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Sonntag, 23.02.2014

Semperoper versucht sich in Schadensbegrenzung

Machtkampf an der Semperoper. Der designierte Intendant Serge Dorny scheitert - auch an den Befugnissen von Chefdirigent Christian Thielemann. Das Land Sachsen als Arbeitgeber setzt Dorny den Stuhl vor die Tür. Das könnte noch teuer werden.

Von Jörg Schurig

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In der Dresdner Semperoper tobt derzeit ein Machtkampf (Archivbild).
In der Dresdner Semperoper tobt derzeit ein Machtkampf (Archivbild).

© dpa

Dresden. Die Semperoper gibt erneut eine Stellenanzeige auf. Nach dem überraschenden Rauswurf des designierten Intendanten Serge Dorny sechs Monate vor seinem geplanten Amtsantritt dreht sich nun wieder das Personalkarussell. Seit dem Tod von Intendantin Ulrike Hessler im Sommer 2012 ist der Chefsessel in Dresden verwaist. Dorny sollte ihn ausfüllen und wird nun schon im Vorzimmer zurückgeschickt. Bewerber müssen vor allem eines können: mit Dirigent Christian Thielemann harmonieren.

Die Geschichte hat das Zeug zum dramatischen Opernstoff: Zwei Männer ringen um die Vorherrschaft. Der eine weiß eine Truppe in Orchesterstärke hinter sich, der andere will auf noch unbekanntem Terrain Stück für Stück Gebietsgewinne. Und weil er das nach Einschätzung mancher vor allem im Alleingang macht, stößt er schnell an Grenzen. Nicht nur an die Reichsgrenzen seines Widersachers. Am Ende tritt sozusagen eine Königin im Ministerrang als Richterin auf und nimmt den unterlegenen Kandidaten einfach aus dem Rennen - heute reicht dazu die Aufkündigung eines Arbeitsvertrages.

Was sich am Freitag an der Semperoper Dresden abspielte, ist ein kleiner Opernskandal - jedenfalls einer hinter der Bühne. Während man bei personellen Zerwürfnissen sonst diplomatische Formulierungen wie die vom „gegenseitigen Einverständnis“ findet, ließ die Erklärung der sächsischen Kunstministerin Sabine von Schorlemer (parteilos) zur fristlosen Kündigung des designierten Semperoper-Intendanten Serge Dorny nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig. Er habe „kein Klima des gedeihlichen und vertrauensvollen Miteinanders“ etablieren können und Vertrauen in kürzester Zeit verspielt.

Maßlose Eitelkeit, unverschämtes Auftreten

Entscheidungen seien „unangemessen kommuniziert, die Verantwortlichen nicht eingebunden und der Betriebsfrieden dadurch nachhaltig gestört“ worden“, hieß es. Unter der Hand ist die Sprache noch rauer. Da ist von „maßloser Eitelkeit“ und „unverschämtem Auftreten“ die Rede. Dorny bleibt in seiner Reaktion eher diplomatisch und hinterfragt das Gesamtprojekt Semperoper. Sein Scheitern bringt er vor allem mit Dirigent Christian Thielemann in Verbindung. Der sei nicht bereit gewesen, an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten. Im Status der Staatskapelle Dresden sieht er ein Hemmnis der Entwicklung.

Das stellt Fragen nach dem Status quo des Orchesters. Tatsächlich spielt die Staatskapelle Dresden in einer anderen Liga als die Oper. Mit Thielemann ist das Renommee sogar noch gestiegen. Die Semperoper war dagegen wegen finanzieller Beschränkungen bisher nicht in der Lage, bei den Top-Stars immer mitbieten zu können. Dennoch wird das Haus von vielen Regisseuren für sein gutes Ensemble und die Kompetenz aller Mitarbeiter gelobt. Die Oper hat nicht zuletzt bei ihrer „Elektra“ (Strauss) im Januar gezeigt, dass sie höchstes Niveau erreichen kann. Für das Ballett gilt das schon seit längerem.

Dorny wirft Thielemann vor, die Staatskapelle wie einen „Staat im Staate“ zu behandeln und nicht als Sparte der Semperoper. Darin sieht er ein Hemmnis für die Entwicklung der Dresdner Oper zu einem der führenden Häuser in Europa - ein Status, den die Semperoper früher einmal besaß.

Für die Semperoper wird es nun darum gehen, Schadensbegrenzung zu betreiben. Der Spielplan für 2014/2015 steht auch ohne Dorny, der sein Amt im September antreten sollte. Oper wird langfristig geplant. „Wir werden mit Sorgfalt in den nächsten Tagen über weitere notwendige Schritte entscheiden. Geschäftsführer Wolfgang Rothe wird die Oper kommissarisch leiten“, erklärt Annett Hofmann, Sprecherin des Kunstministeriums. Eine juristische Auseinandersetzung mit Dorny schließt man in Dresden nicht aus. Ob er auf Wiedereinstellung klagt, ist noch unklar. Dorny hatte in Dresden einen Fünf-Jahres-Vertrag. Er will sich mit seinem Rechtsanwalt beraten, sagte er.

Aussage steht gegen Aussage

In mehreren Punkten steht Aussage gegen Aussage. Das Ministerium will nach eigenem Bekunden immer mit offenen Karten gespielt haben. „Herr Dorny wusste aus den mit ihm geführten Verhandlungen bereits vor der Unterzeichnung detailliert auch von den hier maßgeblichen Inhalten des Vertrages mit Herrn Thielemann. Ihm ist nicht nur die Situation geschildert und erläutert worden, sondern ihm sind die einschlägigen Passagen aus dem Vertrag mit Herrn Thielemann vorgelesen worden“, sagt Hofmann.

Dorny stellt das anders dar und wirft dem Ministerium mangelnde Transparenz vor: „Wäre ich von Anfang an in vollem Maße über die gegebenen Verhältnisse informiert gewesen, hätte ich das Angebot von Frau von Schorlemer ablehnen müssen“, sagte er mit Blick auf seine Nominierung als Nachfolger der im Sommer 2012 gestorbenen Intendantin Ulrike Hessler. Er sei als Intendant eines Drei-Sparten-Hauses verpflichtet worden und nicht für die Stelle des Operndirektors.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 7 Kommentare

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  1. Mani

    In Belgien stehen die Fritten an der Spitze, in Dresden ist es die Semper-Oper. So hat jedes Gemeinwesen seine Favoriten. Fritten auf der Bühne, wäre das `ne Sühne? Tätäätätäätätää.

  2. Roba

    Wann lernen Sachsens Regierungsmitglieder(innen) vorausschauendes Denken, eine in der "Kunstszene" unübliches Fähigkeit?

  3. PS

    Wenn ein Schlosser oder Ingenieur die Erwartungen seines Arbeitgebers bereits noch vor oder am Anfang seiner Tätigkeit nicht erfüllt, bekommt er eine Kündigung ohne jede Chance einer Abfindung. Wenn die Darstellung der Ministerin stimmt - sollte dann Herr Dorny auch nur die geringste Chance haben, in einer juristischen Auseinandersetzung zu gewinnen - dann müsste der Freistaat mal generell prüfen, was er bei solchen Anstellungsverträgen falsch macht. Das wäre nicht Sache der Ministerin für Kunst allein, sondern Chefsache, Sache der ganzen Staatsregierung.

  4. Opernliebhaber

    Ich kann genauso wenig die wirklichen Hintergründe bewerten, wie die Damen und Herren der vorstehenden Kommentare. Eines weiß ich aber, Dresdens Oper tät ein Führungswechsel aus sächsischer kaffeeseeliger Selbstüberschätzung hin zu dem hohen Anspruch einer führenden europäischen Oper dringend gut. Davon sind wir sehr weit entfernt. Wir haben einen erstklassigen Klangkörper, der durchaus in der gleichen Liga wie die Staatskapelle Berlin mitspielen kann, ohne dessen einmalige Qualität zu mindern. Auf der Bühne sieht es völlig anders aus. Vor ca. 10 Jahren lag die Semperoper ungefähr auf Platz 20 des Ranking deutscher Opern. Besser ist es zwischenzeitlich nicht geworden. Wir brauchen eine gute Intendanz, die Klangkörper und Bühne vereinen kann mit dem Ziel eines Tages zu einer der führenden Opern Deutschlands zählen zu dürfen. Und es bedarf eines höheren Haushaltes, so wie in den guten Opern Deutschlands auch. Und es bedarf des Abrückens von verblendeter Sichtweise auf die eigene Qualität.

  5. Oprnfreundin

    Ich finde es gut, dass maßlose Arroganz und Eitelkeit am Ende verlieren. Frage nur: Warum wurde dieser Typ überhaupt vertraglich verpflichtet? War nicht abzusehen, dass der zu Herrn Thielemann passt wie die Faust aufs Auge? Halte Frau Schorlemer immerhin zugute, dass sie das Schlimmste abgewendet hat. Thielemann ist eine Größe, Dorny nur irgendein fragwürdiger Regietheater-Verfechter, von denen es so viele (entbehrliche) gibt. Vielleicht besteht nun die Chance für gutes Musiktheater? Wahrscheinlich braucht es dazu noch nicht einmal eines Intendanten...

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