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Samstag, 23.12.2017

Geboren in Bischofswerda

Timo ist das letzte Kind, das in der Geburtsklinik zur Welt kam. Heiligabend schließt das Haus für immer.

Von Nicole Preuß

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So klein und schon eine lokale Berühmtheit. Timo ist das letzte Baby, das in der Bischofswerdaer Geburtsklinik zur Welt kam. Seine Eltern Mandy Mager und Nico Schreiber aus Ohorn sind froh, dass er noch in Schiebock geboren werden konnte. Es sah nämlich zunächst nicht danach aus.
So klein und schon eine lokale Berühmtheit. Timo ist das letzte Baby, das in der Bischofswerdaer Geburtsklinik zur Welt kam. Seine Eltern Mandy Mager und Nico Schreiber aus Ohorn sind froh, dass er noch in Schiebock geboren werden konnte. Es sah nämlich zunächst nicht danach aus.

© Rocci Klein

Bischofswerda. Der kleine Timo wird bestimmt einmal ein durchsetzungsfähiger Mensch. Schließlich schaffte er es, dass der Kreißsaal der Frauenklinik nicht bereits am Mittwoch, sondern erst am Donnerstag schloss. Mutter Mandy Mager war am Mittwoch, 22.30 Uhr, mit ihrem Freund Nico Schreiber in die Klinik gefahren. Sie hatte Wehen. „Wir wollten das abklären lassen“, sagt die 24-Jährige und die Eltern konnten bleiben. 14.11 Uhr wurde Timo geboren. Der kleine Ohorner ist damit das letzte Kind, das in der Geburtsklinik zur Welt kam.

Ein emotionaler Moment. Der Chefarzt der Frauenklinik, Dr. Ullrich Dziambor, hatte extra die letzte Schicht übernommen, um dem letzten Baby der Geburtsklinik auf die Welt zu helfen. Doch es wurde nichts daraus. 359 Kinder wurden in diesem Jahr in Bischofswerda geboren, in der 20-jährigen Geschichte der Klinik waren es mehr als 7500. Chefarzt Ullrich Dziambor zieht mit vielen aus seinem Team in das neue Frauen- und Kinderzentrum der Oberlausitz-Kliniken nach Bautzen. Einige Schwestern und Pflegekräfte haben sich auf vakante Stellen in den anderen Stationen des Bischofswerdaer Krankenhauses beworben. Entlassen wurden niemand. Ullrich Dziambor wird in Bautzen den Bereich Gynäkologie leiten. Einen Rückblick wagt er vorerst noch nicht. „Das ist alles noch zu emotional“, sagt der Spezialist, der viele Jahre lang die Geburtsklinik in Bischofswerda geleitet hatte. Die Hebammen, Kinderkrankenschwestern und Schwestern der Geburtshilfestation sind bestürzt und traurig über die Entscheidung. „Vielen Dank aber an alle, von denen wir Unterstützung erhielten. Besonders Danke an all‘ die jungen Familien, die sich in unsere Obhut begaben. Wir konnten so viel Freude miterleben und haben gern hier gearbeitet“, schreiben sie in einem Brief an die SZ.

Geburtshilfe rechne sich nicht

Der Geschäftsführer der Oberlausitz-Kliniken, Reiner E. Rogowski, musste die Entscheidung in den vergangenen Monaten einige Male erklären. „Wir hätten im Januar Personalprobleme gehabt durch den Weggang eines Facharztes, im April wäre es noch einmal zu einer Reduzierung gekommen“, sagt er. Die Sicherheit von Mutter und Kind konnte nicht mehr gewährleistet werden, also entschloss man sich dazu, die wenigen Fachärzte in der neu gebauten Frauenklinik in Bautzen einzusetzen. „Wir schließen nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sonst müssten 95 Prozent aller Entbindungskliniken schließen“, sagt er. Geburtshilfe rechne sich nicht. „Die Patientensicherheit und die Personalsituation stehen an erster Stelle.“

Die Bischofswerdaer und viele Menschen aus der Region kämpften bis zuletzt um ihre Entbindungsstation. Der Wirtschaftsförderverein sammelte mehr als 7000 Unterschriften gegen die Schließung. Es gab eine gut besuchte Bürgerversammlung und viele Gespräche hinter den Kulissen. Die AfD verkündete in einer Pressekonferenz, dass sie einen Facharzt vermitteln wolle. „Das war aber nicht mehr als warme Luft“, sagt Reiner E. Rogowski. Der Arzt hat sich nie in der Klinik vorgestellt und reagierte nicht auf Kontaktversuche. „Ein Facharzt allein hätte auch nicht gereicht“, sagt der Geschäftsführer. Die SPD schlug einen Hebammenkreißsaal vor, der ohne Fachärzte auskäme. Doch selbst für dieses Modell braucht es einen ärztlich geleiteten Kreißsaal nebenan. Ein Geburtshaus unter dem Klinikdach wurde auch diskutiert. Es gab auch Gespräche mit Hebammen, die Landtagsabgeordnete Patricia Wissel (CDU) und OB Holm Große (parteilos) initiiert hatten. „Wir haben aber sofort von den Hebammen ein großes Nein bekommen“, sagt Reiner E. Rogowski. „Das hat mit den Risiken zu tun, mit der chronischen Unterfinanzierung und Versicherungsbeiträgen.“

OB Holm Große spricht von einer Niederlage. „Der Träger des Krankenhauses, der Landkreis, hat uns an dieser Stelle im Regen stehen gelassen“, sagt er. Bischofswerda verliert einen Standortvorteil. Auch wenn, statistisch gesehen, nur ein Kind am Tag zur Welt kam. Der kleine Timo bekommt davon noch nicht viel mit. Mutter Mandy Mager wird Heiligabend mit ihrem Baby entlassen. „Wir sind froh, dass unser Kind noch in Bischofswerda zur Welt kam“, sagt die Erzieherin. „Die Klinik ist familiär und klein. Alle sind total nett und offen. Wir fühlen uns in guten Händen.“

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Kommerz&Wechselseitige_Auslese

    Viel Auslese, viel Abwanderung von Medzinern(m/w). Wer kann es den Ärzten verdenken, Ihnen wurde ja der Zugang zum Medizinstudium auch so schwer gemacht, wie es nur irgendwie geht? Am Ende stehen die schwächeren Kommunen ohne medzinische Kernkompetenzen in bestimmten Fachgebieten da, verlieren immer mehr an Attraktivität und klugen Einwohnern. Auch der genetische Pool dünnt aus, wenn es akademische Expertise zur Mangelware wird. Die kleineren Städte hatten früher mehr relatives Leistungspotential gegenüber den Großstädten als heute. Die Qualität der Ärzte wird wesentlich durch die Qualität der Facharztausbildung bestimmt und weniger durch Abitur und Medizinstudium. Gerade im entscheidenden Abschnitt zur Arztwerdung wird gepfuscht und vorher konsequent Chancen verbaut. Natürlich brauchen Ärztinnen genug Patientenaufkommen um gut zu werden und erstklassige Lehrkonzepte. Der Kompetenzaufbau könnte durch phasenweise Ärzterotation in Schwerpunktzentren der Metropolen erreicht werden.

  2. deutsche Sportgröße

    Imho. braucht man schlicht den Platz für die Verlegung der Sebnitzer Klinik nach BIW. Wie ein AOK-Aufsichtsratsmitglied berichtete soll der 5-Jahresplan lauten SEB zu schließen & nach BIW zu verlegen. Nahm die Info nicht ernst bis ich nach Apotheke & Poststelle in SEB googelte -die "Tops" wurden in BIW angezeigt.

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