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Mittwoch, 30.08.2017

Endlich Geschwister

Sie wussten Jahrzehnte nichts voneinander: 72 Jahre nach Kriegsende sind Bruder und Schwester wieder vereint.

Von Tobias Wolf

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Durch den Familiensuchdienst des Roten Kreuzes hat der Glauchauer Günter Peleiski (l.) seine große Schwester Christel Ehrich gefunden, von der er jahrzehntelang nichts wusste. Es ist das wohl größte Geschenk seines Lebens.
Durch den Familiensuchdienst des Roten Kreuzes hat der Glauchauer Günter Peleiski (l.) seine große Schwester Christel Ehrich gefunden, von der er jahrzehntelang nichts wusste. Es ist das wohl größte Geschenk seines Lebens.

© Tobias Wolf

  • Durch den Familiensuchdienst des Roten Kreuzes hat der Glauchauer Günter Peleiski (l.) seine große Schwester Christel Ehrich gefunden, von der er jahrzehntelang nichts wusste. Es ist das wohl größte Geschenk seines Lebens.
    Durch den Familiensuchdienst des Roten Kreuzes hat der Glauchauer Günter Peleiski (l.) seine große Schwester Christel Ehrich gefunden, von der er jahrzehntelang nichts wusste. Es ist das wohl größte Geschenk seines Lebens.
  • Im Archiv des DRK-Suchdienstes in München: Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Suchdienst ein Rettungsanker, um Angehörige wiederzufinden.
    Im Archiv des DRK-Suchdienstes in München: Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Suchdienst ein Rettungsanker, um Angehörige wiederzufinden.

Günter Peleiskis Stimme zittert, als er über den Moment seines Lebens redet. „Ich habe einfach nur noch Rotz und Wasser geheult, als ich ihre Stimme am Telefon gehört habe.“ Die Stimme der großen Schwester, die es bis zum Frühjahr nicht gab im Leben des 74-jährigen Glauchauers. Ein Mann ohne Familie, ein Schicksal, das viele Kinder des Zweiten Weltkriegs teilen. „Ich war ein Mensch ohne Wurzeln.“

Peleiski, weißes Hemd, schwarze Brille, sorgsam gestutzter Kinnbart, sitzt auf einer Bank im Lustgarten neben dem Berliner Dom und hält Händchen mit seiner Schwester Christel Ehrich. Ein Schiff bimmelt auf der Spree Passagiere heran, ein Stadtführer sammelt seine Gäste unter dem schattigen Dach des kleinen Hains. Die beiden Senioren haben kein Auge dafür, sie haben einander. Eine Anfrage beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) brachte nach Jahrzehnten die Gewissheit.

Es ist das gute Ende einer tragischen Geschichte. Peleiski und Ehrich erblicken unter dem Nachnamen Pelekies als uneheliche Kinder das Licht der Welt im ostpreußischen Memel (heute Klaipeda). Die fünf Jahre ältere Schwester kann sich an den kleinen Bruder erinnern. „Ich seh dich noch im Kinderbettchen sitzen“, sagt sie und streichelt Peleiskis Arm. Als im Juli 1944 die Front von Osten her naht, verlässt Ehrich mit ihren Pflegeeltern Memel. Ehrich landet mit ihrer Pflegefamilie bei Grimmen in Mecklenburg-Vorpommern. „Von meinem Bruder hatte ich nur ein kleines unscharfes Foto und wusste, dass er im Kinderheim war und Günter heißt.“

Für 72 Jahre nur diese undeutliche Erinnerung. Günter Peleiski bleibt in Memel, bis die Wehrmacht die Stadt aufgibt und der nahenden Roten Armee überlässt. Der Junge wird mitten in den Kriegswirren im Januar 1945 per Kindertransport von Memel nach Schwarzenberg im Erzgebirge gebracht. Dass er eine Schwester hat, weiß der ein Jahr alte Junge nicht. Auch später kann er sich nicht erinnern, Familie zu haben. Eine Odyssee durch Kinderheime und Kliniken beginnt. Günter ist oft krank, wird in Krankenhäusern und Heilstätten behandelt.

Irgendwann landet er bei einer Pflegefamilie. Erste Nachforschungen beim DRK-Kindersuchdienst bringen keine Ergebnisse. Denn der kleine Junge hat, seit er im Erzgebirge ist, einen neuen Nachnamen. Die Behörden haben „Pelekies“ kurzerhand in „Peleiski“ geändert. Auch für seine Angehörigen gibt es damit keine Möglichkeit mehr, ihn zu finden. „Ich hätte damals gerne Geschwister gehabt, mit denen ich spielen oder mich balgen kann.“ Christel Ehrich hat Glück. Ihr Name bleibt, so dass sie die Mutter in der neuen Heimat finden kann. „Es hat immer wieder geheißen, das Kinderheim sei in den letzten Kriegstagen in Memel bombardiert worden und keiner habe überlebt“, sagt Ehrich. Nach dem Sohn sucht die Mutter deshalb irgendwann nicht mehr. „Das tut mir heute so leid.“ Sie blickt zu Boden.

In der südlichen DDR wird aus dem Jungen Günter ein Mann, der –inzwischen in Dresden–eine Lehre als Mechaniker beginnt. Dann bekommt er einen Job an der Universität, stellt dort Bauteile für Forschung und Lehre her. Die Liebe zu seiner zweiten Ehefrau verschlägt ihn nach 20 Jahren Dresden ins westsächsische Glauchau.

Ein Leben, wie viele es leben, wäre da nicht diese Leerstelle. „Wer bin ich, wo komme ich her, und wer sind meine Eltern und Geschwister, diese Fragen habe ich mir immer wieder gestellt“, sagt Günter Peleiski. „Ein Leben lang.“ Irgendwann habe er gewusst, dass er etwas tun müsse. „Ich habe gefühlt, dass da etwas ist.“ Doch zu DDR-Zeiten sind die Hindernisse, die zwischen ihm und seiner mutmaßlichen Familiengeschichte liegen, kaum zu beseitigen. „Nach der Wende habe ich einen neuen Anlauf genommen“, sagt er. „Es musste einfach etwas passieren, ich wollte wissen, wer meine Mutter ist.“ An eine Schwester dachte er da noch nicht.

Peleiski fragt bei Behörden und Ämtern nach und wird schließlich in einem Archiv in Aue fündig. Dort lagern Dokumente über den Kindertransport aus dem früheren Memel. Peleiski findet seinen richtigen Namen und den der Mutter. Im September 2013 kontaktiert er den Suchdienst des DRK in München, wo ein Großteil von insgesamt 50 Millionen Karteikarten mit den Namen von Vermissten des Zweiten Weltkriegs lagert. Jetzt beginnt die Recherchemaschine der Hilfsorganisation anzulaufen. DRK-Mitarbeiter finden im Archiv des Landkreises Vorpommern-Rügen einen früheren Wohnsitz der Mutter. Von da aus führt die Spur durch einige Jahrzehnte Melderegister schließlich zur großen Schwester von Günter Peleiski.

Im März 2017 geht bei Christel Ehrich ein Brief ein: „Günter Peleiski sucht seine Familie.“ Ehrich lässt ihren Sohn noch am selben Tag im Internet recherchieren. Der findet Peleiskis Telefonnummer. Ehrich ruft noch am gleichen Abend an. „Hier ist deine große Schwester.“ Peleiski antwortet: „Und hier dein kleiner Bruder.“ Viel mehr können sie nicht besprechen. Der Moment überwältigt die beiden Rentner. Tränen der Freude ersticken alles.

Ein paar Wochen später treffen sie aufeinander. Mit seiner Tochter fährt Peleiski die über 500 Kilometer lange Strecke nach Süderholz bei Greifswald, entdeckt dort, dass er, der jahrzehntelang familienlos war, plötzlich eine riesige Verwandtschaft hat. Denn Christel Ehrich war fleißig, wie sie schmunzelnd zu Protokoll gibt. Vier Kinder, sieben Enkel, fünf Urenkel. Die Distanz zwischen Glauchau und Süderholz ist durch das Alter größer als die reinen Kilometer. Christel Ehrich und ihr invalider Ehemann haben kein Auto, Günter Peleiskis Frau sitzt im Rollstuhl. Trotzdem wollen die Geschwister nun so oft wie möglich zusammen sein, telefonieren jede Woche zwei-, dreimal. „Die besten Jahre unseres Lebens sind uns verloren gegangen und wir sind leider keine zwanzig mehr“, sagt Ehrich. Wie lange späte Familienzusammenführungen noch möglich sind, ist absehbar.

Im Jahr 2023 soll der Suchdienst nach Vermissten des Zweiten Weltkriegs eingestellt werden, obwohl das Interesse immer noch ungebrochen ist. Geht es nach Günter Peleiski, sollten jetzt alle verfügbaren Archive geöffnet werden, damit Menschen ihre Angehörigen finden können. Und: „Ich wünsche mir, dass man die Grundlage für solche Schicksale wie das unserer Familie abschafft, und das sind die Kriege.“

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Günter Buhle

    Leider werden uns solche Schiksale weiter begleiten. Dank derer die an Kriegen verdienen. Da brauchen wir aber längst nicht mehr mit dem Finger auf Hitler zeigen.

  2. Oldie (90)

    Einfach nur einen ganz großen herzlichen Gückwunsch an das Geschwisterpaar, auf dass sie noch lange ihr Zusammensein (er)leben können.

  3. PS

    "dass man die Grundlage für solche Schicksale ... abschafft, und das sind die Kriege." - Das aber ist nur zu schaffen, wenn man die gesellschaftlichen Ursachen für die Kriege beseitigt - umfassend und als wichtigstes Ziel der Politik.

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