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Donnerstag, 08.03.2018

Weinskandal als Touristenschreck?

Ein Analyst sieht Negativ-Schlagzeilen aus dem Weinbau als Ursache für ausbleibende Gäste. Experten halten dagegen.

Von Peter Anderson

Im Wein steckt Wahrheit. Doch wie wahr ist die These, dass die Funde von Rückständen eines Pflanzenschutzmittels im Meißner Wein in den letzten zwei Jahren Touristen von einem Besuch des Anbaugebiets abgehalten haben? Darüber wird derzeit kontrovers diskutiert.
Im Wein steckt Wahrheit. Doch wie wahr ist die These, dass die Funde von Rückständen eines Pflanzenschutzmittels im Meißner Wein in den letzten zwei Jahren Touristen von einem Besuch des Anbaugebiets abgehalten haben? Darüber wird derzeit kontrovers diskutiert.

© dpa

Meißen. Der Knick lässt Thomas Moldenhauer keine Ruhe. Rund 16 000 Gäste weniger sind nach Angaben des Klipphausener Datenanalysten 2016 in den Landkreis gekommen. 2017 gab es nochmals ein Minus von 15 000 Besuchern. Die Basis für diese Angaben bilden offizielle Zahlen des Statistischen Landesamtes.

Erklärungsbedürftig wird der Knick nicht zuletzt durch einen gegensätzlichen Sachsentrend. Der Freistaat verzeichnete 2017 einen Gästerekord. „In den Vorjahren prägten dabei stets auch überregional in den Medien präsente Ereignisse deutlich die Tourismuszahlen mit“, schreibt Moldenhauer in seiner Thesen-Theke auf www.regionalysen.de. Als Beispiele nennt er die Eröffnung der Dresdner Frauenkirche, aber auch die beiden Elbehochwasser. Suche man nach weiteren derartigen Mustern, stelle sich aktuell die Frage, was der Grund für den jüngsten Trendbruch der Tourismuszahlen speziell im Landkreis Meißen in den Jahren 2016 und 2017 sein könnte. Moldenhauer hat dazu recherchiert und eine These entwickelt. Er stellt in den Raum, dass der sogenannte Meißner Weinskandal die plausibelste Erklärung für den anhaltenden Knick liefern dürfte. Dieser zeige sich abgeschwächt auch in den Nachbarregionen entlang der Elbe, nicht aber in anderen sächsischen Tourismusgegenden.

Ein Blick ins Archiv der Sächsischen Zeitung zeigt: Der erste Beitrag über den Einsatz eines unerlaubten Pflanzenschutzmittels in sächsischen Weinbergen erschien Ende Januar 2016. Häppchenweise kam anschließend ans Licht, dass mehrere Weingüter betroffen waren, darunter Sachsens größter Hersteller – die Winzergenossenschaft Meißen. Dem Unternehmen entstanden Umsatzausfälle in Höhe von zwei bis drei Millionen Euro. Erst im Herbst 2016 ebbte die Welle der Berichte in regionalen Medien ab.

Einschränkend ist anzumerken, dass Medien außerhalb Sachsens kaum Notiz von den Vorfällen an der Elbe nahmen. Sie spielten letztlich nur in Fachmagazinen eine Rolle, tauchten als kleinere Meldungen im Internet oder in den Wirtschaftsteilen größerer Zeitungen auf.

Aus dem Landestourismusverband heißt es, dass Gäste immer seltener mit Absagen auf Negativ-Schlagzeilen reagierten. Beunruhigende Nachrichten würden sehr schnell wieder aus dem Blickfeld verschwinden und hätten kaum Folgen für die Reisepläne. So seien die Berichte über die autoritäre Politik der PiS-Regierung in Polen und von Präsident Viktor Orbán in Ungarn bislang ohne Konsequenzen für diese Länder geblieben. Bleibende Rufschäden entstünden erst durch andauernde Hiobsbotschaften etwa aus Krisenländern wie Tunesien oder Ägypten.

Wasser in die Weinanalyse kippt auch der Präsident des Tourismusverbandes Elbland Bert Wendsche. In einem Kommentar zu Moldenhauers These führt er an, dass die Gästeankünfte im Elbland nach dem Höhepunkt 2014 bereits 2015 und dann erneut 2016 gesunken seien. Der Rückgang habe somit schon vor dem sogenannten Weinskandal eingesetzt. Die größten Weinorte hätten sowohl 2016 als auch 2017 durchweg Zuwächse verzeichnen können. In Meißen waren das vergangenes Jahr stattliche 11,4 Prozent. Ebenso konnten Radebeul und Coswig mit zunehmenden Ankünften glänzen.

Als Ursache für den trotzdem nicht wegzudiskutierenden Knick im Kreis Meißen verweist Wendsche auf einen spürbaren Rückgang der Bettenkapazitäten vor allem in elbfernen Orten. „Bei den vor allem Anfang der 90er Jahre in den Markt gegebenen Kapazitäten standen Ersatzinvestitionen an. Dieses Risiko scheuten die Gastgeber“, schreibt Wendsche. Verstärkend wirke sich die Nutzung als Flüchtlingsunterkünfte aus. Tatsächlich lassen sich für diese These Beispiele finden. So wurde das Waldhotel Weinböhla mit seinen allein 100 Doppelzimmern in eine Seniorenresidenz umgewandelt. In Riesa fungierte das Hotel Saxonia mit 43 Zimmern zeitweise als Asylunterkunft.

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