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Dienstag, 10.03.2015

Leipziger Professorin lehnt indischen Praktikanten ab

Eine bekannte Biochemikerin liefert sich einen umstrittenen Mail-Wechsel. Es ging um Vergewaltigungen in Indien.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

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Die E-Mail, die den ganzen Ärger auslöste: So wurde sie der Zeitung India-Today zugespielt. Die Leipziger Professorin sagt, die Mail sei in dieser Form zusammengestückelt worden.Faksimile: indiatoday.in
Die E-Mail, die den ganzen Ärger auslöste: So wurde sie der Zeitung India-Today zugespielt. Die Leipziger Professorin sagt, die Mail sei in dieser Form zusammengestückelt worden. Faksimile: indiatoday.in

© Bildstelle3, User

Zweifelhafte Äußerungen einer hochrangigen Leipziger Biochemie-Professorin schlugen gestern international hohe Wellen: Annette Beck-Sickinger hatte einem Praktikumsbewerber aus Indien eine Absage erteilt – und in der Korrespondenz auch auf die Massenvergewaltigungen in Indien verwiesen. Sofort verbreitete sich der Vorwurf des Rassismus, indische Zeitungen berichten über den Fall. Der deutsche Botschafter in Neu-Delhi, Michael Steiner, sah sich genötigt, postwendend in einem offenen Brief an die Professorin klarzustellen: „Indien ist kein Land der Vergewaltiger.“

Das indische Außenministerium äußerte sich bislang nicht. In den sozialen Netzwerken sorgte der Vorgang allerdings für Diskussionen und Empörung. Der Student selbst und ein Freund, der den Mail-Wechsel veröffentlicht hatte, blieben anonym.

Besonders pikant: Die 44-jährige Expertin ist Mitglied im Wissenschaftsrat der Bundesregierung, in der Nationalen und der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und in weiteren Wissenschaftlergesellschaften. Daher sah sich Annette Beck-Sickinger gestern umgehend zu einer öffentlichen Entschuldigung gezwungen: „Ich habe einen Fehler gemacht.“

Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) beeilte sich, die Entschuldigung zu akzeptieren. „Ich unterstelle Professorin Beck-Sickinger keine Absicht, die Gefühle der indischen Studierenden verletzen zu wollen.“ Sie sei eine erfahrene und international anerkannte Wissenschaftlerin.

Die Professorin, die aus Aalen in Baden-Württemberg stammt, erklärte, sie habe per E-Mail Kontakt zu dem indischen Studenten gehabt, der sich um einen Platz bei ihr beworben habe. Sie habe ihn abgelehnt, weil ihre Labore voll besetzt seien – und nicht aus politischen Gründen. Allerdings habe der junge Mann die Absage nicht akzeptiert und sie in eine Diskussion um gesellschaftliche Verhältnisse verwickelt. In diesem Zusammenhang habe sie das Problem der Vergewaltigung von Frauen in Indien angesprochen, so Beck-Sickinger. In Indien waren in den vergangenen Jahren mehrfach Gruppenvergewaltigungen und Vergewaltigungen auf Anordnung von Dorfräten bekannt geworden.

„Es war aber nie meine Absicht, die indische Gesellschaft zu diskriminieren. Ich habe überhaupt nichts gegen indische Studenten – ganz im Gegenteil.“ In ihrem Bereich für bioorganische Chemie des internationalen Masterstudienganges seien vier von 30 Studenten aus Indien, im Rahmen des Laborpraktikums zwei indische Studenten. Bei allen, deren Gefühle sie verletzt haben sollte, entschuldige sie sich.

Im Internet kursierten indes Formulierungen wie: „Leider vergebe ich an einen indischen Studenten kein Praktikum. Wir hören viel über das Vergewaltigungsproblem in Indien.“ Sie habe viele weibliche Studentinnen und könne das Anliegen nicht unterstützen.

Beck-Sickinger betonte dagegen: „Ich habe diese Mail so nicht geschrieben. Sie ist zusammengestückelt worden.“ Sie habe dem jungen Mann geschrieben, dass ihr Labor voll sei. „Ich lehne Studenten nicht wegen ihrer Rasse oder ihres Geschlechts ab.“ Allerdings erklärt sie auch, es hätten schon andere Professorinnen in Deutschland beschlossen, aus diesen Gründen keine Praktika an männliche indische Studenten mehr zu vergeben. Andere Frauenorganisationen würden sich dem Trend anschließen.

Äußerungen dieser Art bestreitet Beck-Sickinger nicht. Den genauen Wortlaut ihrer E-Mails machte sie bis zum Abend aber nicht öffentlich. Ihre Forschungen dienen vor allem neuen Erkenntnissen zur Tumortherapie, zur Behandlung von Fettleibigkeit und der Schmerzforschung.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Karl Boye

    "Es war aber nie meine Absicht, die indische Gesellschaft zu diskriminieren. Bei allen, deren Gefühle ich verletzt haben sollte, entschuldige ich mich in aller Form" Lustiger Weise ist das genau die Form einer Nicht-Entschuldigung, welche die Feministinnen immer bemängeln. Man siehe nur den #Aufschrei zu Tilo Jungs bildern, da haben sich alle echauffiert, aber wenn es um eine Frau geht, die diskriminiert, dann ist das natürlich was anderes und das Opfer ist schon selbst Schuld, wenn es sich durch verallgemeinernde, rassistische Aussagen verletzt fühlt. (Anm. der Redaktion: Der angegebene Link wurde entfernt, Links können aus technischen Gründen nicht veröffentlicht werden.)

  2. Bernd

    Wir sollten mal die Kirche im Dorf lassen. Solange die "Geschädigten" sich anonym halten, der Schriftverkehr über "soziale" Medien veröffentlicht wird...ist das alles sehr fraglich. Immerhin hat man dort auch dem Bachmann ein Bärtchen angeklebt. Viel schlimmer ist es das nahezu wöchentlich in den Medien über Massenvergewaltigungen in Indien berichtet wird. Das ist nun mal Fakt und ich nehme mir das Recht heraus das öffentlich "Scheiße" zu finden und die lasche indische Justiz, welchen den Opfern gern noch eine Teilschuld gibt, zu kritisieren. Wo ist das Problem? Braucht Deutschland dringend irgend eine indische Unterschrift unter einen Vertrag ?

  3. colate

    Wenn Frau Beck_Sickinger diesen Email-Text so nicht geschrieben hat, warum veröffentlicht sie nicht den Originaltext? Das es immer wieder zu diesen Massenvergewaltigungen in Indien kommt, liegt in der Wahrnehmung der Frauen als wertlos. Das Töten weiblicher Föten und Säuglinge hat in Indien eine lange Tradition und gehört in den Familien zum "guten Ton". Jetzt den jungen Inder in "Sippenhaft" zu nehmen ist bestimmt nicht der richtige Weg, um auf dieses vorsintflutliche männliche Verhalten aufmerksam zu machen.

  4. Bernd

    Irgendwie ist es doch komisch wenn der deutsche Botschafter an eine deutsche Professorin den Brief auf Englisch schreibt, so als ob er viel mehr für die indische Öffentlichkeit bestimmt ist. Das "sincerely yours" am Ende hätte er getrost weglassen können. Ich glaube wir haben nicht das Recht von Frau Beck-Sickinger die Offenlegung des Schriftverkehrs zu verlangen. Wenn es denn so eindeutig wäre, das tatsächlich die Massenvergwaltigungen zur Ablehnung des Studenten führten, würde das doch irgendwo im vollen Wortlaut vom Betroffenen veröffentlicht worden sein. Hier gibt es aber nur Bruchstücke. Und das hat jetzt nichts mit dem Fall zu tun: Es gibt nach dem dem deutschen Außenwirtschaftsrecht viel geringfügigere Gründe um ausländische Studenten von einem Studiengang abzulehnen oder von Unterrichtsfächern auszuschließen! Das muss nicht mal umfänglich begründet werden, liegt aber in der Verantwortung des Professors, der sich sogar strafbar machen kann, wenn er es unterlässt!

  5. Journalism??

    Ich nach wie vor den Journalismus. Ich bin eine Art von Person, die Fakten sorgfältig, bevor Sie eine Kommentar aussehen würde. Ich bin immer noch dabei, das Verständnis der Fakten der Email Gespräch trotz der Tatsache, dass der Professor ist gezwungen, eine Entschuldigung schon machen. Da die Artikel noch passiv Verteidigung der Professor, würde Ich mag, um einige Antworten (um Ihre Journalismus in Bezug) zu verlangen. 1. Kennen Sie schon die Original-E-Mails von dem Professor, bevor Sie die Schüler haben falsch zitiert rechtfertigen / manipuliert ihre ursprüngliche E-Mails? 2. Wie kann die Universität noch verteidigt, ohne den Inhalt der E-Mail Öffentliche? 3. Wenn die beiden oben genannten Fällen zutreffen, würde dann bedeuten, dass der deutsche Botschafter Michael Steiner, ist so dumm nicht, die Tatsachen vor macht eine starke Aussage zu überprüfen und machte sie der Öffentlichkeit?

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