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Mittwoch, 31.08.2005

Der leere Koffer von Amsterdam

Um 10.15 Uhr Ortszeit ertönte der Piepton im Ziel. Wie aus einer Tröte. Wie immer beim Rudern. An diesem sonnigen Julimorgen 1976 in Montreal war es ein besonderes Signal, ein historisches. „Dieser Tag ist mir erst in der Zeit danach richtig bewusst geworden“, erinnert sich Andrea Sredzki. Rudern erlebte eine Premiere. Erstmals gingen Frauen-Boote bei Olympia an den Start. Der Vierer mit Steuerfrau machte den Anfang. Zu Gold fuhr ein DDR-Boot – alles Dresdner Mädchen. Drin saßen die Steuerfrau Sabine Heß, Karin Metze, Bianca Schwede, Gabriele Lohs – und Andrea Kurth, jetzt Sredzki.

Heute sitzt die 49-Jährige an ihrem Schreibtisch im Arbeitszimmer zu Hause in Eichwalde bei Berlin. Sie arbeitet als Shop-Beraterin für den Otto-Versand.

„Ich habe eine Festanstellung, kann aber selbstständig im Außendienst arbeiten. Das ist das Gute an diesem Job. Ich betreue Ladeninhaber beim Einrichten ihres Computersystems, bei der Ausstattung, bei der Ausbildung. Heutzutage nennt man so was Franchise. Rund 40 Geschäfte in Berlin und Brandenburg begleite ich zur Zeit. Es macht Spaß.“

1980 verließ Andrea Sredzki ihre sächsische Heimat. Sie folgte ihrem Mann Gerd, ebenfalls ein erfolgreicher Ruderer, in die Hauptstadt.

„In Berlin habe ich mein Studium der Sportwissenschaften abgeschlossen. Das Transformatorenwerk in Schöneweide übernahm mich als Sportinstrukteurin. Nach der Wende brach alles weg. Etwas mehr als ein Jahr arbeitete ich bei einer Autovermietung. Dann kam der Anruf von Otto, bei denen ich mich einige Monate vorher beworben hatte.

Elf Jahre ist die gebürtige Breitenbrunnerin jetzt schon in dem Versandhaus angestellt. Der Sport spielte lange Zeit keine dominante Rolle mehr bei den Sredzkis. Bis vor neun Jahren, als Sohn Alexander ins Boot stieg. Rudern ist wieder aktuell.

„Wir haben Alexander nie unter Druck gesetzt. Er sollte immer für sich selbst entscheiden welchen Weg er geht. Er spielte Volleyball, war aber mit 14 Jahren schon sehr kräftig gebaut. Typische Voraussetzungen für einen Volleyballer sind das nicht gewesen. Er wechselte zum Rudern, und feierte schon bei den Junioren Erfolge. In diesem Jahr machte er uns aber das schönste Geschenk. Bei den U 23-Weltmeisterschaften wurde er mit dem Vierer Weltmeister in Amsterdam. Genau auf der Strecke, wo ich 1977 Weltmeisterin mit dem Achter wurde. Und das Kuriose an der Sache ist: In diesen letzten 28 Jahren gab es nie wieder Weltmeisterschaften in Amsterdam. Erst jetzt wieder und mein Sohn hat mich quasi in den Siegerlisten abgelöst.“

Andrea Sredzki verfolgte den Triumph des Sohnes in Holland. Sie kehrte nach 28 Jahren an den Ort zurück, der sie jahrelang prägte, in Atem hielt und noch heute bewegt. Amsterdam 1977 war der Ort ihres größten Erfolges.

„Nach unserem Olympiasieg wechselten wir alle vier in den Achter. Ich landete ohne dass ich mich versah auf dem Platz der Schlagfrau. Der Schreck fuhr mir in die Glieder. Ich musste die Frequenz vorgeben. Ich stand höllisch unter Druck. Dann ging es für uns auch noch in den Hoffnungslauf. Das war nervenzerreißend. Im Finale bin ich um mein Leben gerudert. Ich war heilfroh, als wir im Ziel als Erste ankamen. Ich kann gar nicht beschreiben, welcher Ballast damals von mir abfiel. Dieser Titel bedeutete mir mehr als der Olympiasieg. Das war ein Traum.“

Amsterdam 1977 sollte nur kurze Zeit später auch der Ort ihres größten Rückschlages werden.

„Es war der Tag der Abreise. Wir mussten vor dem Hotel noch auf unseren Trainer Richard Wecke warten. Es dauerte. Einige Funktionäre wurden schon unruhig. Auf einmal hob einer aus unserer Gruppe den Koffer des Trainers an. Der war leer. Diesen Augenblick werde ich nie vergessen. Er hatte uns im Stich gelassen und sich abgesetzt. Ich brach zusammen. Heulend kam ich wieder in Dresden an. Der Verlust war ein herber Rückschlag für mich. Richard Wecke hatte mich geformt, an die Hand genommen. Für mich ging die wichtigste Bezugsperson beim Sport verloren. Ich habe sehr gelitten, es war ein Trauma.“

Richard Wecke fand im Westen schnell eine neue Anstellung im Sport. Er trainierte den Einer-Ruderer Peter Michael Kolbe. Einen vergleichbaren Erfolg, wie er ihn mit seinen Mädchen beim SC Einheit Dresden feierte, konnte er nicht noch einmal vorweisen.

„Die Wettkämpfe in der Folgezeit waren eine Katastrophe. Wir durften auf keinen Fall Kontakt herstellen. Nicht mal angucken war erlaubt. Erst als wir 1991 zum 15-jährigen Jubiläum unseres Olympiasieges in Dresden zusammenkamen, tauchte unser alter Trainer auf. Auch wenn schon Jahre ins Land gegangen waren, ich habe ihm ins Gesicht gesagt, wie extrem enttäuscht ich über seinen Schritt gewesen bin. Er erklärte mir seine Gründe, dass er zum Beispiel seine Arbeit in Dresden nicht gut genug gewürdigt sah und deshalb floh. Wir haben uns ausgesprochen. Heute sehen wir uns ab und zu an Regatta-Strecken.“

Nach dem Weggang des beliebten Trainers bekam die Karriere der Andrea Sredzki einen Knacks.

„Wir standen lange Zeit ohne Ersatz da. Keiner fühlte sich für uns verantwortlich. Man schickte uns einen Absolventen von der DHfK*. Der wusste nichts mit uns anzufangen. Moralisch war ich am Tiefpunkt. Hinzu kamen Verletzungen. Ich hatte Probleme mit der Wirbelsäule. Zu Wettkämpfen wurde ich meist nur noch fitgespritzt.“

Für die Olympischen Spiele 1980 in Moskau mobilisierte die Freitalerin aber noch einmal alle Kräfte. Dieter Grahn trainierte mittlerweile die Dresdner Ruderinnen.

„Einen letzten großen Erfolg wollte ich mir holen. Mir war egal ob im Vierer oder im Achter. Doch schon in der Vorbereitung platzte der Traum. Meine Hand musste operiert werden. Danach war kein intensives Training mehr möglich und für mich Schluss.“

Den Kontakt zur ihren Mitstreiterinnen hielt Andrea Sredzki aufrecht. Bis heute.

„Mit Karin Metze in Heidenau telefoniere ich regelmäßig. Wir sehen uns zudem öfters. Das verbinde ich manchmal, wenn ich meine Eltern in Freital besuche. Auch Gabi Lohs, die jetzt in den USA lebt, habe ich erst kürzlich getroffen. Zu unseren Jubiläen kommen wir alle zusammen.“

Gefachsimpelt wird dann nicht nur über die alten Tage. Die Frauen sinnieren in ruhiger Minute auch über die Zukunft ihres Sports.

„Mit Rudern kann man heutzutage nicht viel Geld verdienen. Es wird schlecht vermarktet. Das ist schade. Folgerichtig gibt es kaum finanzielle Mittel, um Talente zu fördern. Bestes Beispiel ist mein Sohn. Er ist jetzt im A-Kader-Bereich und besitzt gute Voraussetzungen als Ausdauersportler. Er hat mit dem RAW Berlin, wo auch Olympiasiegerin Katrin Rutschow-Stomporowski trainiert, zudem einen rührigen Verein. Doch er muss sich auch finanziell absichern. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als auf seine berufliche Entwicklung zu achten. Auf der anderen Seite hat er nach seinem WM-Erfolg Blut geleckt. Wir werden sehen, welchen Weg er geht.“

Notiert: Sören Fiedler

* DHfK: Deutsche Hochschule für Körperkultur