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Mittwoch, 16.05.2018

Leipzig will sexistische Werbung stoppen

Frauen als Lustobjekte soll es auf öffentlichen Reklameflächen nicht mehr geben. Am Mittwoch stimmt der Stadtrat ab.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Eine leicht bekleidete Frau wirbt mit laszivem Blick, Schneebesen und hochgezogenem Oberteil für Waffeln – einige Leipziger Politikerinnen haben dieses dubiose Frauenbild satt.
Eine leicht bekleidete Frau wirbt mit laszivem Blick, Schneebesen und hochgezogenem Oberteil für Waffeln – einige Leipziger Politikerinnen haben dieses dubiose Frauenbild satt.

© K. Kleinschmidt

Die Frau mit den langen blonden Haaren und dem Schneebesen in der Hand lupft ihr Oberteil und legt die andere Hand auf ihre kurze, enge Hose. Ihre Blondinen-Freundin mit Waffel-Teller hält ihren linken Arm lässig hinter dem Kopf. Eine ganz natürliche Haltung? Die Anbieter der „Ossi-Waffel“ zumindest haben ihren Verkaufswagen mit diesen Frauen-Bildern bemalen lassen, um ihr Produkt noch besser an den Mann zu bringen. Doch manche Politikerinnen in Leipzig haben von diesem dubiosen Frauenbild die Nase voll. Sie haben sich im Rathaus dafür eingesetzt, dass sexistische Werbung aus dem öffentlichen Stadtbild verschwindet. Mit Erfolg. Am Mittwoch stimmt der Stadtrat über einen Vorschlag ab, der entwürdigende und diskriminierende Inhalte auf öffentlichen Werbeanlagen untersagt. Eine Zustimmung gilt als sicher – und auch die Verwaltung steht dahinter.

Damit darf Werbung auf städtischen Flächen künftig wohl niemanden mehr zum Sex-Objekt abwerten. „Sexistische Werbung schadet den Menschen“, sagt Grünen-Stadträtin Gesine Märtens. „Wir als Stadt übernehmen dafür Verantwortung.“ Voriges Jahr war in Leipzig schon geregelt worden, dass etwa Straßenbahn-Haltestellen sowie Oster- und Weihnachtsmärkte frei von unnötig nackter Haut und stereotypen Frauen- und Männerbildern sein müssen. Nun gilt dies auch für Stadtfeste und Werbetafeln bis hin zu Laternenmasten. Leipzig geht mit dem Vorstoß weiter als die meisten anderen Kommunen. „Ich kenne noch keine Stadt, in der sexistische Werbung so flächendeckend verwehrt wird“, sagt Märtens.

Wer Werbung an öffentlichen Orten anbringen will, braucht dazu die Erlaubnis der Ämter. Deren Mitarbeiter sollen sich künftig bei der Zulassung an die Grundregeln des Deutschen Werberates halten. Gibt es Streit etwa über Halbnackte mit Schneebesen, muss ein Gericht entscheiden. Werbeflächen auf privaten Grundstücken bleiben davon aber unberührt. Dem Leipziger Vorgehen wollen mittlerweile auch andere Städte folgen: Die Dresdner SPD beschloss Mitte April, sich im Stadtrat für ähnliche Ziele einzusetzen. „Es braucht keine gut aussehende Frau, um einen Joghurt anzupreisen“, sagt SPD-Chef Richard Kaniewski. Auch in Berlin, Frankfurt/Main und Hamburg laufen die Debatten.

Katharina Kleinschmidt hat in Leipzig seit Juni 2016 für die Regulierung gekämpft. Damals sei ihre 18-jährige Tochter völlig entgeistert vom Stadtfest nach Hause gekommen und habe ihrer Mutter Fotos von den „Ossi-Waffeln“ gezeigt. „Sie war bestürzt. Das Bild von Frauen, die vor allem Männern gefallen und dienen müssen, empfand sie als persönlichen Angriff“, erzählt Kleinschmidt. Seither habe sie sich für das Verbot eingesetzt. „Man gilt schnell als humorlose Spaßbremse“, sagt die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen, die auch Mitglied im Gleichstellungsbeirat der Stadt ist. „Aber wir möchten in einer weltoffenen Stadt leben, die sich zum respektvollen Umgang mit allen Menschen bekennt.“

Als Mitarbeiterin der Anlaufstelle bei häuslicher Gewalt kennt Gesine Märtens Angriffe auf Frauen aus ihrer täglichen Arbeit. „Sexistische Werbung ist keine Frage des Geschmacks. Sie macht den menschlichen Körper zum Konsumobjekt: ein Stück zum Ansehen, Bewerten, Konsumieren und Fortwerfen“, sagt die Gleichstellungsbeirätin Dieser verschobene Blick sei besonders für junge Menschen eine enorme Belastung. „In Deutschland sind bis zu 200 000 Menschen an Magersucht erkrankt – 90 Prozent von ihnen sind Mädchen und junge Frauen.“ Das habe nicht nur, aber auch mit sexistischer Werbung zu tun.

Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Genka Lapön, unterstützt den Vorstoß: „Der Wunsch aus der Bürgerschaft ist vernünftig“, sagt sie. „Es geht nicht um Verhüllung nackter Haut – sondern darum, Menschen nicht als Objekte zur Schau zu stellen.“