erweiterte Suche
Mittwoch, 30.11.2005 Was macht eigentlich ...

Als „Untier“ nicht zu bremsen

Staunen bei der „Tour d’Allee“ im Herbst: „Ist das nicht der Grabe?“, rätselten einige ältere Zuschauer beim diesjährigen Prominenten-Rennen auf der Insel Rügen, als Dieter Grabe vom Rad stieg. Rank und schlank wie in besten Zeiten: Dem Leipziger ist kaum anzusehen, dass seine aktive Zeit im Sattel schon über 30 Jahre zurückliegt. Mitte der 60er Jahre fuhr er in der ersten Reihe des DDR-Radsports.

In seinem Zuhause im Leipziger Stadtteil Lößnig erinnern Pokale an zahlreiche Siege. Doch mit der Popularität eines Täve Schur oder Klaus Ampler konnte es der heute 60-Jährige nicht aufnehmen. Grabes größte Erfolge fielen in eine Zeit, in der sich der DDR-Radsport mit dem Neuaufbau nach der großen Schur-Ära beschäftigte.

„Ich habe deshalb keine Neid-Gefühle. Diese Zeiten waren halt anders. Ich habe immer vernünftig gelebt – so wie es Millionen Menschen hierzulande auch taten. Es gab keine rauschenden Feste, ich habe lieber von Jugend auf eisern gespart. So konnten wir uns ein kleines Einfamilienhäuschen im Leipziger Süden bauen. Ohne Schulden, so dass meine Frau und ich heute ruhig schlafen können. Nur von Preisgeldern wäre dies überhaupt nicht möglich gewesen. Das waren oft Sachpreise. Mit den Dimensionen der heutigen Prämien für Profis sind sie ohnehin nicht zu vergleichen.“

Als Sieger des Dresdner Rennens „Rund um das Ostragehege“ leitete Grabe 1966 seinen Aufstieg ein. Auf den 122 Kilometern durch die heutige Landeshauptstadt verblüffte der Schlaks aus Torgau die DDR-Friedensfahrt-Kandidaten und triumphierte vor Günter Lux. „Den Dieter konnte in seinen besten Zeiten kaum jemand bremsen“, erinnerte sich Wolfgang Schoppe. „Der wurde das Untier genannt, weil er alles in Grund und Boden fuhr“, fügte der Vizepräsident des Bundes Deutscher Radfahrer aus Leipzig hinzu.

„Ich trainierte erst wenige Monate beim SC DHfK Leipzig. Das wissenschaftlich fundierte Training bei Herbert Weisbrod und Siegfried Gettmann begann sich rasch auszuzahlen. Bei der DDR-Rundfahrt 1966 gelang mir der Durchbruch. Auf der letzten Etappe durch den Harz holte ich mir mit einem Gewaltritt alle Trikots. Dies schaffte ich als erster Fahrer. Und die DDR-Rundfahrt besaß einen guten Ruf. National war sie erstklassig besetzt, dazu kamen einige namhafte Fahrer aus dem Ausland. Ich war stolz, dass ich mich mit solchen Fahrern wie Axel Peschel, der zwei Jahre später die Friedensfahrt gewann, und Siegfried Huster messen konnte.“

Auch die Auswahltrainer kamen an dem Senkrechtstarter von der DHfK nicht mehr vorbei. 1967 gehörte Grabe zum Friedensfahrt-Sextett. Diese Berufung zählte zu den höchsten Weihen, die ein DDR-Radsportler erreichen konnte. Ausgerechnet bei seinem ersten großen internationalen Einsatz erlebte er, wie eng Triumph und Absturz zusammenliegen.

„Auf der achten Etappe von Berlin nach Leipzig verhinderte ich als Tageszweiter den Doppeltriumph der Tesselaar-Brüder aus Holland. Tags darauf passierte das Malheur. Beim Zeitfahren zwischen Leipzig und Halle stürzte ich und erlitt eine leichte Gehirnerschütterung. Ich kam mit 19 Minuten Rückstand zum Sieger Duchemin ins Ziel und musste danach ausscheiden, was einem seinerzeit nachgetragen wurde. Schade, denn ich befand mich in sehr guter Form. Das konnte ich aber erst später als DDR-Meister in Eisenach und Dritter bei der DDR-Rundfahrt bestätigen. Zwei Jahre später lief es wesentlich besser. Wir gewannen die blauen Trikots, das Zeichen für den Mannschaftssieger.“

Aus der Zeit blieben Erinnerungen an starke Kontrahenten, gute Kumpels und auch Fahrer, denen er aus dem Wege ging.

„Grundsätzlich versuchte ich, zu allen ein ordentliches Verhältnis zu pflegen. Eckstein, Huster, Peschel und andere waren harte Rivalen, aber auch gute Kameraden. Mit dem Berliner Peschel teilte ich jahrelang auf Wettkampfreisen ein Zimmer. Heikel war stets das Verhältnis zu den sowjetischen Rennfahrern. Im Wettkampf überschritten sie oft die Grenzen der Fairness. Aber aus politischen Gründen durfte nichts unternommen werden.“

Zehn Jahre nach seinem Laufbahn-Ende entdeckte Grabe seine Liebe zum runden Leder. Er begann eine neue Laufbahn beim DDR-Oberligisten 1. FC Lok Leipzig.

„Ich arbeitete als Eisenbahner in Halle, als mich der Lok-Chef Peter Gießner sozusagen für den Sport wieder entdeckte. Bis zur Wende war ich bei den Oberliga-Fußballern in Probstheida für die organisatorische Arbeit zuständig, sozusagen das Mädchen für alles. Es war eine interessante Zeit, in der ich unter anderen den Werdegang von Nationalspielern wie Ronald Kreer, René Müller und Uwe Zötzsche vor Ort verfolgen konnte. Unvergessen bleibt mir das Europapokal-Finale von 1987, als Lok in Athen nur knapp mit 0:1 unterlag.“

Nach der Wende baute der inzwischen als VfB Leipzig firmierende Verein Personal ab. Auch Grabe ging, aber nicht in den vorzeitigen Ruhestand.

„Mir halfen die Berufsjahre bei der Bahn. So trat ich einen Job bei der Bundesbahn an und arbeitete bei den Elektronikern im Leipziger Bahnwerk West. Ab und an half ich noch beim Leipziger Team Wiesenhof aus, wenn sie jemand brauchten. Meine Frau arbeitet in der Versicherungsbranche, ich bin jetzt Rentner. Wir haben unser Auskommen. Da kann man in der heutigen Zeit doch zufrieden sein.“ Notiert: Berthold Neumann