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Samstag, 22.07.2017

Gewissheit im Irak: Es ist Linda W.

Seit der Verhaftung von 20 Frauen in Mossul wird spekuliert, ob eine von ihnen Linda W. aus Pulsnitz ist. Am Samstagmorgen bestätigt die Staatsanwaltschaft Dresden den Verdacht.

Von Jana Ulbrich, Tobias Wolf, Fabian Schröder

Links: Ein Foto von Linda W. vor ihrer Reise ins Kriegsgebiet. Rechts: Eines der Bilder, die Linda nach ihrer Verhaftung zeigen.
Links: Ein Foto von Linda W. vor ihrer Reise ins Kriegsgebiet. Rechts: Eines der Bilder, die Linda nach ihrer Verhaftung zeigen.

© dpa

Dresden. Bei der Befreiung von Mossul hatte die irakische Armee vergangene Woche 20 ausländische Frauen in einem Tunnelsystem unter der zerstörten Altstadt festgenommen. In den Medien kursierten seither Gerüchte und Fotos, die einen Verdacht nahelegten: eine der Frauen könnte Linda W. aus Pulsnitz sein. Am Samstagmorgen teilte die Staatsanwaltschaft Dresden in Kurzform mit: „Linda W. im Irak identifiziert.“

Die 16-jährige Schülerin war vor einem Jahr verschwunden. Bis zu ihrer Verhaftung fehlte von ihr jede Spur. Aktuell, so die Staatsanwaltschaft, werde das Mädchen durch die Deutsche Botschaft im Irak konsularisch betreut. Wie „Spiegel Online“ berichtet, konnten deutsche Diplomaten sie schon in einem Gefängnis direkt am Flughafen von Bagdad besuchen. Informationen über ihren Zustand oder ihre Motive für die Reise in das Kriegsgebiet gab es noch nicht. „Weitere Auskünfte können derzeit nicht erteilt werden“, hieß es von der Staatsanwaltschaft.

Linda W. galt seit ihrem Verschwinden als verschollen. Nach Angaben von Freunden war die Schülerin zum Islam konvertiert und soll sich über das Internet radikalisiert haben. Am 1. Juli setzte sie sich über Hamburg und Frankfurt/Main in die Türkei ab. Sie flog nach Istanbul und reiste wohl weiter nach Syrien, um sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) anzuschließen.

Eltern „in der Sache unterwegs“

Kurz nach ihrem Verschwinden meldeten Lindas Eltern das Mädchen als vermisst. In ihrem Zimmer entdeckten sie wenig später einen Gebetsteppich und auf Facebook ein Profil, auf dem sich Linda den Namen Umm Maryam gab. Der Versuch, ihre Tochter darüber zu erreichen, scheiterte. Jetzt seien die Eltern „in der Sache unterwegs“, sagte eine Angehörige der SZ am Dienstag. Die Familie wird zurzeit von Hayat betreut, einer Beratungsstelle für Angehörige von Personen, die sich salafistisch radikalisiert oder sich dem militanten Dschihadismus angeschlossen haben.

Gegen Linda W. wird gegenwärtig nicht mehr ermittelt. Kurz bevor die Bilder ihrer Verhaftung auftauchten stellte die zuständige Staatsanwaltschaft Dresden das Verfahren „wegen Abwesenheit“ am 15. Juli ein. Es wurde wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat ermittelt. Ob die irakische Regierung das Mädchen nach Deutschland ausliefert und dann hierzulande neue Ermitllungen eingeleitet werden, ist offen.

Die festgenommenen Frauen, die auf den Fotos zu sehen sind, sollen aus Russland, der Türkei, Kanada und Tschetschenien stammen. Fünf von ihnen sollen Deutsche sein. Angeblich mit Waffen und Sprengstoffgürtel ausgerüstet, sollen sie unter der Erde in der Nachbarschaft einer großen Moschee, nur ein paar Hundert Meter vom Tigris-Fluss entfernt, ausgeharrt haben. Wie lange, ist unklar.

Die Bilder stammten offenbar von privaten Facebook-Profilen irakischer Soldaten und verbreiteten sich anschließend über diverse soziale Netzwerke. Eines der Bilder nährte von Anfang an den Verdacht, dass es sich bei dem darauf zu sehenden Mädchen um Linda W. handeln könnte. Darauf ist zu sehen, wie Männer in dunkler Kleidung die Verhaftete an beiden Armen festhalten, sie über einen schmalen von Trümmern übersäten Weg führen und den sichtlich geschwächten Körper stützen. In den Händen hält das Mädchen einen weißen Fetzen, vielleicht ein Taschentuch.

Lindas möglicher Weg nach Mossul

Wie Linda W. nach Mossul gelangt ist, ist für viele ein Rätsel. Auch für den den Berliner Journalisten Björn Stritzel. Er berichtet immer wieder aus der Region und hat versucht, Lindas Weg zu rekonstruieren. Er habe mit syrischen Rebellen gesprochen, die ihm ein Foto von Linda gezeigt hätten. Demnach sei das Mädchen über den türkischen Grenzübergang Bab al-Hawa in die syrische Provinz Idlib gekommen und habe dort einige Tage verbracht. Dann habe die Terrororganisation Jund-Al-Aksa (JAA), die zum IS gehört, Anspruch auf das Mädchen erhoben.

Nach Kämpfen mit anderen syrischen Rebellen seien einige Hundert JAA-Mitglieder nach Al-Rakka geflohen, in die selbst ernannte Hauptstadt des IS. Sehr wahrscheinlich sei Linda im Auftrag eines IS-Kämpfers dorthin geschmuggelt worden. Er sei sicher, dass es so gelaufen ist, sagt Stritzel. Von dort muss Linda irgendwie und irgendwann nach Mossul gebracht worden sein.

Kommt Linda W. auch irgendwann wieder zurück nach Pulsnitz? Nach Ansicht der Bürgermeisterin von Pulsnitz, Barbara Lüke (parteilos), ist es derzeit nicht absehbar, ob und wann sie wieder zurückkehrt. Zunächst sei sie jedoch erleichtert, dass die 16-Jährige gefunden wurde. „Man muss abwarten, es wird jedoch nicht so sein, als wäre nichts passiert“, sagte sie am Samstag. Sie wisse auch nicht, ob die Eltern möglicherweise den Ort verlassen. Anfeindungen gegen sie habe es nicht gegeben, betonte die Bürgermeisterin. Dass sich das junge Mädchen, eine gute Schülerin der Pulsnitzer Oberschule mit Notenschnitt 2,1, wohl dem IS anschloss, hat vor einem Jahr niemand in der Stadt verstanden. Nun hofft man dort aber, dass sie wieder heil nach Hause kommt (SZ-Exklusiv-Reportage).

Dagegen spricht formal jedoch, dass Deutschland kein Auslieferungsabkommen mit dem Irak hat. Die irakische Parlamentsabgeordnete Vian Dakhil geht in einem Gespräch mit der SZ davon aus, dass das Mädchen nicht nach Deutschland ausgeliefert, sondern im Irak vor Gericht gestellt werde. „Sie ist gekommen, um gegen das irakische Volk zu kämpfen, dann muss sie auch hier vor Gericht“, so Dakhil. Das irakische Anti-Terror-Gesetz ist Grundlage für Verurteilungen mutmaßlicher IS-Kämpfer. Es sieht langjährige Gefängnisstrafen oder die Todesstrafe vor. (mit abi/lot)