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Samstag, 21.12.2013

Sachsen streiten um Weihnachtshoheit

Es ist das Fest der Besinnung - und des Kommerzes. Zu kaum einer anderen Zeit des Jahres kann so viel Geld verdient werden, ob nun im Handel oder Tourismus. Weihnachten ist längst ein Marketing-Event geworden. Und in Sachsen liegen in diesem Jahr die Nerven blank.

Von Martin Fischer

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Die Bäckermeister des Schutzverbandes Dresdner Stollen verkaufen zum 20. Dresdner Stollenfest auf dem Striezelmarkt in Dresden (Sachsen) Stollenportionen des Riesenstollens an die Besucher.
Die Bäckermeister des Schutzverbandes Dresdner Stollen verkaufen zum 20. Dresdner Stollenfest auf dem Striezelmarkt in Dresden (Sachsen) Stollenportionen des Riesenstollens an die Besucher.

© dpa

Dresden. Das Erzgebirge - Heimat der Räuchermännl, Schwibbögen und Bergparaden - nennt sich Weihnachtsland; Dresden mit seinem Striezelmarkt und dem Stollenfest die Weihnachtshauptstadt. Alles könnte so einfach sein im Freistaat Sachsen. Ist es aber nicht.

Es herrscht Zwietracht zum Fest der Besinnung. Denn Dresden liegt nicht im Erzgebirge, kann also gar nicht die Hauptstadt des Weihnachtslandes sein. Und sowieso: „Wenn überhaupt, dann ist Betlehem die Weihnachtshauptstadt, denn da ist Jesus Christus geboren“, meint Matthias Förster. Er ist Sprecher von Annaberg-Buchholz, der Erzgebirgs-Kreisstadt. Dort ist man sauer auf die Dresdner und ihren selbst gewählten Titel.

„Die Angebote, die Dresden in der Weihnachtszeit den Gästen und Bewohnern macht, sind so umfassend, attraktiv und die Atmosphäre so einmalig, dass wir uns selbstbewusst als Weihnachtshauptstadt Dresden positionieren“, erklärt Bettina Bunge, Geschäftsführerin der Dresden Marketing GmbH. „Wir haben mit dem 579. Dresdner Striezelmarkt den ältesten Weihnachtsmarkt in Deutschland - mit weltgrößtem Schwibbogen, berühmtem Stollenfest und einzigartiger Kindererlebniswelt.“

Erzgebirge ist Wiege der deutschen Weihnachtstradition

Förster will das alles nicht geltenlassen: „Das Fest hat es nicht verdient, in dieser Art und Weise verwurstet zu werden. Da ist man in Dresden übers Ziel hinausgeschossen“, sagt er. „Die lange Weihnachtstradition im Erzgebirge geht auf die Suche des Bergmanns nach innerem und äußerem Licht zurück. Das äußere Licht als Symbol für die Rückkehr aus dem Stollen; das innere Licht für die Nähe zu Gott, die der Bergmann wegen der Gefahren, denen er ausgesetzt war, suchte“, erklärt Förster. „Das ist eine Tradition, die aus dem Herzen kommt.“

„Weihnachtsmärkte sind mehr als nur Glühweinbuden, Wurstbuden und Stollen“, meint auch die Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Erzgebirge, Veronika Hiebl. „Die Wiege der deutschen Weihnachtstradition liegt ganz klar im Erzgebirge, deshalb sind wir das Weihnachtsland!“

Auf dem Striezelmarkt in der Dresdner Altstadt sind auch viele Händler aus dem Erzgebirge vertreten. Es riecht nach sächsischem Winzerglühwein, Bratwurst, Pfefferkuchen aus Pulsnitz. Buden bieten Plauener Spitze an, auch die Dresdner Bäcker sind mit ihrem Christstollen prominent vertreten. „Eigentlich nehmen die uns etwas weg“, sagt Gisela Wolf aus Neuhausen an der Grenze zu Tschechien, die die typischen Räuchermännl und andere aus Holz gedrechselte Figuren verkauft. „Für mich ist das Erzgebirge das Weihnachtsland.“

Ein paar Stände weiter will man von all dem Streit nichts wissen. „Ob Weihnachtshauptstadt oder Weihnachtsland, das ist mir egal“, sagt ein Händler, der ebenfalls die erzgebirgische Volkskunst feilbietet, seinen Namen aber nicht verraten will. Allerdings geht ihm die Weihnachtsvermarktung in Dresden zu weit: „Die pflastern hier doch alles zu mit Weihnachtsmärkten“, sagt er und sorgt sich um den Umsatz. „Mehr als Kaufkraft gibt es nun mal nicht.“

Alles nur ein Sturm im Glühweinbecher? Nein, es geht um mehr: „Ein Reisegast entscheidet sich nur für ein Ziel: Er fährt ins Erzgebirge oder nach Dresden. Da geht es dann tatsächlich um Gäste. Und die Advents- und Weihnachtszeit ist für das Erzgebirge die wichtigste Zeit des Jahres“, erklärt Tourismusverbandschefin Hiebl. Dennoch solle jetzt erst einmal Weihnachtsfrieden gelten. „Im nächsten Jahr werden wir jedoch mit einigen Marketingmaßnahmen unseren Gästen deutlich machen, dass das Erzgebirge das echte Weihnachtsland ist.“

Aber Halt! War da nicht noch etwas? „Wir führen den Titel „Weihnachtsstadt Nürnberg“ in allen unseren Publikationen schon seit mehr als zehn Jahren“, sagt Yvonne Coulin, Geschäftsführerin der Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg und vormals bei der Dresden Marketing GmbH in gleicher Position. Mit den Ansprüchen der selbst ernannten Weihnachtshauptstadt an der Elbe hat die Werbeexpertin in der Frankenmetropole keine Probleme. „Dazu ist der Christkindlesmarkt als Marke einfach zu bekannt“, sagt sie - ebenfalls ganz selbstbewusst. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 8 Kommentare

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  1. Robert

    Gott sei Dank! In ein paar Tagen ist dieser ganze Weihnachts-Größenwahn vorbei!

  2. Meier

    Dresden hat nicht den ältesten Weihnachtsmarkt in Deutschland - wann begreifen das dies überheblichen Dresdner endlich?

  3. Marc Nölle, Berlin

    Ich denke nicht, dass alle Dresdner so denken. Es ist vielmehr eine für meinen Geschmack zu laute und plumpe Werbemaßnahme. So was geht manchmal nach hinten los. So auch in diesem Fall. Zur Ehrenrettung der "Marktschreierin" Bunge muss man sagen, dass sie das mit der Weihnachtshauptstadt in jeder Stadt behaupten würde, die sie vermarktet. Vor Dresden hat sie für den Hamburgtourismus gerabeitet. Die verkünden aktuell auch, dass sie Weihnachtshauptstadt sind (www.mopo.de/nachrichten/besucher-magnet-hamburg-ist-nordeuropas-weihnachtshauptstadt,5067140,25649972.html). Und das hier: www.youtube.com/watch?v=ya0l94vKeGI#t=160 ? Mir wäre sowas peinlich. Aber das muss jeder (auch der Arbeitgeber von Frau Bunge) für sich entscheiden! Es wäre nicht das erste Ei, was Bunge den Dresdnern ins Nest legt: www.dnn-online.de/dresden/web/regional/kultur/detail/-/specific/Dresden-Falsches-Spiel-mit-Oberbuergermeisterin-Helma-Orosz-Tourismus-Chefin-trickste-mit-Auszeichnung-2013322624 !

  4. Gebhard Sand

    So ein Tinnef, habt ihr keine anderen Probleme ??? Macht Euch nicht lächerlich; schließlich wird diese Zeitung auch außerhalb Dresdens / Sachsens gelesen...

  5. Reh Bugg

    Ob der älteste, der größte, der schönste Weinachtsmarkt der Welt, das ist doch ganz gleich. Ich saache eefach: "der gemielichsde Weihnachdsmargd hier uff der Weld. Wer kann den schunde so eene Kulisse uffbiedn midm greeßten Schdulln der Welt und dazu Gliehwein, der in de Beene gehd und ringsherum herrliche Kerchen fier uns Sack-sn. Scheenes Grisdfest Eich Allen. Reh Bugg

  6. Leser

    wie man es auch dreht und wendet- es bleibt einfach fauler Zauber und ein billiger Kasperbudenzauber obendrein! Wird Zeit, dass der Spuk bald vorüber ist und die Straßen der Innenstadt wieder passierbar werden, damit einem nicht ständig diese torkelnden Touristen vor die Karre laufen.

  7. Martin H.

    Jedes Land hat eine Hauptstadt. Das Weihnachtsland Erzgebirge die Weihnachtshautpstadt Dresden. Dresden liegt am Rande des Erzgebirges. Also wo ist das Problem. Statt sich in Sachsen zusammenzutun und gemeinsam zu werben, liegt man im Clinch. Ich bin Erster, nein ich! Ob der Gast in Annaberg wohnt und einen Tagesausflug nach Dresden unternimmt oder umgekehrt ist doch völlig schnuppe. Die einen werden es so machen die anderen anders. Hauptsache das Geld und die Arbeitsplätze bleiben in Sachsen.

  8. Oller Pap

    @Martin, Sie haben vollkommen recht. @Leser: Nuja, Sie wollen eben, dass wieder SED-Kolonnen und junge Pioniere durch die Stadt ziehen und singen: "De Baatei hadd immer Rechd". Dennoch, so glaube ich, hat der Liebe gott auch Sie lieb. Frohe Weihnachtsgrüße auch an alle gestrigen und vorgestrigen wünscht `ne olle Sack-se . Übrigens, Herr lieber Leser, der faule Zauber ist seit bald 25 Jahren vorbei, wobei man nicht vergessen sollte, welcher Diktator daran schuld war. Dennoch... Weihnachten ist das Fest der Liebe überall auf der gesitteten Welt, gleichbedeutend mit solchen religiösen Hochfesten in anderen Kulturen. Toleranz sei das Wort der Zukunft unserer Welt.

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