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Mittwoch, 28.09.2005 Was macht eigentlich ...

Der bronzene Albtraum

Als Turnerin kam die 1,55 Meter kleine Gaby groß raus. 1985 triumphierte sie am Stufenbarren. Weltmeisterin. Ein stolzer Titel. Drei Jahre später holte die gebürtige Hoyerswerdaerin bei den Spielen in Seoul mit der DDR-Riege olympisches Bronze. Danach beendete Gabriele Fähnrich, die seit 1995 den Nachnamen Stietz trägt, ihre Karriere.

Gabriele Fähnrich hatte in 15 Jahren Leistungssport beide Seiten der Medaille kennen gelernt: Freud und Leid. Das eine setzte das andere voraus. Vom Glanz ihrer Erfolge ist nicht viel geblieben. Das hatte sie auch nicht erwartet.

„Weltmeisterin, na und? Ich habe das nie als etwas so Besonderes empfunden. Als ich 1985 in Montreal vom Podest stieg, dachte ich: Es ist schön. Ich wusste aber zugleich: Jetzt werden die Anforderungen noch höher geschraubt, damit du den Titel verteidigst. Heutzutage werden Sportler nach einem Erfolg hochgejubelt. Bei uns gab es diesen Star-Kult nicht. Ich war auch nie der Typ, der sich mit einem Titel brüsten musste.“

Die Hände nach oben gereckt, ein Siegerlächeln auf den Lippen: So zeigt das Foto im offiziellen Olympia-Buch von den Spielen 1988 in Seoul Gabriele Fähnrich inmitten der bronzenen DDR-Riege. Hinter die schillernde Fassade konnte damals niemand sehen.

„Der Körper streikte. Meine Knieprobleme wurden immer stärker, hinzu kamen Rückenschmerzen, so dass ich nicht mehr das komplette Trainingspensum durchhielt. Normales Treppensteigen fiel mir schwer. Die Folge: Ich nahm zu, was damals besonders auffiel, weil wir unter Verbandstrainer Reinhard Tietz viermal täglich auf die Waage mussten. Schon 100 Gramm waren schlimm. Das verfolgt mich bis heute. Es macht mich verrückt, wenn ich etwas mehr drauf habe. Ich kann nicht essen und sagen: Es ist mir egal.“

Sie ging nicht nur an die Schmerzgrenze, sondern darüber hinaus. Trotzdem ließen ihre Trainingsleistungen ausgerechnet in der Olympia-Vorbereitung an der Sportschule Kienbaum zu wünschen übrig.

„Das war für Trainer und Funktionäre das Zeichen: Die will nicht mehr. Utopisch! Ich werde doch nicht drei Wochen vor den Spielen keine Lust mehr haben, sagte ich denen. Aber dann kamen die Herren vom Turnverband der DDR – extra wegen mir; immerhin – nach Kienbaum, um mir zu sagen: Du kannst gehen. Das war’s.“

Die damals 20-Jährige fuhr enttäuscht und verärgert nach Berlin ins Internat. Dort fand sie einen Brief im Kasten. Sie wurde zur Aussprache beim Vorsitzenden ihres Vereins, des SC Dynamo, zitiert.

„Zwei Stunden stellte er mir immer wieder die gleiche Frage: Willst du noch oder willst du nicht? Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich doch alles versucht hatte, aber es einfach nicht mehr ging. Schließlich habe ich versichert, noch einmal alles zu probieren. Aber das reichte ihm nicht. Er beharrte auf einem Ja oder Nein. Ich sagte Ja. Und habe mich gleich geärgert. Mir war doch klar, dass die Beschwerden nicht über Nacht weg sein würden.“

Mit einem Nachwuchstrainer sollte sie binnen drei Tagen ihr vorgeschriebenes Ideal-Gewicht erreichen, um bei einem Nominierungswettkampf starten zu dürfen. Spritzen linderten die ständigen Schmerzen ein wenig.

„Am Abend vor dem Wettkampf hatte ich trotzdem noch ein Kilo zu viel. Also habe ich mir in der Apotheke alles geholt, was ich bekommen konnte: Wassertabletten, Abführtee. In der Nacht bin ich von Krämpfen aufgewacht und auf den Knien zur Toilette gekrochen. Obwohl es mir dreckig ging, habe ich noch mehr genommen, weil ich dachte, es würde noch nicht reichen.“

Ein Albtraum, aus dem sie immer noch ab und zu mit tränenden Augen und körperlich geschafft erwacht. Das wäre ihr erspart geblieben, wenn sie Nein gesagt hätte. Mit welchen Konsequenzen? Spekulation. Mit Olympia-Bronze verschaffte sich Gabriele Fähnrich einen versöhnlichen Abschluss als Turnerin und sicherte sich den problemlosen Start ins Berufsleben.

„Ich bekam noch eine Wohnung, und mir wurde sogar angeboten, die Kosmetik-Lehre beim Sportclub zu machen. Aber ich wollte raus und nichts mehr damit zu tun haben. Mit dem Turnen habe ich abgeschlossen, bekomme meist nur hinterher mit, wenn eine Welt- oder Europameisterschaft war. Die ehemaligen Mannschaftskollegen traf ich vor vier Jahren beim Turnier der Meister in Cottbus. Ein interessantes Wiedersehen. Aber als meine Tochter Lisa Turnerin werden sollte, lehnte ich kategorisch ab, obwohl der Leistungsdruck heute mit dem von damals sicher nicht zu vergleichen ist.“

Sie erinnert sich ungern an den rauen Ton in der Turnhalle.

„Wir sollten funktionieren wie Roboter: Jeden Tag sechs Stunden die gleiche Intensität. Und wenn man mal in Tränen aufgelöst war, weil nichts klappen wollte, hieß es: Du heulst nur rum. Ich hatte Angst vor einigen Elementen wie der Doppelmühle am Balken und Boden, bei der ich mich verletzt hatte. Wenn jemand aus dem dritten Stock springt und sich dabei den Fuß bricht, wird er das freiwillig sicher nie wieder tun. Ich weiß von einer Sportlerin aus meiner Trainingsgruppe, dass sie ab und zu wegen dieses Leistungsdrucks beim Psychologen war. Mir wurde das nie angeboten.“

Ihre jetzt 15-jährige Tochter betrieb ab der ersten Klasse erfolgreich Karate, war unter anderen brandenburgische Landesmeisterin. Jetzt spielt sie Handball beim TSV Altenwalde. An der Nordsee wagt Gabriele Stietz einen kompletten Neustart: beruflich und privat. Im Januar lernte sie ihren neuen Lebensgefährten Jürgen Keuzer kennen, zu dem sie nach der Trennung von ihrem Mann zog. In Cuxhaven mietete sie sich bei einem Frisörgeschäft mit einem eigenen Kosmetik-Studio ein, das seit 1. August 2005 geöffnet ist.

„Nach elf Jahren Praxis in Berlin hatte ich so viele Erfahrungen auch bei den geschäftlichen Abläufen gesammelt, dass ich mir sagte: Ich könnte mich selbstständig machen. Ich hatte immer einen guten Kontakt zu meinen Kunden und merke, dass ich hier schon gut angenommen werde. Was mir vom Sport geblieben ist, sind Charaktereigenschaften wie Disziplin, Ehrgeiz und Geduld. Auch in der Ehe habe ich versucht, die Probleme zu lösen, obwohl ich unzufrieden war. Jetzt habe ich meine neue Liebe gefunden. Dass es so etwas nicht nur im Film gibt, hätte ich nicht geglaubt.“

Notiert: Sven Geisler