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Montag, 05.11.2018

Nicht erwünscht, aber hartnäckig

Der Dresdner Künstler Karl-Heinz Adler ist gestorben. Er wurde spät geehrt, inzwischen gilt seine Arbeit als cool.

Von Uwe Salzbrenner

Der deutsche Künstler Karl-Heinz Adler im Albertinum.
Der deutsche Künstler Karl-Heinz Adler im Albertinum.

© Sebastian Kahnert / dpa

Dresden. Voriges Jahr, zu seinem 90. Geburtstag, hat die Kunstwelt den Dresdner Karl-Heinz Adler noch mal neu entdeckt. Eine Ausstellung in den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, zwei Ausstellungen in Budapest. Man hält nun seine Arbeiten, die Farbschichtungen, die seriellen Lineaturen, die er ab und zu zum Objekt gebogen hat, wahlweise für cool oder für philosophische Weltbetrachtung – gleichrangig der konkreten Kunst, wie sie im Westen, vornehmlich in den USA entstanden ist. Die Galerie eigen+art vertritt Adler auf dem Kunstmarkt, das Museum für angewandte Kunst Gera zieht mit einer Schau nach. „Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass sich in dem Alter noch etwas zusammenschiebt“, hatte Adler anlässlich der Schau im Dresdner Albertinum im Gespräch der SZ gesagt.

Die Wohnungen brauchten Fliesen

Ein Triumph der Zielstrebigkeit, von Ausdauer und Geschick. Denn in der DDR ist konkrete Kunst nicht erwünscht. Adler, Sohn eines Instrumentenbauers aus dem vogtländischen Remtengrün, findet nach dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden einen Ausweg: eine Assistentenstelle an der Technischen Universität. Von 1955 bis 1961 bringt er Architekturstudenten das Aktzeichnen bei, später nach eigenen Maßstäben die Grundlagen von Form, Farbe und Material. Seine Generation, so Adlers Kommentar, sei nicht so am schönen Bild interessiert gewesen, eher daran, sich nützlich zu machen.

Später erfüllt er freischaffend staatliche Forschungsaufträge. Die Experimente führen zu einer witterungsbeständigen Keramikfliese, die der DDR-Wohnungsbau dringend braucht. Aus den seriellen Schichtungen seiner Papiere entwickelt Adler, zusammen mit seinem Kollegen Friedrich Kracht, ein Betonformsteinsystem für die Außenraumgestaltung, für Raumteiler und Fassaden. Auch hier das Quadrat, das Dreieck, der Halb- und Viertelkreis, wie in den Collagen aus Papier. Andere Entwürfe sehen aus, als hätte man Wasser oder den Schall eingefroren. Eine universelle Formensprache. Von Adler wird das erste Mal als Vertreter einer unabhängigen „Ostmoderne“ gesprochen.

Die erste Einzelausstellung mit Grafiken, Collagen und Architekturentwürfen richtet 1982 die Dresdner Galerie Mitte aus, da ist Karl-Heinz Adler 55 Jahre alt. Erste internationale Anerkennung bietet ihm die Gastprofessur ab 1988 an der Kunstakademie Düsseldorf, die man ihm freilich schon neun Jahre zuvor angeboten hatte. Die DDR-Behörden ließen Adler und Düsseldorf warten. Zu dieser Zeit hat der Künstler längst eine weitere Geometrie, eine Methode der unendlichen Bildproduktion entwickelt, die auf Scharen von mit der Schablone gezogene Linien baut. Das Faszinierende an den Lineaturen ist die Spreizung oder Krümmung, mit der sie nicht allein die Fläche, sondern scheinbar einen Raum aufspannen, zumindest zusätzlich eine halbe Dimension. Die nüchterne Kalkulation soll die Vorstellung eines Körpers wie eines freien Spiels erzeugen. Vom Grundklang sind Adlers Arbeiten wunderbar heiter und leicht. Nicht ohne Grund hat er einst zuerst von Geheimnis und Magie gesprochen, bevor er Gesetz, Serie und praktische Anwendung nennt.

Von jüngeren Kollegen, unter anderen Olaf Nicolai und Olaf Holzapfel, wird Adler in den letzten Jahren als Bezugspunkt wahrgenommen: als jemand, der an Grundsätzlichem arbeitet und selbst eine Tradition fortsetzt – die des Bauhauses und des russischen Suprematismus. Um die erste umfassende Retrospektive kümmert sich 1997 das Essener Folkwang-Museum, 2008 verleiht ihm die Stadt Dresden ihren Kunstpreis. Die oben genannten Ausstellungen hat Karl-Heinz Adler als späten Durchbruch genossen. Am Sonntag ist er gestorben, im Alter von 91 Jahren.

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