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Dienstag, 28.08.2018

Wie es zu den Jagdszenen in Chemnitz kam

Erst Gerüchte im Netz. Dann Gewalt auf der Straße. Nach dem Tod eines 35-Jährigen eskaliert der Hass gegen Ausländer.

Von Ulrich Wolf

Blumen liegen an der Stelle, an der in der Nacht zum Sonntag ein 35-jähriger Mann niedergestochen wurde. Foto: Ronald Bonß
Blumen liegen an der Stelle, an der in der Nacht zum Sonntag ein 35-jähriger Mann niedergestochen wurde. Foto: Ronald Bonß

© ronaldbonss.com

Am Sonntagmorgen um sechs waren die reale und die virtuelle Welt von Chemnitz noch deckungsgleich. Auf Twitter gehört dem Nutzer @chemnitzwetter die erste Nachricht mit dem Schlagwort #Chemnitz: „Heute werden es 11 bis 19 Grad. Der Wind weht mit 10 km/h.“ Radio Chemnitz zieht in den Nachrichten eine erste Stadtfestbilanz vom Sonnabend.

Um kurz vor acht berichtet als erstes Medium das Internetportal Tag24 News Chemnitz über eine „blutige Auseinandersetzung am Rande des Stadtfest-Geländes“. Nach ersten Informationen, heißt es dort, sei in der Brückenstraße eine Frau belästigt worden. Als ihr Männer zu Hilfe kommen wollten, sei die Situation offenbar eskaliert. Eine Meldung im Konjunktiv. Offizielle Quellen gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Erst etwas mehr als vier Stunden später schickt die Polizei eine Pressemitteilung und bestätigt die Bluttat: Ein 35-jähriger Deutscher sei bei einer Messerstecherei ums Leben gekommen, zwei weitere Deutsche seien verletzt. Bis dahin wird über den Vorfall jedoch schon längst auf Hochtouren im Netz kommentiert. Trotz unklarer Lage.

Dann ist es vor allem der sächsische AfD-Parteivize Maximilian Krah, der sich als Multiplikator erweist. 31 600 Menschen mögen seine Twitter-Seite, auf Facebook kommt er auf 6 500 Abonnenten. Zwei Stunden vor der Polizeimitteilung, um 10.38 Uhr, twittert er unter Verweis auf die Bluttat: „Warum wählen viele #Sachsen die #AfD? U. a. deshalb!“. Zahlreiche AfD-Mitglieder und -Sympathisanten verbreiten das Geschehen aus ihrer Sicht zigtausendfach in den sozialen Netzwerken. Hass auf und Hetze gegen Flüchtlinge zeigt sich in Äußerungen wie „eingeschleppte Messerkultur“.

Permanent hat das Social-Media-Team der sächsischen Polizei damit zu tun, Gerüchten Einhalt zu gebieten oder ihnen zu widersprechen. Einmal muss es dementieren, eine Frau sei vor der Messerattacke sexuell genötigt worden; ein anderes Mal muss das Team gegen die Behauptung vorgehen, der Streit habe ein zweites Todesopfer gefordert. Dennoch ruft zur Mittagszeit die AfD zu einer spontanen Demonstration auf, kurz darauf auch die vom Verfassungsschutz als „rechtsextremistisch“ bezeichnete Hooligan-Vereinigung Chemnitz Kaotic. Während die Versammlung der AfD mit rund 100 Teilnehmern ohne besondere Vorkommnisse verläuft, werden von der Hooligans-Demo Videos und Bilder im Internet hochgeladen. Sie zeigen, wie Ausländer beschimpft und gejagt werden. Die Polizei teilte mit, die Teilnehmer der Chemnitz-Kaotic-Demo hätten „keine Kooperationsbereitschaft“ gezeigt. Vier Anzeigen seien gestellt worden: zwei wegen Körperverletzung, eine wegen Bedrohung und eine wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte.

Was wirklich geschah in der Nacht zum Sonntag, wusste da noch niemand – auch der baden-württembergische AfD-Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmaier nicht. Dennoch twitterte der Sprecher von Alice Weidel: „Wenn der Staat die Bürger nicht mehr schützen kann, gehen die Menschen auf die Straße und schützen sich selber. Ganz einfach!“ Darüber empörten sich am Montag nicht nur Linke, Sozialdemokraten und Grüne in Sachsen, nein, sogar die Bundesregierung sah sich genötigt, zu betonen: „Solche Zusammenrottungen, Hetzjagden auf Menschen anderen Aussehens, anderer Herkunft, oder der Versuch, Hass auf den Straßen zu verbreiten, nehmen wir nicht hin.“ Erst danach äußerte sich auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer: „Es ist widerlich, wie Rechtsextreme im Netz Stimmung machen und zur Gewalt aufrufen. Wir lassen nicht zu, dass das Bild unseres Landes durch Chaoten beschädigt wird.“

Wer trauert? Wer vereinnahmt?

Als sich Sachsens Premier äußerte, war zur Gewissheit geworden: Tatverdächtig sind ein 23-jähriger Syrer und ein 22 Jahre alter Iraker. Ihnen wird gemeinschaftlicher Totschlag vorgeworfen. Sie sollen auf die drei Deutschen eingestochen haben. Dem seien verbale Auseinandersetzungen vorangegangen, hieß es seitens der Polizei. Zum Motiv äußerten sich die Ermittler nicht.

In Tatortnähe liegen Blumen auf dem Bürgersteig. „Ruhe in Frieden, Daniel“, steht auf einer Kerze. Nach Angaben des von der Diakonie getragenen Vereins zur Beruflichen Förderung und Ausbildung in Chemnitz handelt es sich bei dem Opfer um den Tischlerlehrling Daniel H. Er sei „ein sehr hilfsbereiter, fleißiger und lebenslustiger Mensch“ gewesen, heißt es auf der Facebook-Seite des Vereins. Auf seinem eigenen Profil zeigte sich Daniel H. als Gegner von AfD und Pegida. Zu einer Anti-Pegida-Aktion des Textilherstellers Spreadshirt im Sommer 2015 schrieb er: „Ich hätte auch gern eins. In Chemnitz gibt’s noch zu viele von den Spinnern.“ Er likte zudem eine Anti-AfD-Satire der Heute-Show und solidarisierte sich mit „Die Linke Chemnitz“, Sarah Wagenknecht oder „Metalfans gegen Nazis“.

Manches also spricht dafür, dass ein politisch eher linksliberal eingestellter junger Mann Opfer einer mutmaßlich von Flüchtlingen begangenen Bluttat wurde. Doch war er auch Fußballfan? Wie sonst gelang es den Rechtsradikalen von Kaotic Chemnitz, in wenigen Stunden fast 1 000 Menschen zu mobilisieren? Ohnehin ist schwer auszumachen: Wer trauert? Wer ist nur neugierig? Wer vereinnahmt den Tod von Daniel H. für seine Ziele?

Am Montagabend jedenfalls wurde erneut demonstriert. Die rechtspopulistische Bürgerbewegung „Pro Chemnitz“ hatte vor dem Karl-Marx-Monument zu einer Versammlung aufgerufen, unterstützt von der nationalistischen Bewegung „Wir für Deutschland“, der rechtsextremen Partei „Der 3. Weg“, NPD-Anhängern sowie Pegida-Sympathisanten. Als Gegenpol hatte Die Linke in Sicht- und Hörweite im Stadthallenpark eine Demonstration „Nein zu Rassismus und Gewalt“ angemeldet, gemeinsam mit „Chemnitz Nazifrei“. Dabei kam es von beiden Seiten zu heftigen Provokationen sowie Flaschenwürfen. Auch Feuerwerkskörper wurden gezündet. Die Polizei musste im Nachhinein eingestehen: „Wir waren mit zu wenigen Beamten da.“

Im Laufe des Montags waren die letzten Teile der Buden und Bühnen des Stadtfestes abgeräumt worden. Die Geschäfte hatten geöffnet, Passanten bummelten durch die Straßen. Beim genaueren Hinsehen aber fiel auf: Es fehlten die Gruppen junger ausländischer Männer, die sich gewöhnlich rund um den Stadthallenpark treffen. Auch die Mütter, die dort meist mit ihren Kindern spielen, waren am Montag nicht zu sehen. (mit dpa)