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Donnerstag, 08.01.2009

„Ich habe nicht in die Kasse gegriffen“

Bernd Maas wurde am 17. Oktober 2008 als Hauptgeschäftsführer bei Dynamo Dresden entlassen. Im Interview mit der SZ schildert er erstmals seine Sicht der Hintergründe.

Herr Maas, wie geht es Ihnen?Besser, aber ich bin gesundheitlich noch nicht über den Berg.

Stimmt es, dass Sie am Morgen nach Ihrer Entlassung als Hauptgeschäftsführer bei Dynamo einen Selbstmordversuch begangen haben?Kein Gedanke daran! Vielmehr hatte sich mein Gesundheitszustand durch den enormen Druck so verschlechtert, dass ich für ein paar Tage ins Krankenhaus musste, um den Kreislauf zu stabilisieren. Burn-out trifft es.

Also ausgebrannt. Warum?Die Gründe sind vielschichtig. Zum einen der Arbeitsumfang. Hinzu kamen die sehr schwierigen Bedingungen aufgrund fehlender organisatorischer Strukturen. Der Verein war fürchterlich unorganisiert. Darüber hinaus gab es viele Verträge, die so nie hätten abgeschlossen werden dürfen und Dynamo belasteten und noch belasten. Zum anderen die latente Bedrohung durch Leute, die sich Fans nennen. Die wirkt immer noch nach.

Inwiefern?Unmittelbar vor meiner Entlassung hatte ich erneut einen Drohbrief bekommen, weshalb ich auch krankgeschrieben war. Aufgrund der Bedrohung wurde mir von der Polizei davon abgeraten, in die Geschäftsstelle zu gehen. Deshalb gab ich dem Aufsichtsratschef Thomas Mulansky zu verstehen: Es muss etwas passieren, sonst kann ich hier nicht weiterarbeiten. Das war eine Woche vor der Kündigung.

Wie hat er reagiert?Er meinte: Da könne der Verein nichts machen. Daraufhin habe ich ihm gesagt, dass dies für mich der Punkt wäre, um zu sagen: Das wars! Es ging in unseren Gesprächen bereits darum, wie wir auseinander gehen, ohne dass Dynamo das Gesicht verliert. Mit der Konstellation, dass Maas zurücktritt, weil die Fans Theater machen, sah ich unter anderem die Gefahr, dass potenzielle Vermarkter abspringen könnten. Wie ich heute weiß, leitete Mulansky zur gleichen Zeit eine Tiefenprüfung ein, für mich ersichtlich mit dem Ziel, mir etwas anzuhängen.

Sie hatten erklärt, die Gespräche mit den Vermarktern stünden vor dem Abschluss. Warum ist es bisher nicht zur Vertragsunterschrift gekommen?Wir waren mit allen Themen durch. Von einer Agentur lag eine Garantie über einen bestimmten Betrag vor, der uns sicher über diese Saison gebracht hätte. Doch dann wurde ich gekündigt.

Aus guten Gründen …So hat es der Verein geschickt kommuniziert: Man hat etwas gesagt, aber nicht die ganze Wahrheit.

Was ist die ganze Wahrheit? Haben Sie keine private Malerrechnung über den Verein abgerechnet?

Ich sollte im Rahmen meines sehr plötzlichen Umzuges nach Dresden finanziell unterstützt werden. Die Rechnung wurde so vom Verein bezahlt und dann von meinem Gehalt einbehalten. Das Thema ist schon ein Jahr her.

Warum haben Sie dann gegenüber dem Aufsichtsrat am 16.Oktober eingeräumt, „Rechnungen verändert und manipuliert“ zu haben? In einem Brief an die Fans schrieben Sie ebenfalls Rechnungen „angepasst“ zu haben. Wie erklären Sie das?Die Malerrechnung hätte in der Tat von mir sofort und unmittelbar beglichen werden sollen, obwohl dem Verein kein Schaden entstanden ist. Mir wurde vom Verein eine Unterstützung bis zu der darauf folgenden Gehaltszahlung gewährt, da es sich um erhebliche Umzugskosten handelte.

Stimmt es, dass Thomas Mulansky davon über den Sponsor, der die Arbeiten ausführte, erfahren und Sie erst daraufhin aufgefordert hat, die Summe zurückzuzahlen?Nein. Ich bin auf ihn zugegangen und habe ihn unterrichtet.

Und wieso haben Sie sich Heimelektronik auf Vereinskosten gekauft?Der Begriff Heimelektronik wurde von Dynamo geschickt gewählt, um den Eindruck zu erwecken, ich hätte die privat verwendet. Das stimmt nicht. Das dienstliche Handy stand mir laut Arbeitsvertrag zu. Die Speichererweiterung brauchte ich für meinen Dienst-Laptop, und den Receiver mussten wir für das Vip-Zelt anschaffen. Die Dinge waren nur noch nicht zum Einsatz gekommen, weil ich sie kurz vor der Kündigung bestellt hatte.

Wieso stand auf der Rechnung an den Verein „Softwarelizenzen“?In der Angelegenheit habe ich nicht darauf geachtet, was auf der Rechnung ausgewiesen war. Weshalb dort „Softwarelizenzen“ stand, ist mir nicht bekannt.

Thomas Mulansky sagte, Sie hätten die Geräte erst rausgerückt, nachdem das mit der Malerrechnung aufgeflogen war.Da gibt es keinen sachlichen und zeitlichen Zusammenhang. Vielmehr habe ich, als die Zeichen auf Trennung standen, die Dinge an Herrn Mulansky übergeben, und er hat mir quittiert, dass sie ungeöffnet waren.

Es hieß, der Verein hätte diese Technik nicht benötigt und vor allem billiger bekommen.Sicher gibt es billigere Receiver, aber im Hinblick auf den Vip-Raum im neuen Stadion wäre ein solcher überfordert. Und was heißt: Nicht benötigt? Dynamo konnte die Technik zurückgeben und hat sich beim gleichen Anbieter einen anderen Receiver und einen Computer bestellt. Wo der Schaden für den Verein liegen soll, erschließt sich mir nicht.

Wieso haben Sie die Anschaffung nicht abgestimmt?Ich kenne keinen Fall, in dem ein Hauptgeschäftsführer eines Vereins den Aufsichtsratschef fragen muss, wenn er einen erforderlichen Receiver für ein VIP-Zelt bestellt.

In der Mitgliederversammlung kam noch mehr zur Sprache. Wo steht der Aktenschrank?In meinem Zimmer. Es sind zur Zeit meines Umzuges Möbel im Paket angeschafft worden für Dynamo und für mich. Auf der Rechnung habe ich deutlich markiert: „Aktenschrank Bernd Maas privat“. Das ist verrechnet worden; jedenfalls hatte die Buchhaltung von mir persönlich den Hinweis.

Und die Fahrtkosten?Den Vorwurf kenne ich – genau wie die Sache mit dem Aktenschrank – nur von Ihnen. Dazu kann ich nichts sagen. Ich weiß nicht, was damit gemeint ist.

Sie sollen beim Verein Kilometergeld abgerechnet haben, obwohl Sie einen Dienstwagen kostenlos nutzen konnten.Ich habe Reisekosten in Höhe der Tankquittungen erstattet bekommen – nicht mehr, auch keine Spesen. Dem Verein ist kein Schaden entstanden, das Gegenteil ist der Fall: Dynamo hat viel Geld gespart, nämlich in Höhe der Leasingraten, Werkstattkosten und Versicherungsprämien für den mir eigentlich zustehenden Dienstwagen, auf den ich von Juni 2007 bis März 2008 verzichtet habe. Allein hier schätze ich mal 6000 Euro. Auch sonst hatte ich viele Ausgaben auf meine eigene Kappe genommen.

Sie sind sich in diesen Punkten also keiner Schuld bewusst?Nein.

Und Sie haben kein schlechtes Gewissen gegenüber dem Verein oder der Öffentlichkeit?Nein.

Aber Sie galten als der Sanierer für Dynamo, und ausgerechnet der greift dem Verein dann in die Kasse.Das stimmt ja nicht. Ich habe nicht in die Kasse gegriffen, und dem Verein wurde kein Schaden zugefügt.

Auch nicht durch die Karten für Spiele der Fußball-Europameisterschaft 2008, die Sie über den Verein beim DFB geordert und abgerechnet haben?Das DFB-Kontingent ist dafür vorbehalten, dass die deutsche Fußballfamilie darauf zurückgreifen kann - und es auch tut, mit gutem Grund. Solche Veranstaltungen sind eine sehr gute Kontaktbörse.

Präsident Hauke Haensel meinte, Dynamo hätte Ihnen die Tickets gern gestattet, wenn Sie gefragt hätten.Im Konjunktiv mache und kann ich auch alles.

Hatten Sie so wenig Vertrauen zu Ihren Mitstreitern?Das muss man differenzieren. Ich habe Thomas Mulansky bis zum Ende vertraut und dachte, zu Ralf Minge ein freundschaftliches Verhältnis zu haben. Mit Hauke Haensel lag ich nicht immer auf einer Wellenlänge.

Sie haben Vertrauen zerstört, indem Sie Ralf Minge aufforderten, die 378 Euro für seine EM-Karten auf Ihr privates Konto zu überweisen.Das stimmt. Ralf hatte mich täglich zu diesen Karten angesprochen, wollte das auch unbedingt schriftlich von mir, und ich habe ihm drei Monate lang gesagt: Das ist schon okay.

Warum haben Sie ihm nicht klipp und klar gesagt: Ralf, das ist über den Verein gelaufen?Das war zu dem Zeitpunkt schon sehr schwierig, weil ich gemerkt hatte, dass viele gegen mich arbeiten. Das Geld hat er dann überwiesen. Ich habe es in einem Briefumschlag in meinem Schreibtisch im Büro hinterlegt für Kaffeekasse, Betriebsfeier – was auch immer. Das muss noch drin liegen.

Aber nennen Sie einen Grund, warum Sie Ralf Minge nicht die Wahrheit gesagt haben?Er hat plötzlich viele Entscheidungen, die vorher abgesprochen waren, infrage gestellt. Aber eigentlich ärgere ich mich über mich selbst. Ich hätte es ihm sagen sollen.

Das Gespräch führte Sven Geisler