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Samstag, 15.09.2018

Neues Bündnis gegen dreiste Abzocker

Verbraucherzentrale, Polizei und Politik wollen stärker gegen Betrug vorgehen. Ein Schwerpunkt sind Schlüsseldienste.

Von Christian Mathea

Ein Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes baut ein neues Türschloss ein.
Ein Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes baut ein neues Türschloss ein.

© dpa/Holger Hollemann

Keine vier Minuten hat es gedauert, bis der Mitarbeiter des Türnotdienstes die Wohnungstür von Sebastian Günther wieder geöffnet hatte – inklusive Vorlage einer Rechnung über 415 Euro. „Der Mann hat einfach eine Spirale in das Türschloss geschoben, und schon war die Tür wieder offen“, erinnert sich der 35-Jährige. Über den Preis ließ der Handwerker nicht mit sich verhandeln, verlangte das Geld sofort.
Sebastian Günther musste mit EC-Karte überweisen, weil er nicht genug Bargeld in der Wohnung hatte. Ihm kam die Sache dubios vor. Er wandte sich an die Verbraucherzentrale, die ein Verfahren am Amtsgericht Dresden gegen den Schlüsseldienst anstrengte – mit einem erfreulichen Urteil: Weil der Betrag weit über dem ortsüblichen Preisen lag, musste der Handwerker 230 Euro zurückzahlen.

Der Dresdner hatte Glück. Oft sind die Schadenssummen höher und das Zurückholen des Geldes schwieriger, sagt Rechtsreferentin Stefanie Siegert von der Verbraucherzentrale Sachsen. Bei den meisten Verfahren sei es schwer, überhaupt eine ladungsfähige Adresse der Firmen zu finden. In vielen Fällen seien die Unternehmen zudem zahlungsunfähig. Bisher konnten die Verbraucherschützer acht Urteile gegen Schlüsseldienste erwirken.

Das Landeskriminalamt Sachsen (LKA) verzeichnet eine steigende Anzahl von Betrugsfällen mit Schlüsselnotdiensten. Im Jahr 2017 habe es 350 solcher Fälle gegeben, sagt Kriminalhauptkommissar Dirk Möller – ein Plus von 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für das Jahr 2018 gehe er von einem weiteren Plus aus. Das sei aber nicht nur auf die Zunahme der Fälle zurückzuführen, sondern auch auf die gestiegene Sensibilisierung der Bevölkerung durch die Verbraucherzentrale und die
Polizei. Dadurch hätten mehr Menschen Schlüsseldienstbetrug angezeigt. Oft haben diese Schlüsseldienste ihren Sitz in westlichen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen und arbeiten in einigen Fällen mit Partnern vor Ort zusammen, sagt Möller. Betroffene seien weniger unter der älteren Bevölkerung zu finden, meist sind es junge Leute, die gerade ein Haus gebaut haben oder in eine Wohnung gezogen sind.

Um in Zukunft stärker und schneller gegen solche dubiosen Unternehmen vorgehen zu können, hat die Verbraucherzentrale Sachsen gemeinsam mit dem LKA, der Polizei Sachsen und der Rechtsanwaltskammer eine Initiative gegen Abzocke gegründet, die am Freitag in Dresden vorgestellt wurde. Ziel der Initiative ist es, Verbraucher zu stärken und bestehende Gesetze durchzusetzen. „Wenn die Mitarbeiter das Display des EC-Kartengerätes zuhalten oder die Betroffenen nötigen oder erpressen, ist das strafrechtlich relevant“, sagt Andreas Eichhorst, Vorstand der Verbraucherzentrale Sachsen.

Der Schlüsseldienst-Betrug ist nur ein Bereich der Zusammenarbeit. Auch Abzocke bei Haustürgeschäften, Partneragenturen oder Kaffeefahrten soll bekämpft werden. „Es betrifft mittlerweile viele Bereiche, und die Täter sind sehr erfinderisch“, sagt Eichhorst. Die Schirmherrschaft der Initiative hat Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow übernommen. Für ihn ist es wichtig, in der Öffentlichkeit für die Initiative zu werben und die Gerichtsverfahren zu beschleunigen, wozu der weitere Aufbau von Personal in der Justiz gehöre.

Ein erstes Ergebnis der Initiative ist eine Liste mit betrügerischen Schlüsseldiensten, die gerade in verschiedenen Städten in Sachsen abkassieren. Bei allen Unternehmen auf dieser Liste liegen der Verbraucherzentrale zufolge mindestens zehn dokumentierte Fälle vor, bei denen sie mindestens knapp das Doppelte des ortsüblichen Preises abgerechnet haben. Gegen andere Firmen auf der Liste existiert ein Gerichtsurteil infolge eines sittenwidrigen wucherähnlichen Rechtsgeschäftes.

Was solche Abzockerfirmen gemeinsam haben: Sie landen in Suchmaschinen wie Google oben auf den ersten Plätzen, wenn man entsprechende Suchbegriffe eingibt. Sie werben dort mit Lockangeboten wie Schlossöffnung für 6 Euro. Dabei ist oft nur der Millimeterpreis beim Aufbohren eines Schlosses gemeint. Wenn sie erst einmal vor der Wohnung sind, nutzen sie die Notsituation aus und verschleiern gegenüber Betroffenen die Preise. Generell ist es deshalb wichtig, bereits am Telefon einen verbindlichen Komplettpreis für die Türöffnung zu vereinbaren – inklusive Anfahrt und Zuschläge, rät die Verbraucherzentrale Sachsen.

Es gibt auch eine Positivliste mit Schlüsseldiensten und anderen Unternehmen, die von der Polizei geprüft wurden. Die sogenannte Errichterliste ist zu erreichen unter www.sz-link.de/sichere_betriebe

Verbraucherzentrale Sachsen: www.vzs.de