erweiterte Suche
Dienstag, 25.08.2015

Wenn der Schlüssel nicht passt

Sachsen ist Schlusslicht bei der Betreuung von Krippenkindern. Die Pläne der Landesregierung werden das kaum ändern.

Von Henry Berndt

6

Bild 1 von 2

Darf’s ein bisschen mehr sein? Die Knirpse in der Kita „Haus der kleinen Entdecker“ in Dresden wären sicher nicht böse.Foto: dpa/Matthias Hiekel
Darf’s ein bisschen mehr sein? Die Knirpse in der Kita „Haus der kleinen Entdecker“ in Dresden wären sicher nicht böse.Foto: dpa/Matthias Hiekel

© dpa

  • Darf’s ein bisschen mehr sein? Die Knirpse in der Kita „Haus der kleinen Entdecker“ in Dresden wären sicher nicht böse.Foto: dpa/Matthias Hiekel
    Darf’s ein bisschen mehr sein? Die Knirpse in der Kita „Haus der kleinen Entdecker“ in Dresden wären sicher nicht böse.Foto: dpa/Matthias Hiekel

Wenn Clara Pipi macht, Justus sich mit Theo streitet und Paula sich im selben Moment den Finger in der Heizung einklemmt – dann ist selbst die Königin des Multitaskings schnell an der Belastungsgrenze. Besonders in Sachsen haben es Erzieher nicht einfach. In keinem anderen Bundesland sind die Betreuungsbedingungen für Krippenkinder so schlecht. Eine Erzieherin kümmert sich hierzulande im Schnitt um 6,5 Kinder unter drei Jahren, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt. Die Personalschlüssel hätten sich damit in jüngster Zeit kaum verbessert.

Bei den älteren Kindergartenkindern sieht es nicht besser aus: Hier ist eine sächsische Erzieherin im Schnitt für 13,6 Kinder verantwortlich – der bundesweit zweitschlechteste Wert vor Mecklenburg-Vorpommern. Zwei Jahre zuvor war auch dieser Wert mit 13,7 nur unwesentlich höher. Im „Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme“ wurden Daten mit Stichtag 1. März 2014 verglichen.

Weil andere Bundesländer wie etwa Sachsen-Anhalt ihre Betreuungsschlüssel für beide Altersgruppen weitaus deutlicher verbessert haben, ist Sachsen im Ländervergleich abgerutscht.

Dabei spiegeln die genannten Zahlen noch nicht einmal die Realität im Kita-Alltag wider. Die sieht noch weit ungünstiger aus, als es der offizielle Personalschlüssel erahnen lässt, weil Erzieher mindestens ein Viertel ihrer Zeit für Team- und Elterngespräche, Dokumentation und Fortbildung nutzen.

Das sächsische Kultusministerium verspricht Besserung – und damit nicht mehr und nicht weniger als die Erfüllung der Versprechen aus dem aktuellen Koalitionsvertrag. Konkret soll der Personalschlüssel im Kindergarten bereits ab diesem September auf 1:12,5 und ab September 2016 auf 1:12 verbessert werden. Und auch in den Kinderkrippen soll was passieren, allerdings später: Ab September 2017 ändert sich der Schlüssel auf 1:5,5 und ein Jahr später auf 1:5 – womit Sachsen allerdings im Bundesländer-Vergleich weiterhin am Ende stehen würde.

So ungünstige Betreuungsverhältnisse könnten sich nicht nur negativ auf die Kinder auswirken, sondern belasteten auch die Erzieher, kritisiert die Bertelsmann Stiftung. Die Folge seien hohe gesundheitliche Risiken für diese Berufsgruppe.

Generell sei die Situation in den ostdeutschen Bundesländern besonders kritisch. Dafür würden allerdings auch deutlich mehr Kita-Plätze angeboten. Während im Osten jedes zweite Kind unter drei Jahren eine Kita besucht (46,6 Prozent), sind es im Westen nur 22,7 Prozent.

Die Opposition im sächsischen Landtag wirft der Staatsregierung vor, viel zu spät und zu schwach auf die Probleme zu reagieren. Zu lange habe man sich auf einer bundesweit vergleichsweise hohen Betreuungsquote ausgeruht, kritisieren die Grünen. Annekatrin Klepsch von den Linken beklagt einen „bildungspolitischen Abstieg um mindestens zwei Spielklassen“ für Sachsen als „einstiges Musterland frühkindlicher Bildung“.

CDU-Bildungspolitiker Patrick Schreiber relativierte dagegen die Ergebnisse der Studie. Seit Beginn der Erhebung habe sich „auch in Sachsen die Welt weiter gedreht“, sagte er. „Die Zahlenspiele sagen nichts über die Qualität der Kinderbetreuung aus.“ Da liege der Freistaat deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Sachsen setzt nun dennoch bei der Quantität an. Nach Abschluss der stufenweisen Schlüssel-Verbesserungen im Jahr 2018 sollen rund 2 365 mehr Vollzeitkräfte in sächsischen Kitas arbeiten, heißt es aus dem Kultusministerium. Um dieses Ziel zu erreichen, würden derzeit in Sachsen mehr Erzieher ausgebildet als je zuvor.

Leser-Kommentare

Seite 1 von 2

Insgesamt 6 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. rolft.

    Am Besten haben es die unter 3-Jährigen sowieso zu Hause. Da ist der Betreuungsschlüssel 1:1 bis 1:3 und es gibt immer die gleiche Bezugsperson.

  2. Susanne

    Das sächsische Kultusministerium verspricht Besserung? Wie diese Versprechungen der Politik und deren Ministerien aussehen ist ja von Krankenhäusern, Pflegeheimen und Schulen bekannt.

  3. H.W.

    Es gibt genügend Erzieher und Erzieherinnen, man muss diese nur arbeiten lassen. Die meisten Angebote sind prekär: Einstellung mit 20-Wochenstunden, arbeiten je nach Bedarf. Vielleicht sollte davon mal die Rede sein.

  4. entejens

    @rolft: nur ist die belastung zuhause nicht geringer (oder machen die kita-kräfte auch den haushalt?) und die bezahlung ist auch in den meisten fällen "unter aller sau" *ggg* daß wechselnde bezugspersonen schlecht für kinder sein sollen, höre ich aber auch zum ersten mal. es ist ja in kitas nicht so, daß sich da jeden tag jemand anderes um das kind kümmert. aber es ist eine schöne satire, die du da geschrieben hast ... ;)

  5. Äpfel und Birnen

    In vielen Bundesländern gibt es keine echten Kinderkrippen, sondern "nur" Tagesmuttis, die alleine 3 Kinder betreuen. Wenn dabei 2 Kinder gleichzeitig der Aufmerksamkeit bedürfen, wird die Lage sehr schnell präker. In einer Kinderkrippe sieht es aber anders aus Bei vier Gruppen a 6 Kinder betreuen 4 Erzieher die 24 Kinder. Da kann auch ein Erzieher mal mehr Kinder im Auge behalten, wenn der andere sich gerade individuell um ein Kind kümmert. Nicht zu vergessen, dass in Kitas die Erzieher nicht selbst kochen müssen. Klar wär ein Erzieher mehr auch hier wünschenswert, aber mir ist dieses System, immer noch lieber als die auf sich allein gestellte Tagesmutti.

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 2

Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.