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Montag, 11.09.2017

„Ich bin kein Nationalist“

Die SZ stellt die Bundestagskandidaten vor: Karsten Hilse aus Hoyerswerda will für die AfD das Bundestagsdirektmandat.

Von Sebastian Kositz

Karsten Hilse steht nicht das erste Mal vor einer Kamera. Der Polizist hat bereits als Model gearbeitet, machte Lokalfernsehen und war Statist in einem Hollywoodfilm. Und auch das Posieren vor den Ziegen aus Bronze im Hoyerswerdaer Zoo ist nichts Neues. Schon als Kind ist er dort oft fotografiert worden.
Karsten Hilse steht nicht das erste Mal vor einer Kamera. Der Polizist hat bereits als Model gearbeitet, machte Lokalfernsehen und war Statist in einem Hollywoodfilm. Und auch das Posieren vor den Ziegen aus Bronze im Hoyerswerdaer Zoo ist nichts Neues. Schon als Kind ist er dort oft fotografiert worden.

© Gernot Menzel

Plattenbauten gelten für Außenstehende gemeinhin als Hoyerswerdas Wahrzeichen. Doch wer Hoyerswerda nicht nur als das oft besungene Beispiel für den ostdeutschen Strukturwandel wahrnimmt, weiß, dass das so nicht richtig ist. Da gibt es die schick hergerichtete Altstadt, das Schloss. Oder den Zoo. Dort schaut Karsten Hilse gern vorbei. Und im Tierpark, so sagt der 53-Jährige halb im Spaß und halb im Ernst, versteckt sich auch das eigentliche Wahrzeichen der Stadt: zwei aus Bronze gegossene Ziegen. „Die kennt in Hoyerswerda jedes Kind. Und jedes Kind ist davor wohl schon mal fotografiert worden“, weiß Karsten Hilse. Er damals ja schließlich auch.

An die Kindheit denkt Karsten Hilse oft zurück. Nicht nur wegen der Zoobesuche. Der 53-Jährige ist in Hoyerswerda geboren und im WK II aufgewachsen. Das Kürzel WK steht für Wohnkomplex. Ein in sich abgeschlossenes Viertel, mit eigenen Schulen und Geschäften. Eine Stadt in der Stadt. „Dort herrschte ein starkes Gemeinschaftsgefühl“, sagt Karsten Hilse. Dieses Gefühl würden heute viele Menschen vermissen.

Gemeinschaftsgefühl, Tradition, konservative Werte – diese Begriffe nutzt Karsten Hilse jetzt im Wahlkampf öfter. „Viele wollen einfach so leben, wie wir es mal vermittelt bekommen haben“, erklärt er. Bei der anstehenden Bundestagswahl will der 53-Jährige im Kreis Bautzen für die AfD das Direktmandat holen. Und er rechnet sich gute Chancen aus. „Ich denke, es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich das Direktmandat holen werde“, sagt er selbstbewusst. In einem Wahlkreis, in dem seit dem Mauerfall die CDU-Bewerber nie verloren haben.

Vor der Flüchtlingskrise der AfD beigetreten

Das weiß natürlich auch Karsten Hilse. Aber: „Viele Menschen bei uns sind extrem konservativ eingestellt.“ Von diesen Werten, so ist der AfD-Mann überzeugt, hat sich die CDU allerdings längst verabschiedet. Der Atomausstieg, das Aussetzen der Wehrplicht und natürlich Angela Merkels Flüchtlingspolitik. „Früher habe ich auch CDU gewählt“, bekennt Karsten Hilse offen. Noch vor der Flüchtlingskrise im Spätsommer 2015 habe er aber schließlich beschlossen, in die AfD einzutreten.

Karsten Hilse ist seit mehr als 30 Jahren Polizist und täglich in Uniform in der Stadt unterwegs. Angefangen hatte er Mitte der 1980er-Jahre als Verkehrspolizist. Eine tolle Zeit, wie er sagt: „Ich konnte den ganzen Tag Motorrad fahren. Mein Hobby war Teil meiner Arbeit.“ In seiner Freizeit machte Karsten Hilse auch Kabarett, handelte sich nach einem Protest gegen die Umweltverschmutzung in Schwarze Pumpe Ärger mit den Vorgesetzten ein. Viel passiert ist deshalb dann nicht. „Ich war schon immer jemand, der Missstände infrage stellt und sich dagegen auflehnt“, sagt Karsten Hilse.

Nach dem Mauerfall veränderte sich dann einiges. Karsten Hilse probierte sich im Zweitjob als Journalist fürs Lokalfernsehen, stand als Model vor der Kamera und brachte es einmal zum Mister Brandenburg. Vor knapp zehn Jahren war er sogar für Hollywood und Regisseur Quentin Tarantino im Einsatz: als Statist in Wehrmachtsuniform im in Ostsachsen gedrehten Kassenschlager „Inglourious Basterds“.

Der Film ist das eine, die raue Wirklichkeit das andere. Als vor genau 26 Jahren vor den Heimen für Vertragsarbeiter und Asylbewerber in Hoyerswerda der Mob tobt, war Karsten Hilse kein Statist. Als Polizist war er mittendrin im Geschehen. Eine Form der Gewalt, die den Beamten bisher fremd war. „Die haben damals mit Molotowcocktails auf uns geworfen. Das war ein Schock“, sagt Karsten Hilse. Da drängt sich die Frage durchaus auf, warum der 53-Jährige sich heute ausgerechnet für eine Partei engagiert, der Kritiker vorwerfen, genau jene Szenarien wieder heraufbeschwören zu wollen. „Ich bin patriotisch, aber kein Nationalist“, sagt Karsten Hilse. Der AfD werde zu Unrecht Nationalismus unterstellt.

Bereits Kritik eingehandelt

Viele sehen das anders. Erst recht nach den jüngsten Entgleisungen des Spitzenkandidaten Alexander Gauland, der die Bundesintegrationsbeauftragte Aydan Özoguz in Anatolien „entsorgen“ will. Oder der Dresdner Direktkandidat Jens Maier, der Verständnis für den norwegischen Massenmörder und Islamhasser Anders Breivik äußerte. Dafür, sagt Karsten Hilse, stehe Jens Maier zurecht auch parteiintern in der Kritik. Die Aussage von Alexander Gauland teile er inhaltlich durchaus: „Ich hätte die Worte aber sicher so nicht gewählt.“

Doch auch wegen seiner eigenen Aussagen hat sich Karsten Hilse bereits Kritik eingehandelt. Als die stellvertretende Parteivorsitzende Beatrix von Storch Ende Juli in Bautzen zu Gast ist, lässt er sich zu der forschen Behauptung hinreißen, dass 90 Prozent seiner Polizeikollegen die AfD wählen würden. Inzwischen rudert der 53-Jährige wieder zurück: „Das war ein Fehler von mir. Das hätte ich so nicht sagen sollen.“ Ärger mit den Vorgesetzten habe es deshalb aber nicht gegeben, versichert er.

Der Kritik an seiner Partei geht Karsten Hilse jedenfalls nicht aus dem Weg – auch wenn er sie entschieden zurückweist. Lieber spricht er aber über die Ziele und Inhalte der AfD. Die Sicherung der Grenzen, den Erhalt von 35 000 Jobs in der Braunkohle, die Rückforderung von Souveränitätsrechten gegenüber der EU. Und Familien mit Kindern müssten künftig gestärkt werden.

Er selbst hat drei, bei einem, so betont es Karsten Hilse gern, habe er selbst mitgewirkt. Erst kürzlich hat er zum zweiten Mal geheiratet, lebt eher das Modell Patchworkfamilie. Ein Widerspruch zum konservativen Familienbild der AfD? „Es gibt ein Ideal, was aber nicht heißt, dass wir andere Lebensmodelle ablehnen“, sagt Karsten Hilse.

Mit seinen Kindern war der Familienvater natürlich auch schon sehr oft im Zoo in Hoyerswerda spazieren, Tiere anschauen. Und auch in ihren Fotoalben gibt es Aufnahmen mit den Ziegen. Eine Tradition, über die in Hoyerswerda ganz sicher nicht gestritten werden muss.

Bisher erschienen sind die Porträts von Caren Lay (Die Linke),Jens Bitzka (Grüne) und Torsten Herbst (FDP)

Hier finden Sie den SZ-Wahlcheck für den Wahlkreis Bautzen I.