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Mittwoch, 25.04.2018

Härter als im Jugendgefängnis

Im Seehaus werden junge Straftäter auf ein neues Leben vorbereitet. Ein Drittel scheitert an den strengen Regeln.

Von Karin Schlottmann

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Das Gefängnis macht aus jugendlichen Straftätern nur selten bessere Menschen. Der alternative Strafvollzug in Neukieritzsch probiert es mit einem Leben in familiärer Atmosphäre und straffem Tagesprogramm. Hausvater Franz Steinert (r.) wertet mit Dennis den Tag aus.
Das Gefängnis macht aus jugendlichen Straftätern nur selten bessere Menschen. Der alternative Strafvollzug in Neukieritzsch probiert es mit einem Leben in familiärer Atmosphäre und straffem Tagesprogramm. Hausvater Franz Steinert (r.) wertet mit Dennis den Tag aus.

© Ronald Bonß

  • Das Gefängnis macht aus jugendlichen Straftätern nur selten bessere Menschen. Der alternative Strafvollzug in Neukieritzsch probiert es mit einem Leben in familiärer Atmosphäre und straffem Tagesprogramm. Hausvater Franz Steinert (r.) wertet mit Dennis den Tag aus.
    Das Gefängnis macht aus jugendlichen Straftätern nur selten bessere Menschen. Der alternative Strafvollzug in Neukieritzsch probiert es mit einem Leben in familiärer Atmosphäre und straffem Tagesprogramm. Hausvater Franz Steinert (r.) wertet mit Dennis den Tag aus.
  • Dennis (l.) und Mark während des Mittagessens.
    Dennis (l.) und Mark während des Mittagessens.
  • Michael Bartsch, einer der beiden Leiter des Seehauses, scherzt mit den Jugendlichen.
    Michael Bartsch, einer der beiden Leiter des Seehauses, scherzt mit den Jugendlichen.
  • Klare Regeln, klare Aufgaben: Marc wischt nach dem Essen den Tisch ab.
    Klare Regeln, klare Aufgaben: Marc wischt nach dem Essen den Tisch ab.

Der Tag beginnt um 5.45 Uhr mit Frühsport. Dann folgen eine kurze Lesestunde, die Zeit der Stille, und das Frühstück mit Familie Steinert und der Wohngemeinschaft. Bis um 22 Uhr das Licht im Seehaus ausgeht, haben die Jugendlichen ein straffes, eng getaktetes Programm hinter sich. Schule, gemeinnützige Arbeit, Hausputz, soziales Training, Tagesauswertung, TV-Nachrichten, drei kurze Raucherpausen. In den ersten drei Wochen im Seehaus ist eine kurze Bibellektüre am frühen Morgen Pflicht.

Die Jungen, die sich dieser Rosskur unterziehen, sind einerseits freiwillig im Seehaus. Andererseits auch wieder nicht, denn die Alternative zu dem mit Pflichten, Regeln und Kontrollen gespickten Tag ist ein Leben in der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen hinter Mauern und Gittern. Sie sind Straftäter, die von einem Gericht zu einer Jugendstrafe verurteilt worden sind. Seehaus bietet ihnen die Chance, sich abseits von den negativen Einflüssen eines Jugendgefängnisses auf ein neues Leben vorzubereiten.

Sachsen bietet seit 2011 diese sogenannte freie Form des Jugendstrafvollzugs an. Das Justizministerium hat kürzlich eine Zwischenbilanz gezogen, die Minister Sebastian Gemkow (CDU) am Mittwoch in Dresden in der Landtagssitzung präsentiert. Seit Eröffnung des Seehauses haben 32 Jugendliche zwischen 14 und 23 Jahren ihre Jugendstrafe dort verbracht. Aber längst nicht alle haben durchgehalten. Elf von ihnen wurden vor Ende der Haftzeit in die Jugendstrafanstalt zurückverlegt. Sechs haben das Experiment auf eigenen Wunsch abgebrochen, fünf wurden wegen Regelverstößen zurück nach Regis-Breitingen geschickt. Eine lupenreine Erfolgsgeschichte ist das Projekt Seehaus also nicht.

Trotzdem plädiert das Justizministerium für eine Fortsetzung und will das Experiment sogar ausweiten. Um aussagekräftige Schlussfolgerungen zu ziehen, seien die Fallzahlen zu gering. In vier Jahren soll das Seehaus noch einmal überprüft werden. Es gebe keine Pläne, einen anderen Träger zu beauftragen, sagt ein Ministeriumssprecher. Eine Million Euro pro Jahr hat der Landtag bewilligt. 2016 wurden davon 697 000 Euro in Anspruch genommen. Der Verein Seehaus, der zur Diakonie Sachsen gehört, hat – finanziert durch Spenden und auf eigene Kosten – ein neues Haus in Neukieritzsch nahe Leipzig gebaut und wird künftig sogar mehr Jugendliche aufnehmen können als bisher.

Zurzeit leben vier Jungen bei Familie Franz und Steffi Steinert und den drei Kindern im Alter von einem, drei und fünf Jahren. Demnächst will der Verein insgesamt 14 durchweg männliche Straftäter aufnehmen, sieben bei den Steinerts und sieben in einer weiteren Familie, die sich vor Kurzem dem Seehaus angeschlossen hat. Ein Team aus Fachkräften, Auszubildenden und Praktikanten unterstützt ihre Arbeit.

Hausvater Franz Steinert, einst wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Leipzig, sagt, viele Jugendliche haben sich das Leben im Seehaus einfacher vorgestellt. Sie hätten es nie gelernt, Aufgaben zu bewältigen und Regeln einzuhalten. „Natürlich sind wir enttäuscht, wenn jemand abbricht, aber zwei Drittel halten durch, und das halte ich auch für einen Erfolg.“

„Im Gefängnis ist es bequemer“

Uwe Hinz, Leiter der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen, hält das Projekt für anspruchsvoll, aber gut. Die familiäre Atmosphäre und die Gespräche am Küchentisch könne ein Gefängnis nicht bieten. Die Anstalt entscheidet mit dem Verein darüber, wer geeignet sein könnte und sich bewerben darf. Trotz aller Bemühungen sei die Bereitschaft vieler Straftäter, sich anzustrengen, gering. Hinz: „Im Gefängnis ist es bequemer.“

Tatsächlich fordert das Konzept den Gefangenen viel ab. Ein Phasensystem sorgt für Disziplin, Motivation und Belohnung. Auf der untersten Stufe stehen die Neulinge. Dann folgen Leo-Anwärter, Leo, Löwe-Anwärter, schließlich der Löwe. Mit jedem Aufstieg ist ein höheres Maß an Verantwortung und Freiheiten verbunden. In der höchsten Stufe können die Jugendlichen an Aktivitäten außerhalb der Einrichtung teilnehmen, ein Praktikum beginnen oder die eigene Familie besuchen. Einen Film im Fernsehen erlauben die Hausregeln nur einmal im Monat.

Keiner der Teilnehmer kommt mit einer Strafe wegen Mordes, Totschlags oder wegen eines Sexualdelikts in die Familien. Zweimal haben Jugendliche in den sieben Jahren seit der Eröffnung versucht abzuhauen, sie wurden umgehend gefasst. Körperkontakt ist außer beim Sport streng verboten. Hausvater Steinert sagt, er will Unterdrückung und körperliche Übergriffe, wie sie in vielen Gefängnissen üblich sind, verhindern.

Im Rechtsausschuss des Landtags gab es Kritik daran, dass das Projekt sich stark an dem christlichen Glauben orientiere. Die Grünen-Abgeordnete Katja Meier sagte, die tägliche Bibellektüre in der Anfangszeit setze die Jugendlichen stark unter Druck. „Ich sehe den religiösen Ansatz kritisch.“ Eine Missionierung finde nicht statt, stellt das Justizministerium klar. Die Beschäftigung mit dem christlichen Glauben sei freiwillig. Auf Gefangene islamischen Glaubens sei das Seehaus vorbereitet.

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Insgesamt 6 Kommentare

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  1. MuellerF

    "In den ersten drei Wochen im Seehaus ist eine kurze Bibellektüre am frühen Morgen Pflicht." VS. "Die Beschäftigung mit dem christlichen Glauben sei freiwillig. Auf Gefangene islamischen Glaubens sei das Seehaus vorbereitet." Widersprüchlich. Ansonsten finde ich das Konzept der Einrichtung aber gut-aktive Resozialisierung statt stumpfes Zeit-Absitzen.

  2. Anwalt

    Strafvollzug u. Resozialisierung fallen in die Hoheit des Staates . Insofern wird hier ein Gewaltmonopol abgegeben. Es ist unbegreiflich das man einer Einrichtung der Diakonie solche Aufgaben überträgt . Auch muß mal klar gesagt werden das die Kirche besonders die katholische sich eben nicht selbst fianziert. Auf Grund des Konkordatsvertrages zwischen Hitler u. dem Vatikan werden bis heute Kardinäle,Bischöfe u Einrichtungen durch den Staat alimentiert. Kardinäle/Bischhöfe werden Beamten gleichgesetzt u.unterzeichnen einen Treueeid. In einem Staat der offiziell von der Kirche getrennt sein will GG - ein widerspruch. Insofern ist auch die Bibellekteure nicht vereinbar. Die Bibel ist wie wir wissen ein Werk voller Widersprüche u. Illusion geschaffen von Menschen zur Machtausübung u- Erhaltung. Ja jeder hat das Recht selig zu werden mit dem was er glaubt .Aber der Staat hat sich da herauszuhalten. Nicht aber auch der Resozialisierung das ist Aufgabe des Staates anderes ist Rechtswidrig .

  3. Roba

    Wenn einem behauptenden "Anwalt" die Klugheit fehlt, auch den Inhat der Bibel mit rationalem Verstand zu verstehen, sollte er nicht darüber nörgeln, dass der Staat viele hoheitliche Aufgaben, unter anderem schon die Sozialisierung von Kindern, in die Hände auch der evangelischen Kirche legt.

  4. Sören Göhler, Dresden

    Das ist totalitäres Brechen von Menschen hin zu willenlosen Sklaven - weiter nichts. Wie die sogenannten "Bootcamps" im freiesten Freiheitsland, das die Welt zu bieten hat. Dann lieber erhobenen Hauptes in den Knast und ungebrochen wieder raus eines Tages als das...

  5. Atheist

    Werter Roba - ist ja eine neue Erkenntnis :wer die Bibel nicht versteht verfügt über keinen rationalen Verstand ? Ja man kann nur dazulerenen oder ??? Mir ist mit meinem einfachen Verstand nicht klar was die Bibel so bewirken soll außer Gehorsam u. Du sollst nicht gegen Deine Oberen sein . Die Bibel behauptet ja auch man soll sich mit seinem Schicksal ergeben ,bedeutet wenn man in armen Verhältnissen aufwächst so ist dies Gott gegeben. - nun von Roba kamen ja schon oft sehr seltsame Eingebungen. Nun Frau Merkel sagte ja auch am Ende ihres Eides -so wahr mir Gott helfe .Nun steht die Frage hat er geholfen das Chaos was Merkel initiert hat zu verhindern ??? Ja es ist schon schlimm für was eine Wunschfigur in der heutigen aufgeklärten Zeit so herhalten muß. Im übrigen sind mir in Bayern viel Personen bekannt die in die Kirche gehen weil es da eben zur Tradition gehört u.man nicht außerhalb stehen will. Einige sagen nun an den Gott glaube ich natürlich nicht

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