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Freitag, 29.06.2018

Geschlossene Gesellschaft

Die Bestialisierung des Bürgertums macht allmählich bedrohlich schnell Fortschritte. Ein Beitrag von Michael Bittner.

Von Michael Bittner

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Michael Bittner
Michael Bittner

© Ronald Bonß

In vielen Ländern, besonders solchen mit krassen Gegensätzen zwischen Arm und Reich, leben immer mehr Menschen in „Gated Communities“. Diese Stadtviertel sind auf privatem Grund errichtet und nicht öffentlich zugänglich. In ihnen wohnen all jene, die reich genug sind, sich von der Armut und dem aus ihr entspringenden Verbrechen abzuschotten. Die strengen Grenzwächter winken an den Toren nur jene Armen durch, die als Putzfrau, Warenlieferant oder Kindermädchen den Reichen nützlich sind. Was sich außerhalb der Mauern abspielt, wo der Rest der Bevölkerung ums tägliche Überleben kämpft, muss die bestens geschützten Einwohner des Paradieses nicht mehr kümmern.

Zu einer so geschlossenen Gesellschaft wird auch die Welt des westlichen Wohlstands ausgebaut. Eine alternde, schrumpfende und verängstigte Bevölkerung sucht, sich vor der Armut und dem Chaos in den Staaten des Südens abzuschotten. Der Reichtum, den der Westen nicht zuletzt seiner Ausbeutung des Restes der Welt verdankt, soll unter keinen Umständen geteilt werden. Allenfalls Einwanderer, die ökonomisch nützlich sind, werden noch widerwillig akzeptiert. An den Grenzen wird nur deswegen noch nicht scharf geschossen, weil die Mordarbeit bislang ausreichend von der Wüste, dem Meer und den Schergen korrupter Drittweltdiktatoren geleistet wird. Für all jene, die doch irgendwie durchkommen, werden Internierungslager errichtet. Selbst für Kinder gibt’s passende Käfige.

Die Bestialisierung des Bürgertums, die für eine solche Politik notwendig ist, macht Fortschritte. Doch regt sich noch manches Gewissen, das beruhigt werden will. Dem dient das Geschwätz vom „Erhalt der Kultur“, wo es offenkundig um die Sicherung des Sparbuchs geht. Reiche Fremde haben überhaupt keine Probleme, sich eine europäische Staatsbürgerschaft zu kaufen, auch in Ungarn nicht. Ein gutes Trostpflaster für den Zweifelnden ist auch das Versprechen, man wolle den Armen „vor Ort helfen“. Tatsächlich werden die reichen Länder sich nur mehr einen Dreck um die armen scheren, sind die Grenzen erst einmal völlig dicht. Die Mehrheit der Wohlstandsbürger unserer Tage will es aber so. Angesichts der triumphierenden Häme der Sieger bin ich aber nur noch sicherer, auf der Seite der Verlierer richtig zu stehen.

Hier können Sie die bisher erschienenen Teile der Kolumne „Besorgte Bürger“ nachlesen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Erschrockener

    Wie sagte doch Peter Scholl-Latour: "Wer halb Kalkutta bei sich aufnimmt, der rettet nicht Kalkutta, sondern der wird selbst Kalkutta." Genau das wäre das Ergebnis der Überlegungen in dem Beitrag. Bittner, mir graust's vor Dir....

  2. AnnaM

    Es wird Zeit, dass wir akzeptieren, dass unser "hart erarbeiteter" Wohlstand zu einem großen Teil auf der Ausbeutung anderer beruht. Unser hemmungsloser Konsum ist ohne Kinderarbeit, Umweltzerstörung und Ausbeutung der Rohstoffvorkommen in anderen Teilen der Welt nicht denkbar. Unser Rohstoffhunger befördert dabei in den betreffenden Ländern die Profitgier der Machthaber und daraus resultierende soziale Ungleichheit, ethnische Konflikte und Bürgerkriege, die wiederum zu Flucht und Vertreibung führen. Gleichzeitig verdienen wir auch noch an den durch unser Verhalten mit verursachten Konflikten und Kriegen.

  3. AnnaM

    @Erschrockener - Nein, wir sollten nicht "halb Kalkutta" zu uns lassen, sondern endlich damit beginnen, "Kalkutta" fair zu behandeln. Wir sollten fairen Lohn für Arbeit und Rohstoffe zahlen. Wir sollten dafür sorgen, dass unser Geld nicht profitgierigen Einzelnen zu Gute kommt, sondern der breiten Bevölkerung. Wir sollten statt Waffen lieber Demokratie exportieren. Wenn es "Kalkutta" gut geht, will es auch nicht hierherkommen, warum sollte es? Idealismus? Gutmenschentum? Ja, klar! Allemal besser als Fatalismus und Menschenhass!

  4. Peter Sachse

    Vielleicht konkretisiert Herr Bittner den Begriff "Bürgertum". Wenn solcher Unfug abgedruckt würde, wäre ich die längste Zeit SZ-Leser Also dann schönen Gruß an "Bestie Büttner...

  5. Wolfgang Beck

    „Die Bestialisierung des Bürgertums“ – Dieser Ausdruck in diesem Zusammenhang ist vollständig indiskutabel. Bestialisch ist ein Verhalten, das unmittelbar mit roher, brutaler Gewalt zu tun hat. Wovon Herr Bittner spricht, ist eine Gewalt, die sich indirekt aus einem Denken und Verhalten ergibt, das aber nicht im geringsten in dieser Weise in Erscheinung tritt. (Bestialität ist dann z. B. zu erkennen bei einer Steinigung, wie sie in manchen islamischen Ländern noch praktiziert wird.) „Der Reichtum, den der Westen nicht zuletzt seiner Ausbeutung des Restes der Welt verdankt, soll unter keinen Umständen geteilt werden.“ Das ist eine Behauptung, die man immer wieder hört, die aber erst mal bewiesen werden müßte. Angenommen, sie stimmt, dann wären alle Menschen, die hier im Westen Geld verdienen, im Sinne von Herrn Bittner schuldig, und je mehr sie verdienen, um so mehr. (Und falls Herr Bittner auch Geld verdienen sollte, dann natürlich auch er – oder machen wir da eine Ausnahme?)

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