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Mittwoch, 03.01.2018

Ein Fleckchen Äthiopien in Sachsen

Eine Frau eröffnet ein Restaurant. Soweit nichts Besonderes. Doch das Addis Café ist das Einzige seiner Art weit und breit.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Etagegne Assefa Zewdie (r.) und ihre Tochter Yeabrisa Misikire in ihrem Restaurant in Leipzig.
Etagegne Assefa Zewdie (r.) und ihre Tochter Yeabrisa Misikire in ihrem Restaurant in Leipzig.

© Sebastian Willnow

Stühle mit Zebrafell-Bezug, amharische Schriftzeichen an der Bar, eine Krar für Hausmusik und hüfthohe Körbe, die zum Esstisch taugen: Im neuen Leipziger Addis Café können Gäste einen Hauch von Äthiopien erleben. Gleich neben der Universitätsklinik hat Etagegne Assefa Zewdie ihren Kindheitstraum wahr gemacht und das äthiopische Restaurant eröffnet. Das Leipziger Lokal gleich gegenüber dem Addis-Abeba-Platz der Stadt ist das Einzige seiner Art mindestens in Mitteldeutschland. „Das nächste äthiopische Restaurant finden Sie in Berlin“, sagt Assefa.

Zwar lebten in Sachsen laut amtlicher Statistik Anfang 2016 gerade mal 130 Menschen aus Äthiopien. Doch das Addis Café hat bereits seine Anhänger gefunden. Ihre Gäste kämen sogar aus Dresden, Chemnitz und Bayreuth, erzählt sie. „Wir sind bereits ein Ausflugsziel geworden.“ Die äthiopische Chefin, die alle nur „Tsige“ nennen, bietet ihren Besuchern vor allem einen kulinarischen Klassiker aus ihrer Heimat: Injera, ein weiches Sauerteig-Fladenbrot aus Teff, das kleinste Getreide der Welt, das aus Äthiopien stammt und Zwerghirse genannt wird. „Tsige“ bäckt den Teff zusammen mit anderen Getreidesorten. Dazu gibt es Lamm oder Hähnchen sowie Gemüse und vor allem pikante Soßen aus Linsen, Erbsen oder Kichererbsen. Auf der Karte des kleinen Restaurants stehen ebenso das Kichererbsenpüree Shiro, wahlweise mit Huhn, oder das Festtagsessen Doro Wot mit Hühnchen, Eiern und Frischkäse. Und natürlich hausgemachter Tee mit Ingwer.

Der Keim für Assefas Restaurant wurde schon in ihrer Kindheit gelegt. Die heute 47-Jährige wuchs bei ihrer Großmutter in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba auf. Die Oma betrieb dort ein Restaurant im Geschäftsviertel Kazanchis. „Da bin ich immer hin- und hergerannt und habe versucht, in die Küche zu kommen“, erzählt sie. Schon damals entstand die Idee für ein eigenes Lokal. Doch bis dahin sollte es noch ein langer Weg werden: Etagegne Assefa Zewdie lernte zunächst den Beruf der Buchhalterin. Als ihr Mann ein Stipendium in Deutschland bekam, zog sie Ende 1995 mit ihm und ihrer ersten Tochter nach Göttingen. Dort kam auch die zweite Tochter zur Welt. Als ihr Mann nach Äthiopien zurückkehrte, blieb sie mit den Kindern hier. Mittlerweile sind die Mädchen 23 und 18 Jahre alt und studieren.

Bestsellerautor zu Gast

Vor sechs Jahren nun kam Assefa nach Leipzig, um ihren Traum von einem Restaurant zu verwirklichen. Zunächst bot sie allerdings Caterings für Feste und für Freunde an und baute Stände auf vielen Essenmärkten auf. „Ich war fast überall, wo es Streetfood gibt“, erzählt sie. Nach jahrelanger Suche fand sie endlich ein geeignetes Lokal und richtete dieses Jahr mit finanzieller Unterstützung der Sächsischen Aufbaubank SAB ihr Addis Café ein.

Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Städtepartnerschaft Leipzigs mit Addis Abeba. Die Restaurant-Chefin engagiert sich im Verein, und der Verein engagiert sich für sie: Vereinsvorsitzender Gerd Birkenmeier, ein Medizinprofessor im Unruhestand, ist zugleich Mitgeschäftsführer des Lokals. Der Professor für Biochemie, der bis heute eigene Forschungen und Patente zur Krebstherapie vorantreibt, hat in den 80er-Jahren die Medizinische Fakultät im äthiopischen Gondar mit aufgebaut und viele Kontakte geknüpft. „Ich habe eine starke Bindung zu Äthiopien und zu seinen Menschen“, sagt er. So ist das Addis Café nun auch ein wichtiger Treffpunkt des Städtepartnerschafts-Vereins.

Zudem werden im Addis Café sogenannte „Science-Dinner“ zu aktuellen Gesundheitsfragen wie der Glyphosat-Debatte ausgerichtet. Auch Bestsellerautor Asfa-Wossen Asserates, Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie, der seit Ende der 1960er-Jahre in Deutschland lebt, hat schon eine Veranstaltung bestritten. Im Januar soll es um Zucker als neue Droge gehen. „Wir bieten“, sagt Birkenmeier, „eine Kombination aus gutem Essen und wichtigen Informationen.“

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