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Montag, 05.11.2018

Gegen die Leere und Kälte

Zum zweiten Mal stellt sich das sächsische Städtchen Ostritz erfolgreich gegen ein Neonazi-Festival. Schon kommen Glückwünsche aus ganz Deutschland und die Frage: Wie macht ihr das?

Protest mit Seifenblasen in Ostritz.
Protest mit Seifenblasen in Ostritz.

© Rafael Sampedro

Und dann sagt die Bürgermeisterin diese Sätze, die ihr den leidenschaftlichsten Applaus des Abends einbringen: „Wer gegen Rechts ist, ist nicht automatisch links. Er ist nur klar im Kopf.“ Das ist der Moment, an dem sich im Festzelt auf dem Ostritzer Marktplatz der letzte Knoten löst und 500 Menschen befreit klatschen. Mittlerweile ist durchgesickert, dass ein paar Hundert Meter weiter ein paar Dutzend Männer, die nicht diese Klarheit im Kopf haben, zum Hotel „Neißeblick“ ziehen, um derbdeutsch zu feiern. Zum zweiten Mal innerhalb eines halben Jahres haben die Bewohner der kleinen Stadt Fantasie, Fleiß und Elan aufgebracht, um mit ihrem „Ostritzer Friedensfest“ gegen das Neonazi-Festival „Schild und Schwert“ zu protestieren.

Das Ostritzer Wochenende in Bildern

Ganz vorn bei den Prominenten achtet ein junger Mann mit Bart und Brille genau auf die Worte der Bürgermeisterin. Auch die leidenschaftlichen Appelle von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) gegen Rassismus und für eine tolerante demokratische Streitkultur hat er beklatscht. Bemerkenswert findet er es, dass dieser Ministerpräsident der erste in Sachsen ist, der so klar und engagiert vor der Gefahr des Rechtsextremismus warnt; einer Gefahr für die Demokratie. Der junge Mann, Jahrgang 1994, ist ein genauer Beobachter. Nicht nur an diesem Abend, sondern über viele Jahre hinweg, seit er in einem kleinen Dorf in der westlichen Oberlausitz aufgewachsen ist. Er ist ein Experte, wenn es darum geht, zu verstehen, wie Menschen sich von dieser Gesellschaft abwenden und die Demokratie verachten. Lukas Rietzschel heißt er und wurde im Herbst schlagartig mit seinem ersten Roman berühmt. „Mit der Faust in die Welt schlagen“ handelt von der Leere und Kälte im Herzen und zwischen den Menschen, einer Leere, die sich in den 1990er-Jahren in der Oberlausitz auftat, als Industriebetriebe und Lebenswelten zuhauf zerbrachen.

Jetzt ist Lukas Rietzschel auf dem Ostritzer Friedensfest und achtet vor allem auf die parteilose Bürgermeisterin Marion Prange. Die Hochschule Zittau/Görlitz hatte ihn gebeten, die Frau zu porträtieren, die zwar – wie die Protagonisten seines Romans – nach der Wiedervereinigung ihre Arbeit in einem Industriebetrieb verloren hat, aber trotzdem immer im Vorwärtsgang geblieben ist. Seit zehn Jahren ist Marion Prange Bürgermeisterin der 2 400 Einwohner zählenden Stadt. Sie kämpfte erst mit einer schwierigen Finanzlage, dann mit der verheerenden Flut vom August 2010; sie kämpft um Kitas, Sportstätten, um ein brauchbares Handynetz und schnelles Internet. Und seit Anfang des Jahres ist sie über weite Strecken im Stressmodus: Wie kann ihre kleine Stadt es schaffen, nicht von Rechtsextremisten überrollt zu werden und dadurch weltweit in den Medien den Stempel „rechtes Nest“ aufgedrückt zu bekommen?

Ein Ministerpräsident, sagt Lukas Rietzschel, habe es leichter als eine Bürgermeisterin. Er kann übers Große und Ganze reden und die Linien vorgeben. Das sei wichtig und anstrengend, und Michael Kretschmer mache das derzeit auch gut, sagt der Autor, der Mitglied im Görlitzer SPD-Ortsverein ist. Aber so eine Bürgermeisterin muss viel direkter für eine funktionierende Demokratie streiten. „Bei ihr rufen die Leute an, wenn der Winterdienst oder die Straßenbeleuchtung nicht funktionieren.“

An diesem ersten Novemberwochenende in Ostritz geht es um viel. Seit dem ersten „Schild und Schwert“-Festival im April ist die rechtsextremistische Szene vor allem in Mitteldeutschland selbstbewusster und aggressiver geworden. Die Ausschreitungen in Chemnitz Ende August haben gezeigt, dass sich Neonazis mit größeren Teilen der Gesellschaft verbünden können als zuvor gedacht. In Ostritz hat es nach dem ersten Neonazi-Treffen mit 1 200 Teilnehmern im April noch eine Kampfsportveranstaltung mit 700 Besuchern im Oktober gegeben. Nun waren wiederum Stars der Rechtsrock-Szene wie die „Lunikoff-Verschwörung“ angesagt.

Auf der anderen Seite die Bürger der Kleinstadt, unterstützt vom Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) im Kloster St. Marienthal und der Bürgermeisterin samt Stadtverwaltung. Im April war ihre Strategie aufgegangen: die öffentlichen Plätze zu besetzen mit positiven Aktionen für Demokratie und eindringlich an die Journalisten aus aller Welt zu appellieren, dass dies im Vordergrund steht und nicht das rechtsextreme Treiben. Das hat weitgehend geklappt. Aber würden die Ostritzer, die klar im Kopf sind, wieder Hunderte Menschen auf den Marktplatz ziehen?

Am Nachmittag des zweiten Tages ist Bürgermeisterin Prange zufrieden. Sie hat „Ostritz“ gegoogelt, und diesmal steht das Friedensfest wirklich vor den Nazis. Chöre aus der Region, die romantische Volkslieder singen wie „Die Gedanken sind frei“; Lesungen, Filme, Vorträge über die Neonazi-Szene; ein linksbunter Demonstrationszug, dem sich viele ganz normale Ostritzer anschließen; ein ökumenisches Friedensgebet mit hochrangigen Kirchenvertretern und muslimischen Jungs, die Fürbitten sprechen; der Liedermacher Gerhard Schöne, der Friedenslieder singt.

Am Auftaktabend hatte die Bürgermeisterin mit dem „Org-Team“ gerade den zweiten Demokratiepreis entgegengenommen, diesmal von der Landeszentrale für politische Bildung. Ein dritter folgt bald im Kieler Landtag. Marion Prange ist stolz, denn seit dem ersten erfolgreichen Friedenfest im April erhält sie viele E-Mails von Bürgermeister-Kollegen. Glückwünsche und Fragen: Wie habt ihr das gemacht? Am Sonnabend war der Staatssekretär aus dem sächsischen Innenministerium da. Lange hat er mit dem Polizeipräsidenten und dem Einsatzleiter, der Bürgermeisterin, den Vertretern des Landkreises zusammengesessen und genau diese Frage auch gestellt. Marion Prange hat ein Zauberwort dafür: Zusammenarbeit. Die ehrenamtlichen Macher, die Stadtverwaltung, das Landratsamt, die Polizei.

Das Engagement der Friedensfest-Macher hat viele gute Kräfte in der Mitte der Gesellschaft freigesetzt, hat Vereine und Institutionen aus der ganzen Region mobilisiert. Auf der anderen Seite die Behörden, die es den Neonazis im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten so schwer wie möglich machen. „Wir sind ja für die Sicherheit der Versammlungsteilnehmer verantwortlich“, sagt der Görlitzer Polizeipräsident Torsten Schultze. Dazu gehöre, dass man die Teilnehmer des „Schild und Schwert“-Festivals vor übermäßigem Alkoholkonsum schütze. Das Ordnungsamt hatte für den größten Teil des Areals am „Hotel Neißeblick“ ein striktes Alkoholverbot gerichtlich durchgesetzt – mit Alkomat-Kontrollen in der Konzerthalle. Die Bauaufsicht des Landkreises hatte zuvor das in die Jahre gekommene Hotel aus Sicherheitsgründen geschlossen. Und jeder Besucher des Festes wurde intensiv von der Polizei gefilzt. Und noch etwas haben die Behörden aus dem April gelernt. Diesmal erzwang die Polizei für Journalisten den Zugang zu den Konzerten. Wenn der Staat das als Kundgebung deklarierte Festival verfassungsgemäß schützen muss, dann hat die Öffentlichkeit auch ein Recht zu erfahren, was da kundgetan wird, sagt der Polizeichef.

Lukas Rietzschel, der ruhige Beobachter, lässt sich ein stückweit mitreißen vom heiteren Selbstbewusstsein, mit dem die Ostritzer hier für die Demokratie einstehen, die hier erst 30 Jahre zuvor erstritten worden ist. „Schöner leben ohne Nazis“ – dieses Klebetattoo trägt der Schriftsteller irgendwann auf der Stirn. Ja, sagt er, so ein Wochenende helfe gegen jene Leere und Kälte, die in seinem Roman dazu führt, dass die Hauptfiguren sich radikalisieren. „Das Friedensfest kann all denen helfen, die das Gefühl haben, es gäbe keinen Zusammenhalt, keine Solidarität.“ Und so erkennt Rietzschel im Auftreten der Neonazis auch etwas Gutes: „Vielleicht braucht man tatsächlich erst diesen Gegner von außen, um sich auf seine Werte zu besinnen. Da ändert sich gerade etwas in der Zivilgesellschaft, vor allem in Ostritz merkt man das.“

Mitarbeit: Tobias Wolf, Jana Ulbrich und Hazel Sheffield