erweiterte Suche
Mittwoch, 03.08.2016

Ein Dorf auf gepackten Koffern

Die Einwohner des Ortes sind vom Tagebau umgeben. Die Pläne für die Umsiedlung nach Schleife liegen aber auf Eis.

Von Sabine Larbig

Bild 1 von 2

Viele Mühlroser fühlen sich nicht ernst genommen, weil sie seit Jahren hingehalten werden. Sie machen daraus auch keinen Hehl, wie auf zahlreichen Plakaten im Ort zu lesen ist. Das Foto entstand bereits Ende Mai, als sich Staatsminister und Chef der Staatskanzlei, Fritz Jaeckel, im Kirchspiel Schleife umsah.
Viele Mühlroser fühlen sich nicht ernst genommen, weil sie seit Jahren hingehalten werden. Sie machen daraus auch keinen Hehl, wie auf zahlreichen Plakaten im Ort zu lesen ist. Das Foto entstand bereits Ende Mai, als sich Staatsminister und Chef der Staatskanzlei, Fritz Jaeckel, im Kirchspiel Schleife umsah.

© andré schulze

  • Viele Mühlroser fühlen sich nicht ernst genommen, weil sie seit Jahren hingehalten werden. Sie machen daraus auch keinen Hehl, wie auf zahlreichen Plakaten im Ort zu lesen ist. Das Foto entstand bereits Ende Mai, als sich Staatsminister und Chef der Staatskanzlei, Fritz Jaeckel, im Kirchspiel Schleife umsah.
    Viele Mühlroser fühlen sich nicht ernst genommen, weil sie seit Jahren hingehalten werden. Sie machen daraus auch keinen Hehl, wie auf zahlreichen Plakaten im Ort zu lesen ist. Das Foto entstand bereits Ende Mai, als sich Staatsminister und Chef der Staatskanzlei, Fritz Jaeckel, im Kirchspiel Schleife umsah.
  • Dieses Plakat haben Senioren von Mühlrose am Ortseingang aufgestellt.
    Dieses Plakat haben Senioren von Mühlrose am Ortseingang aufgestellt.

Angespannt, das ist der beste Begriff, um die Stimmung der Bewohner von Mühlrose zu benennen. 90 Prozent der Bewohner sitzen auf gepackten Koffern, so berichten sie dem Reporter. Renate Krautz spricht aus, wie es vielen Mühlrosern ergeht. Man werde älter und frage sich, so Renate Krautz, ob sich überhaupt das Umziehen in ein neues Haus in Schleife noch lohne. „Man verliert dazu die Lust“, sagt sie. Elli Pannasch erzählt von Bewohnern, die sich bereits ein neues Grundstück in einem anderen Dorf gekauft haben. „Die wissen jetzt nicht, was sie machen sollen. Zwei Häuser können sie sich aber nicht leisten“, sagt die Seniorin.

Sie beklagt auch, dass die Gaststätte jetzt auch noch geschlossen habe und es im Ort keine Möglichkeit gibt, etwas einkaufen zu gehen. Und noch andere Sorgen treiben die Mühlroser um. Was geschieht in einem Notfall, wenn die Straße nach Schleife auch noch abgerissen wird? „Ein Arzt braucht jetzt schon 20 Minuten bis zu uns“, so Elli Pannasch.

Rosemarie Noack erzählt von der Solidarität der Bewohner vom Damm am Ortseingang von Mühlrose. Sie hatten die Möglichkeit schon vor einem Jahr, den Ort zu verlassen und umzusiedeln. „Sie wollen uns nicht alleinlassen und nur mit uns gemeinsam den Ort verlassen“, berichtet sie.

Heinz Lohr liebt seinen idyllischen Heimatort Mühlrose. Hier verbrachte er Kindheit und Jugend, hier lebt und engagiert er sich seit über 40 Jahren mit Ehefrau Regina in der Dorfgemeinschaft. Nun aber sitzt das gesamte Dorf auf gepackten Koffern. Knapp 200 Einwohner leben derzeit in Mühlrose und fast alle wollen so schnell als möglich Häuser und Grundstücke verlassen und an den Ortsrand von Schleife ziehen. Grund ist die Betreibung des Tagebaus Nochten und die bis 2045 geplante Erweiterung und Betreibung des Abbaugebietes II. „Unser Dorf wird dadurch zur Insel im offenen Tagebau. Für uns Bewohner würde das Leben unter Lärm, Staub und Dreck unerträglich“, begründet Heinz Lohr die Umsiedlungspläne.

Seit 2006 arbeiten Einwohner und der Ortschaftsrat Mühlrose mit dem schwedischen Energiekonzern Vattenfall Europe Mining (VEM) an einem Vertragswerk für die gewünschte Umsiedlung. Doch kurz vor Unterzeichnung verkündet die deutsche Bundesregierung den perspektivischen Ausstieg aus der Braunkohle-Energiegewinnung und die damit verbundene Stilllegung von Braunkohlekraftwerken. Die Folge: Vattenfall stellt seine Kohlesparte inklusive dem Lausitzer Revier zum Verkauf und stoppt im Sommer 2015 zeitgleich alle Umsiedlungsplanungen und Vertragsverhandlungen.

Ein herber Rückschlag für die Mühlroser, die auf gepackten Koffern sitzen und bis heute nicht wissen, ob und wann die Umsiedlung kommt. Die letzte offizielle Information erhielten sie im Juli 2015 von Vattenfall. In einem Brief an alle Haushalte heißt es: „... Die Entscheidung über die Fortführung des Tagebaus Nochten im Abbaugebiet II wird ... erst der neue Eigentümer treffen, und dies vor dem Hintergrund der dann bestehenden energiepolitischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den Braunkohlenbergbau und die Stromerzeugung aus Braunkohle...“ Zwar beteuert Vattenfall, sich bewusst zu sein, dass die bestehende Situation sowohl für Umsiedler als auch für Mitarbeiter unbefriedigend sei und eine große Belastung für Betroffene darstelle und man daher großes Verständnis für die Forderungen der Menschen der Region habe, so schnell wie möglich Klarheit zu erhalten, wie es weiter gehen soll.

Den rund 200 Mühlrosern reicht das nicht. Sie fühlen sich mit ihren Problemen alleingelassen. Daran hat selbst der Besuch von Staatsminister Fritz Jaeckel Ende Mai nichts geändert. „Unsere Nerven liegen blank. Seit 14 Monaten ist nichts passiert, wird zur Umsiedlung geschwiegen. Dabei sollten die Ersten von uns schon in ihre neuen Häuser eingezogen sein“, so Lohr. Wie alle Einwohner blickt er nun erwartungsvoll auf Ende August. Dann wird der tschechische Energiekonzern EHP offizieller Eigentümer der einstigen VEM-Braunkohlesparte und Betreiber des Tagebaus Nochten, dessen Kohlebagger schon 2,5 Kilometer östlich von Mühlrose stehen. „Wir hoffen, dass sich der neue Eigentümer schnellstmöglich zur Zukunft unseres Dorfes bekennt und ohne Abstriche die bereits ausgearbeiteten und unterschriftsreifen Verträge unterzeichnet“, fasst Heinz Lohr die Erwartungen zusammen.

Dies bedeutet zwar, dass Mühlrose seit 1966 zum dritten Mal von Umsiedlung betroffen ist. Für die Einwohner ist die Umsiedlung jedoch die einzige Alternative, einem Leben in einem inselartigen Ort zu entgehen, der von einer 80 Meter tiefen Tagebaulandschaft umgeben ist. Erschwerend hinzu kommt, dass Mühlrose künftig nur noch durch eine einzige Straße an Schleife und die gesamte Region angebunden ist. Wege zu Arbeitsstätten, Schulen, Ärzten, Kindergärten, Einkaufszentren... werden unzumutbar. Ein Horrorszenario. „Wir alle wollen deshalb nur noch weg und nach Neu-Mühlrose bei Schleife umsiedeln“, erklärt Heinz Lohr, der durch die jahrelangen Umsiedlungsvorbereitungen schon seinen künftigen Bauplatz, die neuen Nachbarn und Straßennamen kennt. Nur ein neues Zuhause, in dem er und Ehefrau Regina ihre Koffer auspacken können, fehlt noch.