erweiterte Suche
Donnerstag, 12.07.2018

Sachsens letzte große Solarfabrik vor dem Aus

In Freiberg hat Solarworld mal mehr als 2 000 Menschen beschäftigt. Nun fehlt ein Käufer, der die letzten 260 übernimmt.

Von Georg Moeritz

Gefährdeter Arbeitsplatz in Freiberg: Seit März ist Solarworld insolvent, der Verwalter bereitet die Schließung vor.
Gefährdeter Arbeitsplatz in Freiberg: Seit März ist Solarworld insolvent, der Verwalter bereitet die Schließung vor.

© Archivfoto: Thomas Kretschel

Dresden. Wenn ein Insolvenzverwalter nur noch einen Interessenten für eine Fabrik hat, bleiben ihm zwei Möglichkeiten: Er kann öffentlich die Hoffnung auf einen Kauf betonen – oder das Gegenteil. Rechtsanwalt Christoph Niering entschied sich am Donnerstag für die pessimistische Variante: Er gab den Gläubigern seinen Entschluss bekannt, den „stark defizitären Geschäftsbetrieb“ der Solarworld Industries GmbH spätestens zum Ende September einzustellen. Nur als Einschränkung fügte Niering hinzu: „falls sich nicht bis dahin noch ein Investor finden sollte“.

Im Gläubigerausschuss sitzt auch der Freiberger Jens Uder, der erst vor Kurzem zum Betriebsratsvorsitzenden gewählt wurde. Am Donnerstag war er nicht zu erreichen, aber seine Vorgängerin Anke Martin-Heede sagte der Sächsischen Zeitung, die Mitarbeiter hätten „schon viele Höhen und Tiefen überstanden“. 258 sind nach jüngsten Angaben in Freiberg noch beschäftigt. Voriges Jahr stand noch 287 auf der Internetseite. Zur besten Zeit im Jahr 2011 waren es 2 077, mit Leiharbeitern. Von sich aus gegangen sind laut Anke Martin-Heede seit der jüngsten Insolvenz im März nur wenige, „denen es zu heiß geworden ist – wenn zum Beispiel beide Partner im Unternehmen waren“.

Noch im Mai hatte der Insolvenzverwalter berichtet, es gebe mehr als ein Dutzend Interessenten für Solarworld. Nun gibt es nach Angaben aus dem Unternehmen nur noch einen, doch der habe bisher kein ausreichend konkretes Angebot gemacht. Ob er aus der Branche stammt, war nicht zu erfahren. Zurückgewiesen wurden Gerüchte, es sei ein indisches Unternehmen.

Im Werk Arnstadt in Thüringen hat der Verwalter die Produktion von Solarzellen schon gestoppt. Sie kamen bisher als Vorprodukt nach Sachsen. Seitdem nutzen die Freiberger Zellen aus Taiwan, um Solarmodule „made in Germany“ für Kunden in Europa zu montieren.

Die Arnstädter Solarzellenfabrik gehörte erst seit fünf Jahren zu Solarworld. Vor fünf Jahren hatte Konzernchef Frank Asbeck sie von Bosch übernommen. Dort waren mal 1 800 Menschen beschäftigt, Solarworld übernahm rund 800, gut 200 sind noch da. Der Arnstädter Betriebsratsvorsitzende Pierre Audehm rechnet anscheinend nicht damit, dass die Solarzellenproduktion in Arnstadt wieder anlaufen wird. In einer Mitteilung der IG Metall Thüringen weist er darauf hin, dass der chinesische Batteriezellproduzent CATL die Immobilie nutzen könnte. Bei CATL sollen langfristig bis zu 1 000 Arbeitsplätze im Raum Erfurt entstehen, Arnstadt ist nicht weit. Was aber wird aus den Freibergern? Ab August können sie in eine Transfergesellschaft wechseln. Dort gibt es laut Verwalter sechs Monate lang Geld, und zwar „deutlich oberhalb des Arbeitslosengeldes“. Damit hat Betriebsrätin Anke Martin-Heede nach eigenen Angaben „gute Erfahrungen“ gemacht. Schließlich ist Solarworld schon zum zweiten Mal in Insolvenz. Schon einmal kamen Beschäftigte in eine Auffangfirma mit Geld von der Arbeitsagentur. Mindestens 77 von ihnen wechselten später wieder ins produzierende Unternehmen.

Die Betriebsrätin kann sich vorstellen, dass die neue Transferfirma erneut Beschäftigte für eine Übergangszeit auffängt. Sie hält es für möglich, dass sich zumindest Interessenten für die Freiberger Immobilien finden – vielleicht aus einer anderen Branche. Die IG Metall in Erfurt will wegen dieser Möglichkeit noch einmal mit dem Insolvenzverwalter über mehr Mittel für die Beschäftigten verhandeln. Der Sozialplan sei noch in der Erwartung unterschrieben worden, dass die Standorte komplett geschlossen werden.

Dass sich niemand um die Solarfabriken reißt, wird in der Branche wie bei der ersten Pleite mit weltweiten Überkapazitäten begründet. Solarworld-Sprecher Milan Nitzschke ist zugleich Sprecher des Verbands Pro Sun, der bei der EU für Schutzzölle gegen Solarmodule aus China eintritt. Bis zum 3. September gibt es die Zölle, laut Nitzschke ist eine Verlängerung fraglich. Dabei böten chinesische Hersteller gerade wieder gewaltige Mengen Solarmodule an, weil Chinas Regierung das Aufstellen im Inland überraschend gebremst habe.