sz-online.de | Sachsen im Netz
Politik
Mittwoch, 16. April 2008
(Sächsische Zeitung)

„Wir sind keine Hochburg von Rechtsextremen“

Von Andreas Hummel

Eine Pfarrersfamilie ist vor dem alltäglichen Rassismus in Rudolstadt geflohen. Jetzt kämpft die Stadt um ihren Ruf.

Bild vergrößern

Pfarrer Neuschäfer bei einem letzten Besuch im Kirchenamt – inzwischen hat er mit seiner indischstämmigen Frau Rudolstadt verlassen. Foto: AP

Tom Buhrow ist der Buhmann in Rudolstadt. Auf den Moderator der ARD-Tagesthemen sind viele Leute dort nicht gut zu sprechen. Mit einem Satz im Fernsehen hat er die Kleinstadt in Thüringen gegen sich aufgebracht. So sehr, dass die Nachrichten-Sendung nun ein Fall für die Polizei ist.

„Rechter Terror: Neonazis vertreiben Pfarrersfamilie“, hatte Buhrow am vergangenen Mittwoch einen Bericht in den Tagesthemen angekündigt. Darin ging es um eine Pfarrersfamilie, die aus Rudolstadt wegzog, weil sie sich seit Langem rassistischen Anfeindungen ausgesetzt fühlte. Die indischstämmige Pfarrersfrau und ihre Kinder waren immer wieder beleidigt und beschimpft worden.

Doch Buhrows Anmoderation war sehr überspitzt. Denn selbst Pfarrer Reiner Andreas Neuschäfer spricht nicht von Neonazis oder Skinheads, sondern vom alltäglichen Rassismus normaler Bürger. Seither ist in Leserbriefen der „Ostthüringer Zeitung“ viel Ärger über diese Darstellung zu spüren. Nach dem Bericht ist Anzeige wegen Verleumdung und Volksverhetzung gegen die ARD erstattet worden, wie Polizeisprecher Eddy Krannich bestätigt. Es werde ermittelt. „Ob sich das strafrechtlich bestätigt, können wir noch nicht sagen“, so Krannich.

Tom Buhrow verteidigt sich

Der Beitrag der Tagesthemen ist seit einigen Tagen aus dem Archiv der ARD-Sendung im Internet verschwunden. „Darin war Fremdmaterial enthalten, das nur einmal verwendet werden darf“, erklärt die Sprecherin des Norddeutschen Rundfunks, Iris Bents. „Der Beitrag war ansonsten in Ordnung.“ Die Moderation habe stets klargestellt, dass ein Unterschied zu machen sei zwischen organisierten und alltäglichen Taten. „Dass es für beides zumindest in Teilen dieselbe Urheberschaft gibt, ist wohl kaum zu bestreiten“, sagt Bents. Mit der zugespitzten Ankündigung habe Moderator Tom Buhrow dies deutlich machen wollen.

Die Empörung über den Fall in Rudolstadt ist dennoch groß. Es gibt eine Flut vor allem erboster Reaktionen, Hass-Mails und Schmäh-Briefe aus ganz Deutschland. „Derzeit sind es etwa 350 E-Mails und Briefe“, sagt der parteilose Bürgermeister Jörg Reichl. „Aber allmählich ebbt das ab.“ Während der Bürgermeister betont, er bemühe sich um eine „schonungslose Aufklärung“ der Vorfälle, sehen sich viele Rudolstädter nach wie vor zu Unrecht durch pauschale Vorwürfe an den Pranger gestellt.

Der Fall hat eine Diskussion über latente Fremdenfeindlichkeit losgetreten, der sich offenbar viele Rudolstädter stellen wollen. Solche Probleme gebe es allerdings in allen Städten, betont der um den Ruf der Stadt besorgte Bürgermeister.

Vor zwei Wochen hatte der Pfarrer Reiner Andreas Neuschäfer gemeinsam mit seiner Frau Miriam in Medienberichten von alltäglichen rassistischen Anfeindungen in Rudolstadt erzählt. Miriam Neuschäfer war nach eigenen Angaben bespuckt, beschimpft und in einigen Geschäften nicht bedient worden. Eines ihrer Kinder sei in der Schule als „Nigger“ bezeichnet, ein anderes sei verprügelt worden.

Im vergangenen Jahr zog die Familie deshalb nach sieben Jahren zurück ins Rheinland um, weil sie die ständigen Pöbeleien nicht mehr ausgehalten habe, wie Miriam Neuschäfer sagt. Der Vater ist seit mehr als sieben Jahren Schulbeauftragter der Thüringer Landeskirche für die Region Rudolstadt. Dort ist er noch immer beschäftigt, sucht aber nach einer Stelle im Rheinland.

In den vergangenen Wochen strömten zahlreiche Journalisten und Kamerateams in die 25000-Einwohner-Stadt, die sich seither gegen den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit wehren muss. Einige Medienberichte haben Polizei und Staatsanwaltschaft aufhorchen lassen. So hatte etwa der Sohn der Familie Neuschäfer im Fernsehen davon gesprochen, dass er immer montags von Mitschülern verprügelt worden sei. Der Polizei und der Anton-Sommer-Grundschule in Rudolstadt war nach eigenen Angaben aber nur eine Prügelei im vergangenen Jahr an der Schule bekannt, die zur Anzeige gebracht wurde. Doch dabei soll es keinen fremdenfeindlichen Anlass gegeben haben. Die Ermittlungen waren eingestellt worden, da alle Beteiligten noch nicht strafmündig waren. Nach den neuen Aussagen ermittelt nun wieder die Staatsanwaltschaft.

Bald tagt ein runder Tisch

„Wir sind keine Hochburg von Rechtsextremen“, wird Bürgermeister Reichl nicht müde zu versichern. Auf sein Gesprächsangebot sei Pfarrer Neuschäfer bislang nicht eingegangen, bedauert er. Bis zum Dienstag sollte der Pfarrer allerdings bei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche eine detaillierte Dokumentation der geschilderten Vorfälle abgeben, die zur Aufarbeitung beitragen soll. Zudem ist am 8. Mai ein runder Tisch geplant. „Dann wollen wir die Vorwürfe noch mal offen ansprechen“, sagt Reichl. Im Juli findet in Rudolstadt Deutschlands größtes Weltmusikfestival statt, das Zigtausende anzieht. Zumindest kulturell beweist die Stadt dabei alljährlich ihre Weltoffenheit. (dpa)



Druckvorschau Artikel empfehlen Feedback


Link senden an Facebook Link senden an Twitter Link senden an StudiVZ Link senden an Mr. Wong Link senden an MySpace Link senden an del.icio.us bodytext Link senden an Folkd Link senden an Google Bookmarks Link senden an Live-MSN Link senden an YahooMyWeb Link senden an Linkarena Link senden an NewsVine Link senden an Reddit Link senden an StumbleUpon Link senden an Y!GG ...mehr