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Freitag, 09.03.2007

Tausend Ostmark für eine sehr glatte Wand

Kletter-Sachse (7). Willy Häntzschel erreichte 1936 die Leistungsgrenze am Schrammtorwächter.

Von Lutz Protze

Der meistbegangene Weg zur Schrammsteinaussicht führt durch das Schrammtor. Dort ragt rechts die dunkle, abweisende Nordwand des Schrammtorwächters in die Höhe. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts galt sie als eines der „drei letzten großen Probleme“ in der Sächsischen Schweiz. Die besten Kletterer waren an ihr gescheitert. Im September 1936 gelang dem 30-jährigen Willy Häntzschel mit seinen Freunden die erste Durchsteigung. Mit der Schwierigkeit UIAA VII, sächsisch VIII b, erreichte Häntzschel vermutlich die damalige Leistungsgrenze.

Große und kleine Baustellen

Die Durchsteigung gelang mit Hilfe großer und kleiner Baustellen. Bei der schwierigsten stellten sich drei Kletterer mitten in der Wand übereinander, danach stieg Willy Häntzschel über die wackelnde und ächzende Menschenpyramide höher. Zur Absicherung dieser Akrobatik schlug Willy, der sich seiner Verantwortung bewusst war, einen Sicherungsring. Als er endlich den Gipfel erreichte, zählte der Weg insgesamt fünf Ringe. Leider gab es damals Puristen unter den Bergsteigern, die meinten, mehr als drei Ringe dürften in einem Kletterweg nicht angebracht werden. Deshalb wollten sie die Durchsteigung nicht anerkennen. Die fünf Ringe steckten nun mal im Fels. Schnell war der Zusammenhang zu den olympischen Ringen hergestellt, da 1936 Berlin die Sommerspiele erlebt hatte. So machte der Name „Olympiawand“ die Runde. Viele Jahre stritten Alt und Jung, ob die Wand nach sächsischen Regeln geklettert wurde. Heute steht diese Frage nicht mehr. Die Regeln wurden schrittweise geändert. Mittlerweile gibt es zwei Kletterwege, die je 15 Sicherungsringe aufweisen (Naturfreundeweg am Falkenstein/Xc und Fesche Müllerin am Müllerstein/Xa).

Willy Häntzschel lebte in Waltersdorf bei Bad Schandau und gehörte zu den herausragenden Erschließern der dreißiger und vierziger Jahre. Die vielen „Häntzschelwege“ hier aufzuzählen, würde zu weit führen. Bergsteiger kennen sie sowieso. Jeder, der Willy begegnete, war beeindruckt von seiner Persönlichkeit, seiner Ruhe und Fairness. Als Klettern aus Gesundheits- und Altersgründen für ihn nicht mehr möglich war, wanderte er sonntags zu den Felsen, sah dem Treiben der jungen Leute zu. Ein besonderes Verhältnis hatte er zu Bernd Arnold, dem Spitzenkletterer der siebziger und achtziger Jahre. Beide konnten stundenlang über „letzte Probleme“ im Felsklettern diskutieren.

Den Preis nicht ausgezahlt

1976 war das die Talseite der südlichen Pfaffenschluchtspitze. Im unteren Teil ist die Wand so glatt, dass sie als unbesteigbar galt. Selbst Bernd Arnold blitzte immer wieder ab. Schließlich bat er Willy Häntzschel um seine Meinung. Willy sah sich die Wand an und hielt eine Durchsteigung ebenfalls für unmöglich. Sollte Bernd Arnold das Meisterstück einer Durchsteigung gelingen, würde er ihm 1000 Mark schenken. Nach einigen Versuchen gelang Bernd der Aufstieg. Kurz darauf stand Willy Häntzschel – ein Mann, ein Wort – vor dem Extremkletterer, wollte ihm 1000 Mark geben. Selbstverständlich nahm Bernd Arnold das Geld nicht an. Der Kletterweg trägt seitdem den Namen 1000-Mark-Wand. Willy Häntzschel starb 1993 nach einem erfüllten Bergsteigerleben.