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Freitag, 12.01.2018

Planungsnebel in Sachen Homann?

Der Raum Radeberg hofft auf die Ansiedlung des Feinkost-Riesen in Leppersdorf. Aber das ist nicht der einzige Grund, dass derzeit in vielen Verwaltungen die Köpfe rauchen.

Von Jens Fritzsche

Ein bisschen symbolisch zeigte sich das Müllermilch-Gelände gestern Morgen im Nebel: Derzeit ist offen, ob sich wie geplant Feinkost-Riese Homann hier ansiedelt.
Ein bisschen symbolisch zeigte sich das Müllermilch-Gelände gestern Morgen im Nebel: Derzeit ist offen, ob sich wie geplant Feinkost-Riese Homann hier ansiedelt.

© Thorsten Eckert

Radeberg. Keine Stadtratssitzung in Radeberg, in der in den vergangenen Monaten nicht das Wort Homann fiel. Die geplante Ansiedlung des Salat-Riesen auf dem Müllermilch-Areal im benachbarten Leppersdorf – und die damit verbundene Hoffnung auf knapp tausend neue Arbeitsplätze – wird natürlich auch auf Radeberg Auswirkungen haben. Und nicht nur auf Radeberg; sondern auf die gesamte Region. Denn tausend neue Arbeitsplätze heißt natürlich auch tausend neue Familien, die hier wohnen werden. Deren Kinder zur Schule gehen oder in die Kita. Und das zum Beispiel die bisherigen Wohngebiete in Radeberg längst ausgelastet sind, ist ja nun wahrlich auch kein Geheimnis mehr.

Und so macht sich eben nicht nur Radeberg Gedanken, sondern die gesamte Region zwischen dem Dresdner Norden und der einstigen Kreisstadt Kamenz. Denn sowohl am Dresdner Stadtrand, als auch in Kamenz sind zahlreiche Großansiedlungen von Firmen geplant. Bosch, Philipp Morris und eben auch Homann in Leppersdorf. Und damit nun nicht jeder Ort sozusagen sein eigenes Süppchen köchelt, sondern das Ganze quasi nach einem Gesamt-Rezept „auf den Herd“ kommt, haben sich insgesamt 19 Städte und Gemeinden der Region unter Führung des Landkreises zusammengetan, um eine abgestimmte Planung auf den Weg zu bringen. Wo könnten neue Wohngebiete wachsen? Wo werden neue Straßen gebraucht? Wo müssen Schulen neu eröffnet werden? Diese Fragen stellen sich nun; und die Antworten sollen dann eben für alle sinnvoll sein. Auch, weil hier ja Gelder nicht mit der sprichwörtlichen Gießkanne verteilt, sondern gezielt eingesetzt werden sollen – und müssen.

Das Thema einer neuen Oberschule wurde dabei ja bereits in Wachau und auch in Arnsdorf diskutiert. Hier wie da hatte es bis vor einigen Jahren Oberschulen – damals noch Mittelschulen – gegeben, die dann auf Grund von Schülermangel geschlossen worden waren. Das sieht nun ganz anders aus. Und Radeberg – das mit seinen beiden Oberschulen die Schüler aus dem Umfeld „mitversorgt“ – stößt an seine Grenzen. Die Ludwig-Richter-Oberschule wurde für über drei Millionen Euro ausgebaut, die Pestalozzi-Schule soll ab 2019 erweitert werden. Aber wird das reichen? Wird hier eine dritte Oberschule gebraucht – oder eben doch in einem der benachbarten Orte? Es zeigt, sich, wie wichtig eine solche Abstimmung wird.

Entscheidung bis Ende Februar



Doch vor wenigen Tagen hatte die Unternehmensgruppe Müller – zu der Homann gehört – bekanntlich angekündigt, das Projekt Homann-Umzug nach Leppersdorf nach einem Manager-Wechsel am bisherigen Standort in Dissen in Nordrhein-Westfalen noch einmal auf den Prüfstand zu stellen. Bis Ende Februar soll neu entschieden werden. Stoppt das jetzt auch sämtliche Gedankengänge in Radeberg und Umgebung? „Ich gehe davon aus, dass unsere Planungen und Diskussionen ganz normal weiterlaufen“, sagt Radebergs Stadtsprecher Jürgen Wähnert. Homann sei zwar eine wichtige, aber eben auch nicht die einzige geplante Ansiedlung in der Region, „deshalb ändert sich ja an der Gesamtlage nichts“, macht der Stadtsprecher deutlich. Gerade, was die sich abzeichnenden Firmen-Ansiedlungen im Dresdner Norden betrifft, „dürfte Radeberg und Umgebung ja zusätzlich ins Blickfeld von neuen Einwohnern rücken, deshalb läuft natürlich alles weiter“. Zudem ist man im Raum Radeberg natürlich optimistisch, dass die ja schon einmal gefällte Entscheidung zum Homann-Umzug nicht zurückgenommen wird. Nicht zuletzt hatte kurz vor Silvester ja auch der Freistaat Sachsen erklärt, über elf Millionen Euro Fördermittel bereitzustellen.

Unabhängig von Firmenansiedlungen drängen ja auch wegen des zunehmend angespannter werdenden Wohnungsmarktes in Dresden viele Großstädter in den sogenannten Speckgürtel – und damit eben auch nach Ottendorf-Okrilla, Wachau, Radeberg und Arnsdorf. Mittlerweile haben viele Dresdner vor allem das von ihnen bisher ein wenig übersehene Radeberg als interessanten und guten Wohnort für sich entdeckt. Die Anbindung der Bierstadt an Dresden ist nahezu perfekt; sowohl per Straße als auch per Bus und Bahn. Es gibt alle Schulformen, und mit dem vielen Grün ringsum lässt es sich eben auch bestens leben … Die zahlreichen Baustellen für neue oder auch für zu sanierende Wohnhäuser zeigen das deutlich.

Gesetzgeber überdenkt Regeln



Aber im Moment schieben bestimmte gesetzliche Zwänge sprichwörtliche Riegel vor so manche Wiese, die ein interessanter und durchaus sinnvoller Platz für neue Wohngebiete wäre. Zunächst sollten, so die langjährige Sicht des Gesetzgebers, die Flächen im sogenannten Innenbereich der Orte ausgelastet werden, bevor die „Grünen Wiesen“ besiedelt würden. Das Beispiel Radeberg zeigt aber, dass das längst passiert. Und auch längst passiert ist. Die letzten freien Flächen sind quasi verplant: Das städtische Wohnungsunternehmen Wohnbau Radeberg wird an der Richard-Wagner-Straße das erste Nachwende-Wohngebiet mit mehrgeschossigen Wohnblöcken realisieren; und der Startschuss für eine Entwicklung im Osten der Stadt entlang der Kleinwolmsdorfer Straße ist Ende des Jahres im Stadtrat eben auch noch gefallen. Und auch da spielte eben dann das erwähnte Wort Homann eine nicht zu überhörende Rolle … Der Ruf nach einem neuen Flächennutzungsplan für Radeberg wurde lauter. Nicht zuletzt, weil mit der Homann-Ansiedlung der Druck auf die Flächen – auch in Radeberg – immer größer werden dürfte. „Wir müssen da aber noch ein wenig Geduld haben“, mahnt Radebergs OB Gerhard Lemm (SPD). Und das hat nichts mit der erneuten Überprüfung der Homann-Pläne in der Müller-Chefetage zu tun. Sondern derzeit werde auf Drängen der Kommunen in den erwähnten Speckgürteln um die sächsischen Großstädte herum in Regierungskreisen an neuen gesetzlichen Möglichkeiten gearbeitet, so Lemm. Die sollen dann die Ausweisung neuer Wohngebiete erleichtern. „Und das sollten wir unbedingt abwarten“, findet das Radeberger Stadtoberhaupt. Klar ist aber, demnächst wird Radeberg – und eben nicht nur Radeberg – die Flächennutzungsplanung noch einmal neu angehen. Mit Blick auf all die anstehenden Veränderungen.

Es wird also weiter geplant. Auch unabhängig der Diskussion um Homann. Dennoch: Ein wichtiger Faktor ist die von Müller ins Auge gefasste Ansiedlung in Leppersdorf natürlich trotzdem. Für die gesamte Region. Denn tausend zusätzliche Arbeitsplätze sind kein Pappenstiel – auch nicht mit Blick auf zu erwartende Steuereinnahmen.

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