagelfest ist, schauen mit großen Augen dem Gabelstapler nach: „Papa, guck mal!“ Doch Papa hat keine Zeit, Papa sucht die Bohrmaschinenabteilung.

Im Mittelalter waren Märkte der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens, hier traf sich die ganze Stadt zum Handeln, aber auch zum Sehen und Gesehenwerden. Heute sind Marktplätze meist öde, zubetonierte Freiflächen oder einfach große Parkplätze. Das Leben spielt sich zu Hause ab. Oder im Baumarkt. Ein Spiegel der Gesellschaft. Denn hier gibt es nicht nur Zement und Farbe, sondern auch Pflanzen, Bilderrahmen, Fische fürs Aquarium. Schon die Werbesprüche der Baumarktketten erklären die ganze Palette der Möglichkeiten: „Hol’ dir das Paradies nach Hause“ (Obi), „Werde eins mit deinem Projekt“ (Hornbach), „Mach dein Ding“ (Hagebau). Baumarkt ist immer auch ein Stück Weltanschauung und Selbstverwirklichung.

Es gibt kaum eine Sorte Mensch, die hier nicht anzutreffen ist. Aber Oksana Zahn ist zwischen all den Werkzeugregalen doch eine auffällige Figur. Manche Kunden drehen sich nach ihr um, die Frauen kopfschüttelnd, die Männer glotzend. Hochhackige Schuhe mit Leopardenmuster, Pelzjacke, Ärmel aus schwarzem Lackleder, blonde Haare – so stöckelt sie durch die Sanitärabteilung, unterm Arm ein Abflussrohr aus Plastik. „Das brauche ich für ein Waschbecken in unserer Wellness-Oase“, sagt sie. Sie stammt aus der Ukraine, spricht mit osteuropäischem Akzent. Ihr Mann wollte nicht mitkommen. „Der interessiert sich nicht so für die Oase.“ Bevor sie weiter muss, überreicht sie eine rosarote Visitenkarte mit der Aufschrift „EVA Wellness-Oase“. Und sie sagt: „Schreiben Sie ruhig: ‚Hornbach‘ ist bester Baumarkt, immer nett, immer gute Beratung.“

Männer suchen ihre Frau

Es kommt tatsächlich vor – entgegen dem Klischee – dass Kunden den Satz hören: „Kann ich Ihnen helfen?“ Andererseits sagt Christof Altmann, der Chef des „Hornbach“-Marktes in Dresden-Mickten, könnten seine Mitarbeiter unmöglich jeden Kunden ansprechen. „Dann fragen wir: Kann ich Ihnen helfen? Und die Antwort ist: Ich suche meine Frau.“

Das kann man von Lothar Bähr nicht behaupten. Der steht gerade in der Bohrmaschinenabteilung und hält einen Akkubohrer in der Hand. Schaltet ihn ein, aus, ein, aus. Bähr sagt, seine Frau sei in der Gartenabteilung, aber das sei nichts für ihn. „Ich bin eher der praktische Typ.“ So sieht er auch aus: schwarze Jacke aus Ballonseide, schwarze Jeans, schwarze Schuhe, schwarzer Pulli, immerhin mit weißen Streifen. Eigentlich braucht er gar keine Bohrmaschine. „Ich habe schon zwei zu Hause, von Black & Decker“, sagt Bähr. Aber gucken kostet ja nichts.



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