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Freitag, 12.10.2018

Hinter den Kulissen

Von Birgit Grimm

Ein tierischer Haushalt in einem Auto in einer kleinen Kiste, die auch als Bühne diente. Die Marionettenspieler Anne und Lars Frank agierten sichtbar für das Publikum hinter der Kiste, wenn sie „Lucie und Karlheinz“ aufführten.
Ein tierischer Haushalt in einem Auto in einer kleinen Kiste, die auch als Bühne diente. Die Marionettenspieler Anne und Lars Frank agierten sichtbar für das Publikum hinter der Kiste, wenn sie „Lucie und Karlheinz“ aufführten.

© Thomas Kretschel

Wären Sie nicht gern einmal Regisseur in einem Theater? Wollte Ihr Kind nicht schon immer mal ein Bühnenbild erfinden, in dem es die Puppen tanzen lässt? Viele Puppenspieler haben sich den Traum erfüllt, waren und sind das alles in Personalunion. Sie entwerfen, schnitzen oder nähen ihre Puppen. Sie schreiben die Stücke oder passen sie ihren Möglichkeiten an. Sie malen das Bühnenbild und bauen sich ihr eigenes Theater. Das muss, wenn sie damit von Kita zu Kita, von Schule zu Schule ziehen, in einen Koffer passen oder zumindest in einen Kofferraum. Und es muss schnell und einfach aufzubauen sein. „Deshalb lassen wir uns auch gern die Aufbauanleitung mitgeben, wenn wir ein Puppentheater übernehmen“, erklärt Lars Rebehn, Konservator der Dresdner Puppentheatersammlung. Die zeigt ab Samstag im Jägerhof eine neue Sonderschau mit dem Titel „Achtung, Probe!“ Natürlich bedeutet ein so beschriftetes Schild am Eingang des Ausstellungsraums nicht, dass man nicht gestört werden will. Im Gegenteil, die Besucher sind herzlich aufgefordert, einzutreten, zu schauen, zu staunen, zu diskutieren und Wünsche zu formulieren.

Ihre Ideen fließen ein in eine Debatte um das neue Museum im Kraftwerk Mitte. Ende des Jahres 2021 ziehen die 50 000 Objekte, 18 000 Figuren und 50 000 Archivalien der Sammlung ins Kulturkraftwerk, um dort eine Verzauberung zu entfalten. „Magisch und poetisch“ stellt sich Museumsdirektor Igor A. Jenzen die neue Ausstellung vor. So viel ist klar: Das wird kein klassisches Museum, in dem sich Vitrine an Vitrine und Touchscreen an Mediastation reiht. Der Kasper als Kunstwerk? Lahmgelegt in einem Glaskasten? Das geht gar nicht!

Also wird im Kraftwerk inszeniert werden wie auf dem Theater. Eine lebendige Atmosphäre soll entstehen, in der jeder, egal wie jung oder alt er ist, wie schüchtern oder selbstbewusst, in eine andere Rolle schlüpfen kann. Jenzen und Rebehn holen dafür Sachsens Puppenspieler ins Boot, Bühnenbildner, Regisseure – und das Publikum. Ein Symposium ist geplant.

Das ist wunderbare Zukunftsmusik. Herrliche Gegenwart ist die kleine Sonderschau, in deren Zentrum die Bühne als solche steht. Was ist alles nötig, damit Puppenspieler ihr Publikum unterhalten können? Was treiben sie hinter den Kulissen? Wie sieht es dort aus?

Im Jägerhof steht das Bühnengestell des Handpuppenspielers Karl Adler aus Zwickau im Zentrum. Es ist die älteste Bühne im Museum, sie war noch nie ausgestellt. In den 1930er-Jahren spielte Adler mit Hohnsteiner Handpuppen den „Dr. Faust“. Seine Bühne transportierte er mit dem Handkarren. Da hatten es die Puppenspieler in den 1970er- und 80er-Jahren schon leichter. Die Marionettenspieler Anne und Lars Frank entwickelten ein Spiel aus der Kiste: „Lucie und Karlheinz“, ein Schweinchen und eine Katze, die sich ordentlich streiten und erst lernen müssen, tolerant zu sein, bis sie Freunde werden können. Die Inszenierung findet in einer Transportkiste Platz, die zugleich auch die Bühne ist und vor den Augen der Zuschauer geöffnet wird.

Als „Kleinste Faustbühne der Welt“ steht das Puppenspiel von Gustav Dobelewski-Gellhorn im Guinnessbuch der Rekorde. Es ist ein elektrisches Wunderding, das der Österreicher in den 1960er-Jahren für seinen „Dr. Faust“ konstruierte und mit dem er durch die Welt zog. Weil er mit all den Knöpfen und Schaltern und vor allem mit der Führung der winzigen Sockelmarionetten alle Hände voll zu tun hatte, kamen sämtliche Geräusche und auch die Dialoge vom Band.

Ein hübsch ungewöhnliches „Däumelinchen“ inszenierte die Lüneburger Puppenspielerin Gabriele Parnow-Kloth. Sie nähte aus Postsäcken einen gigantischen Briefumschlag, aus dem die Handpuppen auf fünf Spielebenen herausschauen. So konnte die Künstlerin Aufbau und Aufführung ganz allein bewältigen. Im Auto hat sie ihr „Däumelinchen“ in 13 Jahren zu 350 Vorstellungen transportiert. „Eigentlich müssten wir die Puppenspieler mit ausstellen“, sagt Lars Rebehn. „Aber die beschweren sich immer, wenn wir sie abends wieder in die Kiste packen“. Das ist natürlich ein Scherz. Auch der Spaß soll bei aller wissenschaftlich-historischen Genauigkeit nicht zu kurz kommen im Kraftwerk. Jenzen ist „glücklich, dieses kreative Chaos organisieren zu dürfen“.

„Achtung, Probe!“ bis 29. September 2019 im Museum für Sächsische Volkskunst, Dresden, Jägerhof, Köpckestr. 1; geöffnet Di – So 10 – 18 Uhr.