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Mittwoch, 28.04.2004 Spurensuche

Gold von der Kameradin

Als Ersatzfrau gehörte Marga Barby 1936 der goldenen Turnerriege der Frauen an. Ein Erlebnis, das ihr Leben prägte. Sie verschrieb sich dem Turnen. Das Training bei ihrem Heimatverein SV Flugzeugwerft verfolgte sie bis zu ihrem 90. Geburtstag im Dezember des Vorjahres. Im Januar starb die Dresdnerin zu Hause in Klotzsche. Jetzt erzählen Fotoalben, alte Zeitungsausschnitte und Tochter Irmela Wohllebe aus dem Leben der Marga Barby.

Von Sören Fiedler

12. April 2003 – Tag der Entscheidung. Leipzig setzte sich in der innerdeutschen Konkurrenz als Olympia-Bewerber durch. Euphorie überall. Ein Fernsehsender suchte ehemalige Olympioniken auf. Alle sollten teilhaben und ihre Freude ausdrücken. Auch Marga Barby. Sie sagte während des Interviews: „Die sollen in Dresden erst einmal die Turnhallen erneuern. Unsere Kinder brauchen ordentliche Voraussetzungen, um sich zu bewegen, zu trainieren und Grundlagen für eine sportliche Betätigung zu schaffen.“ Das saß! Ihr Beitrag wurde nicht gesendet. Er „passte nicht in das Bild der breiten Begeisterung“, erfuhr Irmela Wohllebe später.

Mit ihrer Meinung hielt Marga Barby auch im Alter von 90 Jahren nicht hinter dem Berg. Für die Tochter kein Wunder. „Meine Mutter hat immer ihren Stil durchgesetzt. Sie war eine Verfechterin des Turnsports. Er war die Grundlage für jeden anderen Sport“, erzählte Irmela Wohllebe. Marga Barby turnte von Kindesbeinen an. Als sie in die Schule kam, trat sie in die Turnerschaft ein. Beim TV Frankenberg, wohin es ihre Familie während des Ersten Weltkrieges von Düsseldorf aus verschlug, avancierte das blonde Mädchen schnell zur Vorturnerin. 1932 begann sie ihr Sport- und Geografie-Studium, wo sie auch ihren späteren Mann, Rugbyspieler Karl-Heinz Barby kennenlernte.

Theorie und Praxis gingen bei Marga Barby im Gleichschritt. 1936 wurde sie mit der Turnerriege der Frauen für Olympia nominiert, die dann auch Gold holte. Aus dem damaligen Erlebnis machte sie nie einen Hehl. „Es war ein unvergessliches Ereignis. Für uns zählte der Sport, nicht die Politik“, sagte sie später. Auch ein Foto, dass die damals 21-Jährige neben Adolf Hitler und Josef Goebbels zeigte, verschwand nie aus ihren Erinnerungen: „Das gehörte doch dazu, genauso wie zu DDR-Zeiten die Olympiasieger von oben empfangen wurden.“ Bei der Medaillenvergabe auf dem Berliner Reichssportfeld ging die damals für Leipzig startende Barby zunächst leer aus. Nach dem Tod der Teamkameradin Isolde Frölian bekam die Dresdnerin deren Goldmedaille praktisch vererbt. Die Tochter bewahrt nun das Stück in der Originalschachtel auf.

1941 siedelte Marga Barby zu ihrer Schwester nach Dresden über. Sie lebte für das Turnen, lehrte in der Schule Gymnastik, bildete Übungsleiter aus und arbeitete als Kampfrichterin in der Rhythmischen Sportgymnastik. Nach der Wende verlor dieser Sport, der Kraft, Eleganz und Geschick gleichermaßen forderte, an Zugkraft. „Grundlagentraining wurde außer Acht gelassen. Die jungen Leute wollten nur noch Spiele machen, keiner wollte mehr turnen. Heute ist es auch noch so“, erzählte Irmela Wohllebe. Sie hatte den Turnergeist der Mutter längst aufgenommen – und den Kampf für ihre Ideale. „Ich habe Konferenzen beim Kultusministerium organisiert. Ich wollte mehr Platz für Turnen und Gymnastik im Lehrplan, habe das wissenschaftlich untermauert, ohne Erfolg“, berichtete die Sportlehrerin des Dreikönigs-Gymnasium und Mutter von vier Kindern. Stolz war Marga Barby, die bis Ende vorigen Jahres noch eine Gymnastikgruppe betreute, auf ihre beiden Töchter. Wie auch auf ihre fünf Urenkel. Ihr letzter Wunsch war, dass die Familie zusammenhält. An Tochter Irmela appellierte sie: „Pass auf, die Kleinen sollen sich immer bewegen und Gymnastik machen. . .“