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Montag, 12.03.2018

Regierung uneins über Tellkamp

Der „Dresdner Dichterstreit“ setzt sich in der sächsischen Regierung fort. Während Sachsens Ministerpräsident den Schriftsteller verteidigt, widerspricht Staatsministerin Eva-Maria Stange.

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Eva-Maria Stange, Michael Kretschmer
Eva-Maria Stange, Michael Kretschmer

© R. Bonß/B. von Jutrczenka/dpa

Dresden. Wenige Tage vor Beginn der Leipziger Buchmesse hat der „Dresdner Dichterstreit“ zwischen Uwe Tellkamp und Durs Grünbein darüber, wie weit Meinungsfreiheit gehen darf, inzwischen auch die sächsische Landesregierung erreicht.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) stellte sich am Wochenende demonstrativ hinter Tellkamp. Er sei ihm als kritische Stimme willkommen, twitterte Kretschmer, der bei der Bundestagswahl im September sein Direktmandat an einen bis dato völlig unbekannten AfD-Mann verloren hatte und sich im kommenden Jahr erstmals als Ministerpräsident einer Landtagswahl stellen muss. „Ärgerlich ist die schon wieder beginnende Stigmatisierung“, warb Kretschmer um fairen Umgang mit Andersdenkenden. „Wenn ein Streitgespräch zur Verurteilung einer Person führt, darf man sich nicht wundern, wenn keine offene Debatte mehr geführt wird.“

Tellkamp hatte am Donnerstagabend bei einer Podiumsdiskussion im Dresdner Kulturpalast unter anderem mit Äußerungen über Flüchtlinge und angeblich drohende Repressionen gegen Andersdenkende in Deutschland Kritik und Irritation ausgelöst. So sprach der in Dresden lebende Erfolgsautor („Der Turm“) unter anderem von einer „Gesinnungsdiktatur“. Über Flüchtlinge sagte Tellkamp: „Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent.“ Dazu erklärte Sachsens Regierungschef Kretschmer per Tweet am Wochenende, es sei richtig, „dass die übergroße Mehrheit der zu uns kommenden Menschen Flüchtlinge sind, die in ihren Heimatländern keine Perspektive sehen“. Das sei ihnen nicht vorzuwerfen. „In Deutschland müssen wir aber darüber diskutieren, was wir realistisch leisten können und wie der soziale Frieden in unserem Land gewährt werden kann.“

Durs Grünbein hatte bei dem öffentlichen Schlagabtausch mit Tellkamp sich klar von dessen Thesen distanziert. Auch der Suhrkamp-Verlag, in dem Tellkamps „Der Turm“ 2008 erschienen war, grenzte sich ab. „Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln“, teilte das Unternehmen mit.

In sozialen Medien ging die Debatte um Meinungsfreiheit und Flüchtlingspolitik das ganze Wochenende weiter – auch innerhalb der Landesregierung ist man sich uneinig. So teilte Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) mit, bei Tellkamps Äußerungen handele es sich um eine „Privatmeinung“, die sie „nicht teile“. Sie warnte zugleich: „Verallgemeinerungen dieser Art geben denen Futter, die mit ausländerfeindlichen Parolen das gesellschaftliche Klima vergiften.“ (SZ/abi/dpa)


Hier gibt es die Veranstaltung noch einmal komplett zu sehen - sie beginnt ab Minute 11 mit der Begrüßung von Annekatrin Klepsch, Dresdens Kulturbürgermeisterin:

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 72 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Exil-Sachse

    Wen interessiert das. Das einzige was die Mitglieder dieser Regierung eint ist die Tatsache, dass sie keinen anderen Job gefunden haben und anderen ihre Meinung aufdiktieren wollen. Weiterhin fehlt Ihnen ein zukunftsweisender Plan für Sachsen.

  2. siggi

    Dass Frau Stange mit ihrer Meinung Unrecht hat, sieht man schon daran, dass die Menschen alle durch sichere Drittländer den langen Weg bis zu uns gekommen sind. Warum macht sich jemand den Weg länger, wenn ihm am Ziel nicht etwas besseres erwartet, als er aktuell hat? Auch in Griechenland oder Österrreich wären sie sicher... Es ist tatsächlich Stigmatisierung, dass die einfachen Worte von Herrn Tellkamp nun gleich so ein "Fegefeuer" auslösen. Traurig, wie tief wir in den letzten Jahren gesunken sind... Wie war das noch mit der Meinungsfreiheit "der anderen"?

  3. Silke

    "Viele Menschen, die zu uns kommen, fliehen vor Krieg, politischer Verfolgung und Diskriminierung sowie wirtschaftlicher Not in ihren Heimatländern und bedürfen dringend unserer Hilfe.“ -- Ja, Frau Stange, besser kann mich zeigen, dass man die Aussagen von Herrn Tellkamp gar nicht verstanden hat. Und dass man das Grundgesetz "politisch verfolgte (!) genießen Asyl" (und damit den Unterschied Asyl und Migration) auch nicht zu kennen scheint. Waren es 3 oder 5 Prozent, die im letzten Jahr politisches Asyl erhielten? Bitte hören Sie doch erst mal richtig zu, bevor Sie Ihre wohlklingenden, aber völlig danebenliegenden Aussagen äußern.

  4. Carsten

    Wundert mich überhaupt nicht, dass Stange hier wieder querschießt und die unsägliche Mär vom "armen" Flüchtling, der unsere Hilfe "dringend" benötigt, vom Stapel lässt. Aber wer von 1981 bis 1988 in der SED war, weiß eben, wie man mit politisch unliebsamen Personen umzugehen hat - gelernt ist halt gelernt...

  5. Jens

    Hochachtung, Herr Kretschmer -- bitte behalten Sie Ihre Meinung bei, denn was jetzt hier abgeht, ist "Stigmatisierung". Nicht ohne Grund dümpelt die SPD im einstelligen Bereich in Sachsen...

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