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Mittwoch, 25.02.2004 Spurensuche

Der erste Verdiener

Sieben Fotografen sorgten in Athen 1896 dafür, dass sich die Nachwelt ein Bild von der olympischen Neugeburt machen kann. Die bedeutsamsten und mit Abstand meisten Motive fing Albert Meyer ein, geboren 1857 in Dresden-Klotzsche.

Von Jochen Mayer

Uralte Fotos gingen 1996 um die Welt – nach Athen und Atlanta. In Dresdens Technischen Sammlungen erfolgte damals der Auftakt eines Rückblicks mit schwarz-weiß-Dokumenten. Anlass waren die olympischen Jahrhundertspiele. Der Großteil der Aufnahmen stammte von Albert Meyer, der zwei Straßenbahn-Haltestellen von den Ausstellungsräumen entfernt seine letzte Wohnung in der Tischerstr. 12 hatte. Dieses Haus existiert in Dresden-Striesen nicht mehr.

Albert Meyers Wiederentdeckung ist Volker Kluge zu verdanken. Der Berliner Olympiaexperte gab vor acht Jahren einen Bildband über die Athener Spiele heraus. Meyer stellte dort den Löwenanteil an Fotos. Auf den Chronisten der Spiele war Volker Kluge zufällig durch eine Akte gestoßen. Die war für Meyer von der Berliner Polizei angelegt worden. Grund: Der Hof-Photograph des Königs von Sachsen durfte als sächsischer Staatsangehöriger in Preußen sein Prädikat nicht ohne Erlaubnis führen. Die Akte brachte die Personalie in die Gegenwart.

Albert Meyer hatte in Berlin ein Atelier mit 15 Angestellten, er besaß Filialen, die Geschäfte mit der neuen Kunst gingen gut. In der Spree-Metropole fand er Kontakt zu Willibald Gebhardt, der ein Komitee zur deutschen Beteiligung an den Spielen ins Leben gerufen hatte. Meyer beteiligte sich mit Ehefrau Elisabeth – sie fotografierte ebenfalls und gilt als erste Frau im deutschen NOK-Vorläufer – auf eigene Kosten an der Olympia-Expedition.

In Athen bannte Albert Meyer auch den Sieg eines Dresdner Chemie-Studenten von der Technischen Hochschule auf Fotoplatten. Friedrich Adolph Traun gewann das Tennis-Doppel mit dem Iren John Mary Pius Boland. Der gebürtige Hamburger Traun war als Läufer nach Athen gereist, schied im 800-m-Vorlauf aus. Zwei Tage später begann das Tennisturnier. Traun hatte einen Schläger im Gepäck, meldete nach und schied in der ersten Runde gegen den Iren Boland aus, der das Finale gewann. Beide schmissen sich für das Doppel zusammen. Das Duo triumphierte. Neben Traun startete als zweiter Sachse Theodor Leupold (Radfahrverein 1884 Zittau) in Athen. Der brachte es im Radrennen über eine Runde auf Rang fünf.

Albert Meyer soll von den Athener Tagen immer als größtem Erlebnis seines Lebens gesprochen haben. Der umtriebige Sachse genoss nicht nur das Ereignis. Geschäftstüchtig und clever vermarktete er seine Fotos. Meyer beglückte Europas Fürstenhäuser mit Olympia-Alben. Eine Gegenleistung: Orden und Auszeichnungen. Volker Kluge vermutet: „Wahrscheinlich war Albert Meyer der erste, der an den Olympischen Spielen verdiente.“ Der Olympiaforscher weiß von sechs Meyer-Alben, die noch existieren. 2002 kaufte das Leipziger Sportmuseum eins auf. Albert Meyer kehrte 1915 nach Dresden zurück. Er musste Schicksalsschläge hinnehmen: Der Sohn kam im Ersten Weltkrieg um, die Inflation fraß das Vermögen. Am 24. August 1924 starb Albert Meyer in Dresden. Exakt 80 Jahre später wird dann in Athen der elfte Tag der Olympischen Spiele 2004 sein – und Meyers Fotos erinnern dann weltweit wieder an die olympische Neugeburt.