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Samstag, 12.04.2003 Vereinsgeschichte

Kribbeln in Gelb-Schwarz

Am Sonnabend jährt sich zum 50. Mal die Gründung von Dynamo Dresden. Berühmt wurde der Verein weit über die Stadtgrenzen hinaus durch seine Fußballer. Jede Generation hatte nicht nur ihre Stars: Es gab auch die so genannten Wasserträger, ohne die Erfolg in einer Mannschafts-Sportart nicht denkbar ist. Die SZ erzählt fünf persönliche Geschichten aus fünf Jahrzehnten Dynamo-Geschichte.

Horst BeuligDer Dampfer

Horst Beulig war Polizist. Sein Vorgesetzter befahl ihm: „Du gehst zum Lehrgang nach Forst.“ Beim Trainingslager in der Lausitz sollten die besten Fußballer aus der Polizei-Sportvereinigung für den neuen Dresdner Verein ausgewählt werden. Beulig und die anderen trauten ihren Ohren nicht, als Trainer Fritz Sack erklärte: „Ihr spielt ab sofort in der Oberliga!“ Es war im Sommer 1950, als die SV Volkspolizei Dresden aus der Taufe gehoben wurde. Sie sollte den Platz der SG Friedrichstadt einnehmen, denn die Spieler des ersten DDR-Vizemeisters waren in den Westen abgewandert. Keiner der Neuen stammte aus Dresden. Nur Erhard Haufe (Rippien), Rudi Möbius (Meißen) und Horst Beulig (Ruppendorf) jagten zuvor bei unterklassigen sächsischen Vereinen dem Leder nach.

Doch die Namenlosen avancierten im Heinz-Steyer-Stadion mit ihrem herzerfrischenden Fußball schnell zu Publikumslieblingen und feierten wenige Wochen nach der Umbenennung in Dynamo 1953 den ersten von acht DDR-Meistertiteln. Neben den Nationalspielern Karl-Heinz Holze, Heinz Klemm, Johannes Matzen, Herbert Schoen und Günter „Moppel“ Schröter gehörte Beulig zur Gründer-Generation. Seine Stärken: Kampfkraft, Schnelligkeit, enorme Kondition. Seine Spitznamen: „Dampfer“ und „Maschine“. Versilbern konnten die Meister der ersten Stunde ihren Erfolg nicht. „Wir verdienten 500, später 600 Mark und bekamen eine Lebensmittelkarte mit einem aufgedruckten ,I’, das für ,Intelligenz’ stand“, erinnert sich Beulig. „Pro Sieg gab es 150 Mark, für ein Unentschieden 75, aber erst im zweiten Oberliga-Jahr.“ Als Dynamo 1954 nach Berlin zwangsdelegiert wurde, blieb Beulig in der Heimat. Heute lebt der 81-Jährige in Reich-städt bei Dippoldiswalde. (sal)

Meinhard HempDie Pferdelunge

Für Meinhard Hemp war kein Weg zu weit, um zum Beispiel Torjäger Hans-Jürgen Kreische den Weg frei zu halten. Die Mitspieler bewunderten seine „Pferdelunge“. Das Wort „Wasserträger“ mag er dagegen nicht. „Es muss zusammenpassen in der Mannschaft, und ich wusste: Er macht die Dinger rein.“ Als Straßenfußballer Hemp („Wir haben jeden Tag gebäbbelt bis es dunkel wurde“) 1957 von Motor Niedersedlitz zum Dynamo-Nachwuchs kam, waren die Männer in die Bezirksliga abgestiegen.

Ein großes Stück auf dem beschwerlichen Weg zurück in die Oberliga und weiter bis in den Europapokal ging auch Hemp. 1961 wurde er von Trainer Kurt Kresse für die Fußballschule auserkoren, an der in Dresden bereits ab 1954 talentierte Spieler besonders gefördert wurden. „Eigentlich wollte ich Chemie studieren. Aber weil ich auf dem Abiturzeugnis nur eine Zwei hatte, bekam ich eine Ablehnung“, erzählt Hemp. Also überlegte er nicht lange und erfüllte die Voraussetzung für die Aufnahme an der Fußballschule: Er verpflichtete sich für drei Jahre als Volkspolizist. „Ich hatte vorher nie Geld gesehen. Jetzt bekam ich 280 Mark – das war schon was.“ Doch als die Schule 1962 den Bach runterging, mussten die Fußballer Streife laufen. „Ich bekam sogar eine Pistole“, erzählt Hemp. „Die Uniform versteckte ich im Stadion. Dort habe ich mich vor und nach dem Dienst umgezogen, damit ich nicht in dieser Montur durch die ganze Stadt musste. Nach dem Mauerbau waren Volkspolizisten nicht gut angesehen.“

Doch der ehrgeizige Hemp hatte sich schon ein Vierteljahr später in die erste Mannschaft gekämpft und durfte die ungeliebte Kluft mit dem gelb-schwarzen Dynamo-Trikot tauschen. „Wir waren stolz, für Dresden zu spielen, denn wir stammten alle aus der Region.“ Wegen einer Gelbsucht schien seine Karriere früh beendet. „Die Ärzte sagten mir, dass ich mich damit abfinden müsse, nie mehr Fußball spielen zu können.“ Doch Hemp fand sich nicht ab. Der Sieg über die Krankheit war sein wichtigster.

„Dynamo lebt von dem alten Glanz“, sagt er – und möchte mit grundsolider Arbeit helfen, diesen aufzupolieren. Als Assistent von Trainer Christoph Franke hatte er Anteil am Regionalliga-Aufstieg 2002. (SZ/-ler)

Udo SchmuckDer Handwerker

Die Zahlen sprechen für ihn: 13 Jahre war Udo Schmuck in der Oberliga-Mannschaft aktiv. Zwischen 1972 und 1985 bestritt er 341 Pflichtspiele für Dynamo (davon 46 im Europapokal), wurde vier Mal Meister und vier Mal Pokalsieger. Schmuck galt unter den Kickern als „zuverlässiger Handwerker“ – Ausdauer, Fleiß und Disziplin waren sein Markenzeichen. Mit Libero Hans-Jürgen Dörner bildete er jahrelang ein zuverlässig funktionierendes Stoppergespann. Während „Dixie“ brillierte und die Offensive der Dresdner ankurbelte, hielt ihm Schmuck den Rücken frei. Sieben Mal wurde der heute 50-Jährige in die DDR-Auswahl berufen.

„Es war ein großes Erlebnis, in dieser Mannschaft und vor einem Publikum zu spielen, das sachverständig war, verwöhnt, uns aber auch die Treue hielt, wenn es mal nicht so lief“, sagte Schmuck bei seinem Abschied als Dynamo-Spieler. Er wurde Trainer. Seine ruhige und besonnene Art kam jedoch nicht immer wie erhofft an. In Dresden betreute er die zweite Mannschaft, gab dann ein Gastspiel beim FSV Zwickau, ehe er viele Jahre in Meißen arbeitete. 1996 kehrte er als Trainer zu Dynamo zurück, warf aber in der Regionalliga nach nur fünf Monaten das Handtuch. Über Pulsnitz und Bischofswerda landete Schmuck in dieser Saison beim Chemnitzer Bezirksligisten BSC Freiberg. Und in Kamenz, wo er als Honorartrainer im DFB-Stützpunkt arbeitet, vermittelt er Talenten seinen Erfahrungsschatz.

Als Spieler hatte es Schmuck nicht leicht. Was andere an Talent mitbrachten, musste er sich auf dem Trainingsplatz hart erarbeiten. „Ich wollte Oberligaspieler werden – und habe es geschafft.“ Auch abseits vom Rasen verfolgte Schmuck seine Ziele konsequent. An der Kinder- und Jugendsportschule baute er sein Abitur, an der DHfK in Leipzig absolvierte er ein Studium zum Diplom-Sportlehrer. „Ich will jungen Spielern das geben, was ich selbst einst bei Dynamo gelernt habe, ihnen das technisch-taktische Rüstzeug vermitteln.“ (js)

Matthias DöschnerDer Unbiegsame

Im Januar feierte Matthias Döschner seinen 45. Geburtstag. Zwölf Jahre spielte „Atze“, wie ihn die meisten Freunde noch heute rufen, für Dynamo. Mit dem Pokalsieg gegen Schwerin verabschiedete sich Döschner 1990 in den Westen. Mit 32 Jahren wollte der 40-fache DDR-Auswahlspieler am Ende seiner Karriere „noch ein bisschen gutes Geld verdienen“ – und ging zum Zweitligisten Fortuna Köln. Sportlich erfüllten sich seine Träume nicht, „aber es war eine gute Schule für die folgenden Jahre“. Döschner kehrte nach Dresden zurück, spielte noch für den FV Nord und Pirna-Copitz, wo er auch seine erste Station als Trainer hatte.

Danach erlebte er als Coach bei Fortuna Magdeburg die Insolvenz des Vereins „mit allen Problemen, die auf Spieler, Trainer und Angestellte zukamen“ – und suchte sein Glück erneut im Westen beim hessischen Verbandsligisten SV Erisburg-Obermarsberg.

Vor einigen Monaten bekam Döschner übrigens ein Angebot von Bernd Stange, ihn als Assistent in den Irak zu begleiten. „Ich habe vor zwei Jahren als Trainer aufgehört, arbeite heute als Gebietsleiter für ein Leipziger Bauunternehmen, das Baumärkte beliefert. Hauptamtlich werde ich sicher nicht mehr als Trainer arbeiten, aber vom Fußball kann ich nicht lassen.“ Im vergangenen Jahr stieg er, 44-jährig, als Spieler von Eintracht Vellmar in die Bezirksliga auf. Früher brachte er seine Übungsleiter mit so mancher leichtsinnigen Aktion im Spiel zur Weißglut. Aber Döschner ließ sich nicht verbiegen.

Auch wenn Namen wie Dörner, Häfner oder Pilz mehr in den Schlagzeilen standen, war er jahrelang nicht aus der gelb-schwarzen Stammelf wegzudenken. Nach Leisten- und Meniskus-Operationen bewies er seine Kämpferqualitäten und kehrte immer wieder auf den Rasen zurück. Als Stürmer begann er bei Dynamo, als offensivstarker Verteidiger beendete er nach 253 Punkt- und 38 Europapokalspielen seine Laufbahn bei Dynamo. 32 Oberliga-Tore schoss Döschner, eines bleibt ihm in unvergessener Erinnerung: „Ich habe mal gegen Brandenburg einen Kopfballtreffer von der Strafraumgrenze erzielt. Die Delle habe ich heute noch am Kopf.“ Döschner hat nicht vergessen, welche Karriere ihm Dynamo ermöglicht hat. „So lange meine kaputten Knochen es zulassen, spiele ich weiter für die Traditionsmannschaft. Ich spüre immer noch ein Kribbeln, wenn ich in diesem Dress auflaufe. Und die Menschen hier haben nicht vergessen, was wir mit dem Fußballspielen für die Stadt Dresden geleistet haben.“ (js)

René BeuchelDer Rückkehrer

Im Sommer 2002 kehrte René Beuchel zurück. „Ich hatte mit dem Kapitel nie ganz abgeschlossen, sondern immer auf eine Möglichkeit gehofft, wieder für Dynamo spielen zu können. Es gibt nichts Schöneres“, sagt der 29-Jährige. Verlassen hatte er den Verein nach dem Zwangsabstieg in die Regionalliga 1995, um bei Eintracht Frankfurt erstklassig zu bleiben. Bei Empor Tabak Dresden, der heutigen SG Striesen, lernte er das Fußball-Abc, bevor er 1986 an die Kinder- und Jugendsportschule und zu Dynamo delegiert wurde. Seine ersten Titel feierte Beuchel im Nachwuchs unter Trainer Dieter Riedel – und so ging der fleißige Mittelfeldspieler kontinuierlich seinen Weg.

Bis im November 1992, am Freitag, dem 13., für ihn die große Stunde schlug. „Am Abend zuvor hatte mir Trainer Klaus Sammer gesagt: Du spielst morgen.“ So wurde der Traum von der Bundesliga für „Bauch“ buchstäblich über Nacht wahr. „Ich war völlig perplex, denn ich hatte bis dahin erst einmal mit der Profi-Mannschaft trainiert“, erinnert er sich. „Der Trainer nahm mir den Druck. Ich solle mein Spiel spielen und sehen, was dabei rauskommt.“ Es wurde für Beuchel ein Einstand nach Maß. Die Gelb-Schwarzen fegten den Karlsruher SC mit 3:0 aus dem Rudolf-Harbig-Stadion, „und bei mir passte an dem Tag einfach alles“.

Insgesamt 49 Mal kämpfte Beuchel für Dynamo im deutschen Fußball-Oberhaus. „Für uns war jedes Spiel ein Endspiel – Abstiegskampf pur. Man konnte nie entspannt rangehen.“ Obwohl er zwei Mal half, das Klassenziel zu erreichen, stand er nie im Rampenlicht. „Neid habe ich deshalb nicht empfunden. Es ist doch normal, dass der Torschütze eines entscheidenden 1:0 mehr gefeiert wird als einer, der im Mittelfeld den Spielaufbau des Gegners stört.“

Beim FSV Zwickau und dem Stadtrivalen Dresdner SC kickte er später in der Regionalliga. In der ist er nun wieder für die Gelb-Schwarzen am Ball, kam aber erst auf zwölf Einsätze. Nach einer Blutvergiftung rackert er, um den Trainingsrückstand aufzuholen. Sein Leidensweg ist das beste Beispiel, dass „Erfolg im Fußball nicht planbar“ ist. „In einem Betrieb kann man sagen: Bis dahin produzieren wir soundsoviele Autos. Mit dem Aufstieg in die zweite Liga ist das nicht so einfach. Der hängt von vielen Faktoren ab“, sagt Beuchel. (SZ/-ler)

In der Dynamo-Geschichte kramten: Sven Geisler (SZ/-ler) , Jürgen Schwarz (js) und Peter Salzmann (sal).