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Eine kuschlige Idee

Ein junger Single gründet von Leipzig aus Deutschlands erste Mitkuschelzentrale. Sie hat schon Tausende Anhänger.

14.05.2016
Von Sven Heitkamp, Leipzig

hlige Idee
Die Gründer der Mitkuschelzentrale: Sebastian und Alex Nichele.

© Privat

Kuscheln ohne Sex und Beziehungsstress: das suchte der Neu-Leipziger Sebastian Nichele, als er voriges Jahr Deutschlands erste Mitkuschelzentrale gründete. Es sollte kein schnelles Datingportal für heiße Nächte sein, sondern ein lockerer Online-Treffpunkt für einen zwanglosen Austausch von Zärtlichkeit. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Idee traf offensichtlich den Nerv vieler Gleichgesinnter. Die Mitkuschelzentrale hat bereits mehr als 2 200 Nutzer bei Facebook, und täglich werden es mehr. Allein nach einem Radiobeitrag im Westdeutschen Rundfunk Mitte April kamen 800 Neulinge dazu. „Sehr, sehr viele Menschen wollen gern in den Arm genommen werden“, sagt Nichele. So trifft man sich über die Webseite www.mitkuschelzentrale.de, bei Facebook und in bundesweit vier Regionalgruppen in Nord und Süd, Ost und West. Die Aktiven laden auch andere engagierte Menschen dazu ein, eigene Stammtische, Gruppen und Kontakte zu knüpfen, um lockere Vertrauensräume zu schaffen.

„Wir empfehlen aber allen, nicht gleich beim ersten Treffen ins kalte Wasser zu springen, sondern erst mal auf Tuchfühlung zu gehen“, sagt Nichele. Man könne sich an einem öffentlichen Ort bei einem Kaffee oder einem Spaziergang etwas kennenlernen und gucken, ob die Chemie stimmt. Wenn sich das Kuschelduo sympathisch ist, kann es sich zum Knuddeln wiedersehen. „Alle Begegnungen sind dabei so individuell wie die Menschen selbst.“ Die Vermittlung und Vernetzung ist kostenlos. Nichele, 36, und von Beruf Mediengestalter, sagt, er wolle mit seiner Initiative kein Geld verdienen. „Kuscheln und Kommerz schließen sich aus.“ Die professionelle Organisation laufe rein ehrenamtlich in der Freizeit.

Schließlich hat Nichele mit dem Plattform-Projekt aus eigenem Leidensdruck heraus angefangen. Vor zwei Jahren zog er aus Niedersachsen zu seiner Freundin nach Leipzig – und wurde bald verlassen. „Eine schmerzhafte, traurige Zeit“, sagt er. „Ich war ziemlich allein in Leipzig.“ Vorigen Herbst saß er mit seinem Bruder Alex zusammen und fing an, herumzuspinnen. Er suchte Nähe, aber nicht gleich eine neue Beziehung. Die Idee der Mitkuschelzentrale entstand, die Brüder erzählten davon bei Facebook und ernteten große Resonanz. Inzwischen hat sich Nichele selbst schon siebenmal zum Kuscheln verabredet.

„Das Kuscheln“, findet Nichele, „entspricht unserer Sehnsucht nach Nähe und nach einer starken Schulter. Der Körper schüttet dabei Glücksstoffe aus, man fühlt sich wertgeschätzt so wie man ist und weniger allein.“ Der „Kuschel-Lobbyist“ glaubt sogar an eine gesellschaftliche Mission: „Die Menschen werden glücklicher, offener, sympathischer“, sagt er. Viele Menschen würden sich einsam und isoliert fühlen, sich von dem entfremden, was wichtig sei. „Wir sind feinfühlige liebevolle Wesen.“ Geborgenheit zu geben und zu erhalten sei daher eine große Sehnsucht in der Gesellschaft. Die Mitkuschelzentrale setze nun ein Zeichen gegen diesen Trend. Und gesünder sei es auch: „Kuscheln steigert das Wohlbefinden, Stress und Anspannungen werden abgebaut. Man sieht die Welt nicht mehr so schwarz.“ Für Interessenten, die bei einer Verabredung zu einem Treffen nicht zuletzt Sex im Hinterkopf hätten, sei die Mitkuschelzentrale jedoch nichts. „Natürlich werden wir den Menschen nicht verbieten, sich zu verlieben. Aber das ist nicht unser Ansinnen. Für Partnerbörsen gibt es andere Plattformen.“

Weil ihm und seinen bundesweiten Unterstützern die Arbeit langsam über den Kopf wächst, ist jetzt auch eine Vereinsgründung geplant. Außerdem wurde nun das Modell der „Kuschelboten“ ins Leben gerufen, die anderen Menschen helfen, ihre Schüchternheit zu überwinden und passende Partner zu finden. „Dafür bauen wir gerade ein praktikables System auf“, sagt Nichele. Auch offene Kennenlerntreffen in Parks werden jetzt organisiert. Von großen Kuschelpartys hält Nichele jedoch wenig: „Massenkuscheln ist nichts für mich.“