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Dienstag, 05.09.2017

Markenzeichen Rot

Die SZ stellt die Bundestagskandidaten vor: Caren Lay aus Bautzen tritt bereits zum dritten Mal für Die Linke an.

Lieblingsplatz mit Blick zur Bautzener Ortenburg: Caren Lay kommt oft hier hinauf auf den Protschenberg. Ein kleiner Felsvorsprung ist hier oben ihr Ort zum Luftholen und Nachdenken. Seit 2009 ist die 44-jährige Bautzenerin Abgeordnete der Linken im Bundestag. Zum dritten Mal kandidiert sie direkt im Wahlkreis Bautzen.
Lieblingsplatz mit Blick zur Bautzener Ortenburg: Caren Lay kommt oft hier hinauf auf den Protschenberg. Ein kleiner Felsvorsprung ist hier oben ihr Ort zum Luftholen und Nachdenken. Seit 2009 ist die 44-jährige Bautzenerin Abgeordnete der Linken im Bundestag. Zum dritten Mal kandidiert sie direkt im Wahlkreis Bautzen.

© Uwe Soeder

Bautzen. Trittsicher balanciert Caren Lay am Abgrund. Die 44-Jährige hat keine Angst abzustürzen. Wer hoch hinauf will, muss schwindelfrei sein. Caren Lay wischt ein paar kleine Schweißtropfen aus dem Gesicht, stellt ihre Arbeitstasche ab und setzt sich auf den blanken Stein. Kaum jemandem fällt das kleine Felsplateau auf, das sich hier hoch über der Spree in den Steilhang des Bautzener Protschenbergs duckt. Kein öffentlicher Weg führt zu diesem Felsvorsprung, nur ein steiler, steiniger Trampelpfad. Morgens in Turnschuhen nimmt Caren Lay den Pfad im Laufschritt. Und auch jetzt am späten Nachmittag im roten Sommerkleid hat sie diesen Weg gewählt, um hier hinaufzukommen.

Der Felsen ist ihr Ort zum Kraftschöpfen und zum Nachdenken. Der Blick auf Bautzen und die Ortenburg ist atemberaubend. „Was für eine Idee, hier eine Fußgängerbrücke über die Spree zu bauen“, ist Caren Lay begeistert. Sie würde es sich und der Stadt sehr wünschen, dass es nicht bei der Vision bleibt, sagt sie. Obwohl sie ja nur zu gut weiß, wie schwer es sein kann, kühne Visionen in die Tat umzusetzen – in der kleinen wie in der großen Politik.

Etwas ändern und selber mitentscheiden

Seit 2009 ist das auch ihr eigener Job. Seitdem arbeitet Caren Lay als Berufspolitikerin der Linkspartei im Bundestag. Ihr Weg bis dahin ist folgerichtig und zügig: Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen im rheinland-pfälzischen Kleinstädtchen Neuwied, interessiert sie sich schon als Jugendliche für Politik. Sie studiert Soziologie und Politik, kommt nach dem Studium nach Dresden, arbeitet hier als wissenschaftliche Mitarbeiterin für die PDS-Landtagsfraktion, später für die rot-grüne Bundesregierung als Referentin im Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Berlin.

Es ist die „Agenda 2000“, die den Ausschlag gibt, selbst Politikerin zu werden. „Ich habe die Agenda von Anfang an nicht gutgeheißen und sehe sie als herben Einschnitt in die Sozialsysteme“, sagt Caren Lay hier oben auf dem Felsen. „Ich wollte etwas ändern und selber mitentscheiden.“

Sieben neugierige Fragen an Caren Lay

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Was wäre für Sie eine Versuchung?

Sahnetorte.

Spielen Sie ein Instrument?

Leider nicht. Als Jugendliche wollte ich Klavierspielen, aber meine Eltern konnten sich ein Klavier nicht leisten. Und die Blockflötenversuche waren mager.

Wie können Sie am besten abschalten?

Beim Joggen oder beim Bergsteigen. Auf einen 3000er zu steigen ist für mich wie Meditieren.

Wo machen Sie am liebsten Urlaub?

An der Ostsee oder in Italien.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Zum zweiten Mal Jurij Brezan: „Der Gymnasiast“ – ein tolles Buch.

Welche Musik hören Sie am liebsten?

Je nach Stimmung chillige Lounge-Musik oder was Elektronisches.

Wer sind die wichtigsten Menschen in Ihrem Leben?

Meine Eltern und die Großeltern.

Frustrationen und Erfolge

Die Linke ist ihr politisch am nächsten, auch wenn sie schnell merkt, dass das schwer ist mit dem Ändern-Wollen in der Opposition. Caren Lay blickt nachdenklich: Es gebe da schon immer wieder Frustrationsmomente, sagt sie, wenn Argumente und Vorschläge, die sie für gut und richtig hält, von der Koalitions-Mehrheit mit einem Handstreich vom Tisch gewischt werden. „Aber es gibt auch Erfolge, auf die ich wirklich stolz bin“, fügt sie hinzu. Die Linke war die erste Partei, die den Mindestlohn gefordert hat. Acht Jahre ist das her. „Aber jetzt haben wir den Mindestlohn in Deutschland“, sagt Lay. Das der am Ende nicht mehr als Erfolg der Linken gilt, das müsse man eben hinnehmen in der Opposition. Sie kann noch mehr aufzählen: Höhere Regionalisierungsmittel für den Verkehr, mehr Geld für die Stiftung für das sorbische Volk, Fördermittel für das Haus Schminke in Löbau. Das sei auch ihr persönlicher Erfolg, sagt Caren Lay.

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Sie hat einen anstrengenden Tag hinter sich. Am Morgen ist sie zu einem Termin nach Dresden gefahren, gleich danach zu einem Wahlkampfauftritt nach Hoyerswerda, von dort zu einem Gespräch in ihr Bautzener Büro. Und am Abend ist sie noch zu einer Gesprächsrunde bei den Bautzener Wirtschaftsjunioren eingeladen. „In Wahlkampfzeiten sind die Tage immer lang“, sagt Caren Lay. Sie kennt das. Schon zum dritten Mal stellt sie sich als Direktkandidatin für Die Linke im Wahlkreis Bautzen. Bei der letzten Bundestagswahl 2007 hat sie 21,3 Prozent geholt – das zweitbeste Ergebnis hinter CDU-Lokalmatadorin Maria Michalk.

Auf Platz drei der Landesliste

Welchen Stimmenanteil sie diesmal schafft, darüber mag Caren Lay nicht spekulieren. Sie muss den Wahlkreis nicht gewinnen. Ihren Platz im Bundestag wird sie mit größter Wahrscheinlichkeit auch so behalten. Ihr Name steht auf Platz drei der Landesliste. Ihr Wiedereinzug ins Parlament dürfte damit so gut wie sicher sein. Doch auf dem Listenplatz will Caren Lay sich nicht ausruhen. Dafür ist sie viel zu ehrgeizig. Sie will gut sein und das Bestmögliche herausholen, sagt sie. Wer sie kennt, weiß, dass das bei allem, was sie tut, ihr Anspruch ist.

Bis zur Diskussionsrunde mit den Bautzener Wirtschaftsjunioren ist noch eine reichliche halbe Stunde Zeit. Caren Lay hält das Gesicht für ein paar Minuten in die warme Spätsommersonne. Dann holt sie Papier und Kugelschreiber aus ihrer Arbeitstasche. Sie überlegt und macht sich Notizen, was sie den jungen Unternehmern sagen will: dass sie die Kleinstaaterei im Schulwesen für falsch hält. Dass sich Die Linke für ein einheitliches Abitur einsetzt und dafür, dass Bildung zumindest teilweise Bundessache wird. Dass man bei der Energiewende nach vorne denken muss. Dass Förderrichtlinien vereinfacht werden und Regionen ihre eigenen Budgets bekommen müssen. Dass die Bahnlinie nach Berlin elektrifiziert werden muss.

Caren Lay muss sich jetzt beeilen. Sie streicht das rote Kleid glatt und schiebt schnell noch mal die Haarspange zurecht. Zwar wohnt sie gleich um die Ecke in der Bautzener Altstadt, aber sie wird nicht extra noch mal nach Hause gehen. Schon ein paar Minuten später sitzt sie in der Gesprächsrunde zwischen den anderen Bundestags-Kandidaten. Den anstrengenden Tag sieht man ihr nicht an. Das Kleid bringt Farbe und Frische in die Runde. Und gerne würde Caren Lay jetzt auch frisch und frei losreden. Sie kann das gut und überzeugend. Aber der Moderator lässt die Diskussion nicht in Gang kommen. Bis Caren Lay sich meldet und sagt, sie würde sich hier auch gerne mal streiten. Zweimal wird sie später noch Beifall bekommen für das, was sie sagt. Beifall von jungen Unternehmern: Für eine Linke will das schon was heißen.