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Samstag, 06.08.2016

Post aus Afrika

Riesas Braumeister und Stadtmaskottchen, Gunter Spies, bekommt einen ungewöhnlichen Brief – und wird misstrauisch.

Von Britta Veltzke

„Wen kenne ich in Uganda?“, war die erste Frage, die sich Gunter Spies stellte, als er den Brief bekam. In dem Schreiben bittet eine 16-Jährige um Geld.
„Wen kenne ich in Uganda?“, war die erste Frage, die sich Gunter Spies stellte, als er den Brief bekam. In dem Schreiben bittet eine 16-Jährige um Geld.

© Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Ein Brief aus Afrika hat jetzt Gunter Spies an seinem Arbeitsplatz im Riesenhügel erreicht. „Als Erstes habe ich gedacht: Wen kennst Du in Uganda?“ Mitunter komme es vor, dass Spies in seiner Funktion als Stadtmaskottchen Fanpost erhalte – durchaus auch mal aus dem Ausland. Den Umschlag ziert eine Briefmarke, auf der das Herkunftsland Uganda steht, und ein Bild von Papst Franziskus abgebildet ist, der den ostafrikanischen Staat im vergangenen Jahr besuchte.

Laut Poststempel wurde der Brief am 22. Juli losgeschickt. Als Eingang bei der städtischen Gesellschaft Magnet, die den Riesenhügel betreibt, ist der erste August verzeichnet. Adressiert ist der Brief an die Riesenhügel-Adresse in der Bahnhofstraße. Oben links steht „Air Mail“ (Luftpost) – handgeschrieben, ebenso wie der Empfänger. Als Absender ist ein Postfach in der Hauptstadt Kampala vermerkt, ohne Namen.

Auf seine eigene Frage, ob er jemanden in Uganda kennt, fiel Spies nur eine Antwort ein: nein. Natürlich hat er den Brief trotzdem aufgemacht. Im Umschlag befanden sich zwei aneinander geheftete Blätter Papier: ein handgeschriebener Brief und ein Zeugnis einer weiterführenden Schule, der St. Benedict Senior Secondary School in Kampala. In dem Brief wird Spies nicht namentlich angesprochen, sondern mit: „Mein lieber Glaubensbruder“. Die Autorin stellt sich zunächst vor: Sie sei eine 16-jährige Schülerin aus Uganda. „Ich habe vor zwei Jahren meine Eltern verloren, die an den Folgen von Aids gestorben sind.“ Auch ihre ältere Schwester sei plötzlich verstoben, die bis zuletzt ihr Schulgeld bezahlt habe. Nun wisse sie nicht mehr weiter. Und bittet den Empfänger um 600 Dollar. Sie unterschreibt mir ihrem Namen und fügt eine E-Mail-Adresse an.

Steckt dort wirklich jemand in der Klemme? „Es ist schon erstaunlich, dass sich jemand die Mühe macht, mir einen so langen Brief zu schicken.“ Tatsächlich ist das Schreiben nicht kopiert, sondern handschriftlich verfasst. Was bei dem Vergleich der Handschriften auffällt, ist, dass den Brief offensichtlich eine andere Person geschrieben hat, als die, die den Umschlag beschriftet hat. Natürlich wurde Spies schnell stutzig. Trotzdem: Wer schickt im E-Mail-Zeitalter schon handgeschriebene Briefe?

Inzwischen geht Gunter Spies jedoch von einem Betrug aus. Eine Google-Recherche hat ergeben, dass die Person mit dem gleichen Namen – sei sie nun real oder erfunden – offenbar schon einmal vor vier Jahren ihr Glück nach dem gleichen Muster versucht hat. Zumindest legt das ein Medienbericht der Herald Times aus dem US-Bundesstaat Indiana nah. Darin berichtet eine Frau von einem ganz ähnlichen Brief. Allerdings wurden damals „nur“ 580 Dollar für das Schulgeld verlangt.

Christel Neff vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen kennt Post dieser Art – meist stamme diese aus Uganda. Neff geht davon aus, dass auch der Brief an Spies fingiert ist. „Natürlich können wir nicht jedes Schreiben auf Echtheit prüfen. Aber offenbar geht der Autor auch hier nach dem gleichen Muster vor, wie bei anderen falschen Briefen. Diese sind in der Regel individuell geschrieben und enthalten ein Dokument, dass die Glaubhaftigkeit steigern soll. In diesem Fall das Zeugnis.“

Spies möchte nun andere Empfänger davor warnen, Geld an Fremde zu schicken. „Wer etwas spenden will, sollte sich an seriöse Organisationen wie die SOS-Kinderdörfer wenden“, meint er.

Gunter Spies hat die Sache so gut wie abgehakt. Doch eine Frage bleibt: „Wieso habe gerade ich den Brief bekommen?“