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Mittwoch, 03.01.2018

„Rechte Verlage muss man aushalten“

Pöbelei, Geschrei, Polizei: Auf der Frankfurter Buchmesse hat es um den Auftritt der Neuen Rechten heftige Auseinandersetzungen gegeben. Wie geht die Leipziger Buchmesse mit dem Problem um?

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Leipzigs Messedirektor Oliver Zille will neurechte Verlage nicht ausschließen. „Auch diese haben das Recht, so lange ihre Publikationen mit dem Gesetz vereinbar sind, auf der Messe auszustellen.“
Leipzigs Messedirektor Oliver Zille will neurechte Verlage nicht ausschließen. „Auch diese haben das Recht, so lange ihre Publikationen mit dem Gesetz vereinbar sind, auf der Messe auszustellen.“

© dpa/Jens Kalaene

Leipzig. Der Auftritt rechter Verlage auf der Buchmesse hat in Frankfurt im Herbst viel Ärger und Protest ausgelöst. Auch auf der Leipziger Buchmesse sind Aussteller wie Compact seit Jahren vertreten. Messe-Direktor Oliver Zille erklärt im dpa-Interview, warum das auch 2018 so sein wird.

Auf der Frankfurter Buchmesse hat es im Herbst Tumulte an Ständen rechter Verlage gegeben. Wie sieht es im Frühjahr in Leipzig aus - werden wir rechte Verlage auf der Buchmesse sehen?

Ja, das werden wir. Und wir werden daran arbeiten, dass dieses Thema die Leipziger Buchmesse nicht so dominiert, dass andere Themen hinten runterfallen und dass nicht einige wenige Aussteller die Kommunikationshoheit erlangen auf der Messe.

Mit welcher Begründung lassen Sie die Auftritte rechter Verlage in Leipzig zu?

Wir lassen sie genauso zu, wie wir andere Kunden zulassen. Auch diese haben das Recht, so lange ihre Publikationen mit dem Gesetz vereinbar sind, auf der Messe auszustellen. Wir haben keine Handhabe, sie von der Messe auszuschließen.

Die Leipziger Messe ist eine GmbH. Wieso muss eine Firma die Meinungsfreiheit garantieren?

Die Messe ist öffentlicher Raum. Wir sind ein öffentliches Unternehmen. Und deswegen sind wir auch ganz eng an den Artikel 5 des Grundgesetzes in Bezug auf die Meinungsfreiheit gebunden. Und die Buchmesse tritt auch qua ihres eigenen Statutes für die Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit ein.

Es gibt Initiativen wie #verlagegegenrechts, die das Argument umdrehen und sagen, Meinungsfreiheit wird nicht allein dadurch gewährt, dass man rechten Scharfmachern ein Podium bietet. Was sagen Sie dazu?

Wir sind mit der Gruppe im Gespräch. Sie erkennen unsere Argumente für die Zulassung durchaus an. Gemeinsam mit diesen und anderen Partnern werden wir eine Veranstaltungsreihe initiieren, die ein anderes Menschenbild und Meinungsspektrum transportiert, nämlich das einer offenen, freien Gesellschaft. Wir halten sozusagen dagegen.

Auf der Frankfurter Buchmesse musste sogar die Polizei eingreifen. Wie wollen Sie verhindern, dass es solche Szenen auch in Leipzig gibt?

Zunächst mal muss man sagen, dass der kommunikative Aufschwung der rechten Szene ein gesellschaftliches Phänomen ist. Wir werden auf der Buchmesse ein gesellschaftliches Problem nicht an vier Tagen lösen können. Wir sind einer der wenigen analogen Orte, wo eine Auseinandersetzung mit Rechts stattfinden kann. Das sind die Bedingungen, unter denen es die letzte Lösung, die alle zufrieden stellt, nicht geben kann.

Aber was wollen Sie tun, um Eskalationen zu verhindern?

Wir werden mit unseren Sicherheitsexperten im Einzelfall entscheiden müssen. Als Buchmesse ist es uns immer wichtig, die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Zugleich haben wir die Sicherheit unserer Aussteller und Besucher zu gewährleisten. Diese beiden Faktoren müssen wir fallbezogen gegeneinander abwägen.

Wie viele rechte Verlage werden denn überhaupt auf der Messe vertreten sein?

Wir wissen es noch nicht genau, weil der Anmeldeprozess noch läuft. Ich denke, man kann von vier bis fünf Verlagen aus diesem Spektrum ausgehen.

Gilt ein spezielles Sicherheitskonzept?

Es gibt generell ein Sicherheitskonzept für die Messe, das wir jedes Jahr mit Polizei, Staatsschutz und unseren eigenen Sicherheitsleuten der aktuellen Lage anpassen. Solche Szenarien - Auseinandersetzungen unterschiedlicher Meinungsspektren - werden mitbedacht.

Sie sagen, die Aufmerksamkeit für rechte Töne nimmt generell zu. Aber indem Sie den Sprechern eine Bühne bieten, wird sie ja auch nicht gerade kleiner.

Die Sicherung der Meinungsfreiheit ist eine sehr anstrengende, aber für den Bestand der Demokratie sehr wichtige Angelegenheit. Wenn es in Zukunft Zuspitzungen im politischen Spektrum gibt, so werden wir sie aushalten müssen. Wir sind diesen Umgang nicht mehr gewöhnt, weil es in den vergangenen Jahren diesbezüglich eher ruhig in der Republik war.

Wann wäre für die Messe denn eine rote Linie überschritten?

Wenn es eine Anzeige gäbe, dass es Publikationen auf der Messe gibt, die nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, dann werden diese Objekte von der Messe entfernt. Aber nicht unbedingt sofort der Verlag, das ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit.

Es ist ein Thema, das Sie offensichtlich aufregt.

Nein, aber es beschäftigt uns. Die Buchmesse ist immer ein Brennglas der gesellschaftlichen Entwicklung gewesen. Jetzt treten immer mehr unterschiedliche Gesellschaftsmodelle in den Fokus, darunter auch solche, die offen demokratiefeindlich sind. Die Meinungsfreiheit deckt aber auch solche Meinungsäußerungen ab. Und damit müssen wir umgehen.

Abgesehen von diesem brisanten Thema - wie entwickelt sich die Leipziger Buchmesse 2018?

Die Anmeldezahlen sind mehr als stabil. Der Kampf um Sichtbarkeit beim Leserpublikum nimmt zu. Das ist auch ein Grund dafür, dass trotz des allgemeinen Kostendrucks bei den Verlagen die Leipziger Buchmesse weiter wächst.

Das Gastland wird in diesem Jahr Rumänien sein.

Rumänien hat eine sehr spannende Literatur. Wir werden große Namen in Leipzig haben: Norman Manea, Mircea Cartarescu und die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Dazu kommt eine Generation jüngerer Schriftsteller, die wir der deutschsprachigen Öffentlichkeit bekannt machen wollen.

Wie entwickelt sich insgesamt der Zuspruch der ausländischen Verlage an der Buchmesse?

Ihr Anteil wächst, voriges Jahr lag er bei rund 20 Prozent. Die Attraktivität der Leipziger Buchmesse hat für sie in den vergangenen fünf Jahren erheblich zugenommen. Für Länder, für die der deutschsprachige Buchmarkt besonders relevant ist, ist Leipzig ein ausgezeichnetes Podium der Vermarktung. Die Niederlande zum Beispiel werden in diesem Jahr einen sehr großen Auftritt haben, auch andere Länder bauen ihre Präsentationen aus.

(Das Interview führte Birgit Zimmermann, dpa)

Zur Person: Oliver Zille (56) betreut seit 1991 die Leipziger Buchmesse. Nach dem Mauerfall kümmerte sich der Ökonom um die Neuausrichtung der Bücherschau. Seit 2004 ist er Mitglied der Geschäftsleitung der Leipziger Messe GmbH und Direktor der Leipziger Buchmesse.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 14 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Max

    Es wäre nett (und journalistisch sauber), Ursache und Wirkung nicht zu vertauschen: Rechte Verlage haben noch keine Tumulte, Handgreiflichkeiten usw. verursacht, sondern diese stellen Bücher aus. Die Probleme gehen von linken Protestgruppen aus, die damit nicht einverstanden sind und handgreiflich usw. werden. Deren eingeschränkter Horizont von Meinungsfreiheit, Diskussionskultur und Toleranz anderen Gedanken gegenüber ist das Problem -- und das sollte man so auch klar benennen.

  2. Sven L.

    "...hat es um den Auftritt der Neuen Rechten heftige Auseinandersetzungen gegeben." -- Es grenzt schon an Tatsachenverdrehung, dass man Begriffe wie "rechts" und "Auseinandersetzung" im gleichen Satz findet, die eigentlichen Verursacher der Auseinandersetzungen (LINKE Gruppen) aber gar nicht erwähnt werden. Wer sich deren Verhalten in Frankfurt anschauen durfte (Standbeschädigungen, Lärm bei Buchbesprechungen etc.), ist über eine derartige Verdrehung mehr als pikiert.

  3. Silke L.

    Demokratie lebt von Diskussion. Ebenso Literatur, der im Zeitalter von Netzüberwachung und Polarisierung der Gesellschaft hier eine wachsende Bedeutung zukommt. Nun auch hier die Zensur anzusetzen (anders lassen sich derartige Artikel nicht interpretieren, denn die Verlage/Bücher gibt es ja schon länger), ist mehr als bedrohlich. Wir haben klare Gesetze, und bei Überschreitung ist Literatur (aufgrund ihrer Beständigkeit) problemlos entfernbar. Wo ist damit das Problem? Bei den Verlagen oder der Intoleranz von (Gut-)Menschen, die sich die Meinungshoheit selbst zuschreiben?

  4. Dresdner

    Ohne die "tol(l)eranten Demokraten" würde jede Buchmesse ruhig und gesittet ablaufen und solche Artikel wären obsolet. Merkt das niemand?

  5. Wie früher

    @1: "...journalistisch sauber..." ist ein frommer Wunsch für die Sächsische Zeitung. Dieses "Gespräch" wird von dpa ohne Nennung des Interviewers übernommen, an anderer Stelle werden Artikel aus der linken taz übernommenen ohne dies kenntlich zu machen. Es findet eben parteipolitisch beeinflusste tendenziöse Berichterstattung statt. Früher waren im Titel der Printausgabe zur Abschreckung Marx und Engels zu sehen. Jetzt wird subtiler gearbeitet.

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