erweiterte Suche
Samstag, 03.10.2015

Globalfoundries streicht 800 Stellen

In Dresdens größter Fabrik soll eisern gespart werden. Die Mikrochips der Zukunft müssen viel billiger werden, sagt der Chef.

Von Georg Moeritz

28

Bild 1 von 2

Globalfoundries-Geschäftsführer Rutger Wijburg beim Verlassen der Pressekonferenz in Dresden.
Globalfoundries-Geschäftsführer Rutger Wijburg beim Verlassen der Pressekonferenz in Dresden.

© dpa

  • Globalfoundries-Geschäftsführer Rutger Wijburg beim Verlassen der Pressekonferenz in Dresden.
    Globalfoundries-Geschäftsführer Rutger Wijburg beim Verlassen der Pressekonferenz in Dresden.
  • Hunderte Arbeitsplätze werden bei dem Unternehmen abgebaut.
    Hunderte Arbeitsplätze werden bei dem Unternehmen abgebaut.

Dresden. Fünf Jahre Aufbauarbeit werden rückgängig gemacht: Die Dresdner Mikrochipfabrik des US-Konzern Globalfoundries soll im nächsten Jahr wieder auf 3 000 Mitarbeiter schrumpfen. Auf diesem Stand war sie 2011 schon einmal. 700 bis 800 fest angestellte Mitarbeiter in Dresdens größter Fabrik müssen gehen, kündigte Geschäftsführer Rutger Wijburg am Freitag in Dresden an. Zusätzlich trennt sich der Betrieb von sämtlichen Leiharbeitern. Es waren mehr als 350, der größte Teil von ihnen musste das Werk schon verlassen. Wijburg sprach von einer „Reorganisation“ der Fabrik, um insgesamt die Kosten zu senken.

Die Beschäftigten sind in neun Belegschaftsversammlungen je nach Schicht informiert worden. „Wenig Neues“ habe es gegeben, sagte eine Mitarbeiterin der SZ ernüchtert. Dass Stellenabbau drohte, war seit Monaten bekannt - wer aber gehen muss, dass wird jeder Mitarbeiter erst nach vier Monaten Unsicherheit erfahren. „Nicht gerade toll“, sagte ein Globalfoundries-Angestellter auf die Frage nach der Stimmung.

Bis Ende Januar will das Unternehmen seine künftige Belegschaft festlegen. Wie viele Arbeitsverträge ohnehin befristet sind und ohne Kündigung auslaufen können, wollte das Unternehmen nicht mitteilen. Über einen Sozialplan mit Auswahl nach sozialen Kriterien hat der Betriebsrat mitzubestimmen, der wegen der Größe des Betriebs aus 27 Mitgliedern besteht. Der Betriebsratsvorsitzende Ralf Adam, als Wartungstechniker beschäftigt, will „um jeden Arbeitsplatz kämpfen“. Er sei sicher, dass das Unternehmen sich seiner sozialen Verantwortung stelle. Die zuständige Chemiegewerkschaft IG BCE hat Unterstützung angekündigt. Landesbezirksleiter Oliver Heinrich sagte der SZ, gerade ein innovationsgetriebenes Unternehmen müsse dafür sorgen, Fachkräfte zu halten.

Ob es eine Auffangfirma für einen Teil der Mitarbeiter geben wird wie nach der Pleite der Dresdner Qimonda-Chipfabrik im Jahr 2009, konnten weder Firmenchef noch Betriebsrat sagen. Das Unternehmen hat nach Aussage seines Sprechers Jens Drews noch keine Kosten speziell für Abfindungen oder Hilfsmittel berechnet. Das Geld könnte in der angekündigten Investition von 250 Millionen Dollar enthalten sein, die Globalfoundries Dresden für die kommenden Jahre angekündigt hat. Doch hauptsächlich soll dieses Geld der Entwicklung einer neuen Technologie und neuen Anlagen dienen.

Die Fabrik in Dresden produzierte ursprünglich nur Mikrochips für Computer ihres früheren Besitzers AMD. Dieser ist weiterhin ein wichtiger Kunde, als zusätzlicher Hauptkunde kam Qualcomm hinzu - daher sind Chips aus Dresden auch in Smartphones und Tablet-Computern enthalten. Nach sechs Jahren wachsender Nachfrage und Wachstum der Fabrik bestellen die Großkunden nun weniger. Ob auch Qualitätsmängel in der Produktion dabei eine Rolle spielen, beantwortete Geschäftsführer Wijburg mit dem Hinweis, es gebe „immer Dinge, die man besser machen kann“.

Laut Wijburg steht die Fabrik vor zwei schwierigen Jahren. Doch danach werde eine neue Wachstumswelle kommen, weil die Nachfrage nach Mikrochips weltweit steigen werde. Im Interview mit dem Magazin Wirtschaft in Sachsen der DDV-Mediengruppe hatte der Fabrikchef bereits angekündigt, die Dresdner Fabrik werde Chips für Autos und für das „Internet der Dinge“ liefern - also zum Beispiel für Haushaltsgeräte, die sich untereinander verständigen. Dazu werde die neue Technologie aus Dresden namens 22 FD-SOI beitragen, weil die Strukturen in den Chips noch feiner und energiesparender würden. „Die Entwicklung in Dresden geht weiter“, versicherte Wijburg. Doch die künftigen Chips müssten viel billiger werden, die Kosten müssten sinken. Ob der Personalabbau Ingenieure oder Maschinenbediener stärker treffe, stehe noch nicht fest. Die Forschung des Konzerns findet hauptsächlich in den USA statt.

Wirschaftsminister Martin Dulig (SPD) ist nach eigenen Angaben vom Konzern über die Stellenstreichungen informiert worden. Während der Firmenchef keine Aussagen über Arbeitsmarktchancen der Mitarbeiter machen wollte, sprach Dulig von generell guten Aussichten, da viele gut qualifiziert seien und viel Berufserfahrung hätten. Der sächsische Arbeitsmarkt sei derzeit sehr aufnahmefähig. Dulig geht nach eigenen Angaben davon aus, dass „mit der Serienproduktion der neuen Chipgeneration in den nächsten Jahren auch die Mitarbeiterzahl von Globalfoundries in Dresden wieder steigt.“

Wijburg dagegen stellte auf Nachfrage kein Mitarbeiterwachstum mehr in Aussicht. Zwar werde es die Fabrik in Dresden auch in 20 Jahren noch geben, aber die Kosten müssten so niedrig wie möglich sein. Globalfoundries mit insgesamt 18 000 Mitarbeitern sitzt in den USA, gehört dem Emirat Abu Dhabi, und hat auch Fabriken in Singapur. Die neueste Fabrik steht im US-Bundesstaat New York und wird derzeit noch hochgefahren, außerdem hat Globalfoundries in diesem Jahr Chipfabriken von IBM gekauft.

Nach Angaben eines Firmensprechers trennt sich der Konzern auch von Mitarbeitern in den USA: Sie könnten „freiwillig“ mit Abfindungen gehen. Zahlen nannte das Unternehmen nicht. Auch zu den staatlichen Subventionen für den bisherigen Aufbau in Dresden machte Globalfoundries keine Angaben - der Abbau jetzt sei aber nicht so stark, dass Zuschüsse zurückgezahlt werden müssten.

Während Globalfoundries seine Kürzungspläne bekannt gab, veröffentlichte ein Dresdner Forschungsinstitut aus derselben Branche Aufbaupläne: Das Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme IPMS bekommt 30 Millionen Euro von der EU, vom Bund und vom Land, um seinen Reinraum zu vergrößern und neue Technik zu kaufen. Bei der Halbleitermesse Semicon Europa ab Dienstag in Dresden wird die Branche über neue Technologien sprechen - der Dresdner Globalfoundries-Chef Wijburg bleibt dabei, dort aufzutreten.

Leser-Kommentare

Seite 1 von 6

Insgesamt 28 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Martin H.

    Jetzt rächt sich die Monokultur in DD-Wirtschaft. Eine reine Technikwüste ist für eine Großstadt und Landeshauptstadt einfach viel zu wenig. IT-Hardware ist zwar ganz nett, aber maximal ein Standbein. Wo bleiben die Handelsunternehmen, die Banken, die Versicherungen, die Medienunternehmen, die Softwareschmieden? Selbst große Behörden und Bundesbehörden sind in DD kaum bzw. überhaupt nicht anzutreffen. Die hat man alle in eine andere große Stadt in Sachsen abgegeben bzw. ziehen lassen. Auch im Kultur und Kreativsektor ist DD unterdurchschnittlich. Und das, obwohl man sich so gern mit dem Beinamen Kulturstadt schmückt. Ich bin gespannt ob der Ex-DD-Wirtschaftsbürgermeister, der für diese Monokultur mit verantwortlich ist, als OB mehr auf die Reihe bringt. Seit seiner Wahl ist es so erstaunlich ruhig. Er feiert wohl noch.

  2. Karl der Gr0ße

    ".....Er feiert wohl noch." Das stimmt so nicht!! Er hat mit den Schutzsuchenden wirklich alle zwei Hände voll zu tun! Da kann er sich nicht um so ein pobliges Thema wie einen verglühenden ehemaligen Wirtschaftsstandort kümmern. Da muss man schon mal Verständnis für haben. Ehrlich.

  3. @Martin H. (1)

    Wir haben einen Spitzenbeamten der Verwaltung zum OB gemacht. Der Verwaltet jetzt, was da ist.

  4. sprachlos

    @Martin H. Schaue einfach einmal in die Gelben Seiten unter Dresden!!!

  5. Unglaeubiger

    @sprachlos; ... und was wird man dort wohl finden??? Ihr "Name" hier ist Programm!!!

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 6

Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.