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Mittwoch, 17.03.2004 Spurensuche

Ewiger Frust auf die Engländer

Olympisches Silber und Bronze gewann Radsprinter Karl Neumer in London. Als der 97-Jährige 1984 in Reinhardtsgrimma starb, war er der älteste Olympiamedaillengewinner der Welt. Inzwischen gebührt diese Rolle Leon Stukelj. Der dreifache Turn-Olympiasieger aus Slowenien starb 1999 fünf Tage vor seinem 101. Geburtstag.

Von Jochen Mayer

Der alte Mann saß oft in einer Traube von Kindern. Die nahmen ihn in die Mitte – wie einen guten Kumpel. Dabei hätte er ihr Uropa oder Ururopa sein können. Schlauchreifen flickte der Karl Neumer einst wie kein anderer. Dabei erzählte er ganz besondere Geschichten, wie es damals war bei seinem großen Olympia-Abenteuer 1908. „Mit heutigen Maßstäben lassen sich die Sommerspiele von London nicht vergleichen. Karl Neumer fuhr auf eigene Faust nach England. Er musste sich um ein Quartier kümmern und sowieso alles selbst bezahlen.“ Dies erfuhr im Laufe der Zeit Reinhard Haase, der unter den Augen Karl Neumers aufwuchs. In den Bombennächten 1945 hatten Neumers in Dresden fast alles verloren – den eigenen Kolonialwarenladen, Wohnung, ihr kleines Vermögen. In den Kriegswirren verschlug es sie nach Reinhardtsgrimma, zufällig. Bei Familie Haase fanden sie Unterkunft und blieben als Mieter noch fast vier Jahrzehnte – bis zum Tod.

Auf Engländer war Karl Neumer beim Plausch mit den Kindern nie gut zu sprechen. Die Olympia-Gastgeber hatten ihm womöglich den Griff zum Olympiagold verbaut. Nach dem Semifinale in der Mannschaftsverfolgung musste das deutsche Team sofort wieder ran, ohne richtige Pause. Die Engländer hatten dagegen genügend Zeit, sich auszuruhen. Das konnte der Sachse, der aus dem Sudetenland nach Dresden gekommen war, nie richtig verwinden. Und weil bei einem Rad-Zweikampf mal ein Engländer mit den Händen grob nachgeholfen hatte, war der Respekt vor dem britischen Fairplay endgültig vorbei. Offenbar für immer und ewig.

Eine Anekdote erzählte Karl Neumer besonders gern: In London hatte er sich ein Autogramm geben lassen von Spyridon Louis, dem Athener Marathon-Olympiasieger von 1896. Das Pietri-Zieldrama – Foto oben – erlebte Neumer direkt im Stadion. Voller Respekt blickte der Radsprinter auf alle Ausdauer-Athleten. „Er war ein echter Sprinter“, weiß Reinhard Haase aus den Erzählungen. „Schinderei im Training muss nicht sein Ding gewesen sein. Sohn Heinz gab er mit auf den Weg, sich nie restlos auszukotzen.“ Das einzige Kind der Neumers versuchte sich auch auf dem Rennrad. Der Zweite Weltkrieg zerstörte alle Träume. Der Sohn gilt seit 1945 im Osten als vermisst.

In Reinhardtsgrimma fanden die Neumers neuen Halt. Bescheiden lebten sie und still. Sie stützten sich nach all den Schicksalsschläge. Ein Fernseher war Anfang der 60er Jahre die ganz besondere Anschaffung. Die Rennmaschine von London hing auf dem Dachboden. Als eines der ersten und wichtigsten Stücke ging es in den Besitz des Leipziger Sportmuseums. Früher wanderte manchmal die olympische Silbermedaille von Hand zu Hand und wurde andächtig bestaunt als Stück aus einer anderen Zeit. Die Bronzene vom Sprint über eine Runde ging im Krieg verloren.

Karl Neumer war Gesundheits-Fanatiker. „Es gab praktisch keinen Tag, an dem er nicht draußen war“, berichtet Reinhard Haase. „Selbst wenn es saute und regnete – Karl Neumer drehte seine Runden. Mit 70 Jahren ließ er das Radfahren sein. Dann war er zu Fuß unterwegs, rund um den Ort. Da kamen schnell fünf Kilometer zusammen. So hielt er sich fit. Der Mann lebte spartanisch, ging früh ins Bett, stand zeitig auf.“ Erst jenseits des 90. Lebensjahres nippte der Senior mal am Sektglas oder genehmigte sich ein kleines Bier. Obst und Gemüse holte er aus dem Garten.

Oft war der rüstige Rentner in der Schule gleich hinterm Wohnhaus. Schulleiter Steffen Namyslo: „Karl Neumer ging bei uns ein und aus. Er kam zum Mittagessen. Die Schüler kannten ihn.“ Das änderte sich mit den nachwachsenden Jahrgängen. Damit die Erinnerungen nicht zu sehr verblassen, pflegt die Schule jedes Jahr ihre eigene Olympiade. „Da haben wir Rituale wie bei den richtigen Spielen: Einmarsch, Siegerehrung, Hymne – alles mit einfachen Mitteln. Wir erinnern dabei auch an Karl Neumer“, erzählt Steffen Namyslo. „Auf diese Art stimmen wir im Sommer die Schüler auf die Spiele in Athen ein.“

Neumers letzte Ruhestätte ist das Familiengrab in Reinhardtsgrimma. Inschrift auf dem Grabstein: „In Gottes Frieden“. Nichts erinnert an die olympischen Taten. Auch im Ort fehlt jeder Hinweis auf den Helden von 1908. Doch vergessen ist Karl Neumer nicht.