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Dienstag, 01.08.2017

„Dresden vergessen“

Während die Polizei in der Bundesrepublik in den 1980er-Jahren fieberhaft nach der RAF-Terroristin Inge Viett fahndete, lebte diese als Eva-Maria Sommer schon unauffällig in der damaligen Bezirkshauptstadt.

Von Butz Peters

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Inge Viett im Jahr 1990. So ähnlich sah sie wohl auch Mitte der 80er-Jahre aus, als sie in Dresden lebte.
Inge Viett im Jahr 1990. So ähnlich sah sie wohl auch Mitte der 80er-Jahre aus, als sie in Dresden lebte.

© dpa

„Sie haben aber eine schöne Uhr“, sagt Eva-Maria Sommer, die neue Mitarbeiterin in der Dresdner Großdruckerei „Völkerfreundschaft“, zu der Betriebsärztin. „Die ist aus dem Westen, aus Pforzheim“, entgegnet die Dresdnerin nicht ganz ohne Stolz. „Dann ist sie nicht schön“, antwortet resolut die Neue. Die Ärztin ist verblüfft. Die Frau Ende 30 hat etwas Freches. Aber auch etwas Geheimnisvolles. Ihr sei klar gewesen, dass sie unter dem „Schutz der Stasi“ gestanden habe, sagt die Ärztin im Ruhestand heute – mehr als 30 Jahre nach dem Gespräch über die Uhr 1983.

Was damals in der Druckerei auf der Riesaer Straße 32 keiner wusste: Das Energiebündel Eva-Maria, burschikos, drahtig und knapp über 1,60 klein, heißt in Wahrheit Inge Viett. Als „Deutschlands Terroristin Nr. 1“ wird sie in der Bundesrepublik gesucht. 100 000 D-Mark sind „für Hinweise, die zu ihrer Festnahme führen“ ausgesetzt.

Inge Viett ist eine der schillerndsten Figuren des deutschen Linksterrorismus. Ihre politische Radikalisierung beginnt, als sie 1968, gegen Ende der Studentenbewegung, in eine Wohngemeinschaft in Berlin-Kreuzberg zieht. Zuvor hatte die gelernte Kinderpflegerin – geboren 1944 in Stemwarde östlich von Hamburg – als Sportlehrerin, Stripteasetänzerin auf St. Pauli, Haushälterin auf Sylt und Kraftfahrerin gearbeitet.

Anfang 1972 entscheidet sie sich für den „bewaffneten Kampf“ und stößt zur „Bewegung 2. Juni“: die „kleine Schwester“ der RAF, die ihr Unwesen in Berlin treibt. Auf ihr Konto geht eine Reihe politisch motivierter Schwerststraftaten wie der Mord an Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann 1974, die Entführung des CDU-Landesvorsitzenden Peter Lorenz 1975 und etliche Banküberfälle.

Schnell erlangt Viett in der Gruppe eine – wie sie es nennt – „orientierende Funktion“. Zweimal wird sie verhaftet. Zweimal gelingt ihr die Flucht aus dem Berliner Frauengefängnis Lehrter Straße. Die linke Szene in der Frontstadt bejubelt die „Ausbrecherkönigin“. Vietts Credo: „Die Pflicht eines jeden Gefangenen ist die Flucht.“

Ende der Siebzigerjahre lebt sie unerkannt in Paris: Dort trifft sie RAF-Mitglieder – für die ist die Metropole zur Fluchtburg nach dem deutschen Herbst 1977 geworden. RAF-Chefin Brigitte Mohnhaupt plagt eine Sorge: Rund die Hälfte ihrer Mannschaft hat die Nase vom „bewaffneten Kampf“ voll. Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt und sechs andere wollen sich absetzen. So schnell es geht. Die Rest-RAF will eine „konsensuale Lösung“ und für die Aussteiger ein „sicheres Versteck“ besorgen. Im Gespräch sind Mosambik und Angola.

Um herauszufinden, wie man eine solche Operation am besten organisiert, fliegt Viett im Mai 1980 nach Ostberlin zu ihrem Kontaktmann bei der DDR-Staatssicherheit. Harry Dahl, Oberst bei der „Terrorabwehr“, war einst als Stasi-Agent in Afrika. Er warnt: Acht Weiße in Schwarzafrika fallen schnell auf! Dann fragt er, ob die RAF schon einmal daran gedacht habe, „die demobilisierten Kämpfer zu uns zu bringen“.

Ein Fahndungsplakat aus den späten 70ern

Auf dem Faltblatt „Dringend gesuchte Terroristen“, mit dem das Bundeskriminalamt in den 1970er-Jahren nach RAF-Mitgliedern fahndete, ist Inge Viett auf den beiden Fotos unten rechts zu erkennen.

Von der Offerte ist die RAF begeistert. So entwickelt sich die Verbindung zwischen den westdeutschen Terroristen und der ostdeutschen „Terrorabwehr“ – die Stasi löst sozusagen das „Entsorgungsproblem“ der RAF. Ein Vierteljahr später steigt Susanne Albrecht im Ostbahnhof in Berlin-Friedrichshain aus dem Zug. Die zukünftigen DDR-Staatsbürger hatte die „RAF-Stasi-Ausstiegskoordinatorin“ Inge Viett – sie hatte sich mittlerweile der RAF angeschlossen – in Prag verabschiedet. Sie selbst fliegt in den Südjemen.

Zwei Jahre später, 1982, taucht auch Viett in die DDR ab, als zehnter und letzter RAF-Aussteiger. Mittlerweile wird sie auch wegen versuchten Mordes im Westen gesucht. In Paris hatte sie einen Polizisten rollstuhl-invalide geschossen, weil er sie kontrollieren wollte.

Vor dem Schritt in den Osten war sie zu der Einsicht gekommen, zehn Jahre, nachdem sie in den Untergrund abgetaucht war und nach etlichen Rückschlägen in ihrem Terroristinnenleben, dass „der bewaffnete Kampf keine Perspektive“ hat – und damit sie „auch keine“. So ist die DDR für sie zum letzten Ausweg geworden. Deshalb bringt sie ihr, so formuliert sie es später, „einen fast zärtlichen Respekt“ entgegen.

Die ersten sechs Monate wird Viett von der Stasi im Plattenbaumeer in Berlin-Marzahn versteckt. Auf den DDR-Alltag bereiten sie Stasi-Männer vor. „Ich war gerade im Supermarkt“, sagt sie. „Kaufhalle“, wird sie geduldig korrigiert. Zum wiederholten Mal. Pauken muss sie die gebräuchlichen Abkürzungen des DDR-Alltags: „EOS, POS, NSW, SW, AWG, KWV…“

Weil das Risiko ihrer Entdeckung in der Hauptstadt der DDR für die Staatssicherheit zu groß ist, muss sie fort. Die drei für ihre Zukunft entscheidenden Fragen stellt ihr ein Stasi-Offizier: „Welcher Beruf würde dir Spaß machen, in welcher Stadt möchtest du leben, und wie möchtest du heißen?“ „In der zweit- oder drittgrößten Stadt“ der DDR, antwortet das Großstadtgewächs, wenn Berlin schon nicht geht. „Repro-Technik“, weil sie aus dem Terroruntergrund über mannigfaltige Fälscher-Erfahrungen verfügt, und „Eva-Maria Sommer“. Der neue Name klingt nach sonniger Perspektive.

So fängt „Eva-Maria Sommer“ als Repro-Fotografin im Grafischen Großbetrieb „Völkerfreundschaft“ in Dresden an. Frühjahr 1983. Gedruckt werden im Stadtteil Dresden-Pieschen jede Menge Parteisachen und Bücher für Westverlage. Die Tagesschicht beginnt um 6.45 Uhr. Erschrocken ist Viett allerdings über „den äußeren Eindruck der materiell-technischen Ausrüstung in der Foto-Abteilung“, berichtet sie später: „chemiezernagte Becken und Schalen, ausgetretene Fußböden, schäbige Möbel, der schmucklose Pausenraum.“ Sie schluckt. Aber schon bald fühlt sie sich wohl „in unserer alten Photographie“. Ihre letzte Chance.

In Dresden lebt sie unter der Legende einer Übersiedlerin aus der BRD. Denn trotz Stasi-intensiv-Schulung war ihr klar, dass sie unmöglich als DDR-Bürgerin durchgehen konnte. So nun aber vermögen ihre Arbeitskollegen nicht nachvollziehen, wieso die Singlefrau aus dem Westen in den Osten zog. Kurz vor vierzig.

Schwierig sind für sie auch die Diskussionen in ihrem Arbeitskollektiv. In der Regel enden die mit einem Vergleich „äußerer Erscheinungen“: „Trabi gegen Audi, Rügen gegen Mallorca, Westberlin gegen Ostberlin“, erinnert sie sich, „da ging die DDR natürlich immer nach Punkten K.o.“ Mit ihren alten BRD-linken Kampfbegriffen wie „Verdinglichung“, „Warenbeziehungen“ und „Entsolidarisierung“ kann sie in der DDR nicht punkten. Oft schweigt sie. Aber ihre Arbeitsdisziplin war stets vorbildlich, berichtet die damalige Dresdner Betriebsärztin. Immer pünktlich. Tadellos die „Aufgabenerfüllung“.

Nach der ersten Zeit in einem kargen Zimmer im Bauarbeiter-Wohnheim bekommt Viett eine Wohnung im Plattenbau-Neubauviertel Prohlis: Prohliser Allee 31. 34Quadratmeter. 36 Mark. Sie verdient 800. Kein Vergleich zu ihren früheren Leben in Berlin, Hamburg und Paris: „Viel zu wenige Kaufhallen und viel zu wenige Straßenbahnlinien.“ Das öffentliche Verkehrswesen findet sie „abenteuerlich und unberechenbar“. Wer in Dresden zu spät kommt, so nimmt sie wahr, der entschuldigt sich: „Die Straßenbahn…“ Stets eine unwiderlegbare Behauptung.

Schon nach einem halben Jahr in Dresden bekommt sie einen Lada – gemessen an ihren West-Maßstäben für sie „ein bescheidenes durchschnittliches Auto“. Doch schnell spürt sie den Neid der „Völkerfreundschaft“-Kollegen, weil sie so schnell an einen „DDR-Mercedes“ gekommen ist. So wechselt sie zum Trabi. Aber den empfindet sie als technische Katastrophe; die Entwicklungsingenieure hätten „allesamt die Prügelstrafe verdient“.

Ihre Lebensgefährtin lernt sie durch eine Kleinanzeige in der Sächsischen Zeitung kennen: „Suche Wanderfreundin für gemeinsame Stunden...“ annonciert sie im Herbst 1983. Die Eisenbahnerin zeigt ihr „die schönsten Ecken von dem kleinen Land“, meint Viett im Rückblick: das Bielatal, die Sächsische Schweiz, die uralten Kiefern der Boddenlandschaften im Norden. Den Darß. Hiddensee im Novembersturm. Widerstehen können ihm nur Menschen und Bäume in Schräglage.

Nach dreieinhalb Jahren endet Vietts Dresden-Zeit abrupt. Bei einem Westbesuch hatte sich eine Bekannte von ihr auf dem Hauptbahnhof von Frankfurt am Main ein Terroristen-Fahndungsplakat angesehen. Sie erkennt, dass die gesuchte Inge Viett genauso aussieht wie „EvaMaria“ in Dresden. Eindeutig ist das auf dem Plakat angegebene besondere „Identifizierungsmerkmal“: eine „Narbe am rechten Zeigefinger (1 cm lang, 3. Glied, Fingerunterseite)“. Genau so eine Narbe hat „Eva-Maria“.

Als Viett mitbekommt, dass die Frau ihr Geheimnis kennt, sind für sie die Konsequenzen klar: „Dresden vergessen, alles vergessen, was jetzt ist, verschwinden.“ Aber ihr Herz. Sie will nicht weg. Doch ihr ist klar: Ein Fehler könnte „unübersehbaren Schaden für die DDR bedeuten“. Der Abschied von Elbflorenz fällt ihr, wie sie später resümiert, „unsagbar schwer“: ihre Freundin, Semperoper, Zwinger, Brühlsche Terrasse, Altmarkt und Elbsandsteingebirge … Alles aus und vorbei. Adieu.

Ihren Schnell-Abgang organisiert die Staatssicherheit. Freunden und Kollegen sagt Viett, dass sie kurzfristig beschlossen habe, in den Jemen auszuwandern. Aber sie fliegt nicht nach Aden, sondern zieht in eine Stasi-Wohnung in Berlin. Dort bekommt sie eine neue Legende. Ein Dreivierteljahr nach ihrem Dresden-Abgang taucht sie in Magdeburg auf.

Nach der stasi-gefälschten Papierlage ist sie nun DDR-Bürgerin, „Witwe“ und heißt „Eva-Marie Schnell“. Dort arbeitet sie im Schwermaschinenkombinat „Karl Liebknecht“ im Sozialwesen. Zudem als IM für die Stasi. Magdeburg ist für sie „Provinz“.

Sieben Monate nach dem Fall der Mauer wird sie dort verhaftet, Juni 1990. Eine Nachbarin hatte sie auf einem Fahndungsplakat erkannt und der Polizei gemeldet, um die auf sie ausgesetzte Kopfprämie zu kassieren. 1992 verurteilt das Oberlandesgericht Koblenz sie zu dreizehn Jahren Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes. Nachdem sie die Hälfte abgesessen hat, wird sie 1997 vorzeitig entlassen.

Heute lebt Inge Viett am westlichen Stadtrand von Berlin. Sie ist Rentnerin und dreiundsiebzig.

Der Autor: Dr. Butz Peters, Publizist und Rechtsanwalt, schrieb drei Bestseller über die Geschichte des Linksterrorismus in Deutschland. Er lebt in Dresden. In diesem Jahr erschien von ihm „1977 – RAF gegen Bundesrepublik“ (576 Seiten, Droemer).

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Erhard Jakob

    Damals war für die BRD, die DDR > Feindesland < und umgekehrt. Verbrecher, welche im eigenen Land Verbrechen begangen und ins Feindesland geflüchtet sind, wurden dort nicht ausgeliefert. Das war auf beiden Seiten so. Hier sollten aber auch die Menschen genannt werden, welche in der DDR Straftaten (Mord) begangen haben und in der BRD nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Ich denke hier an Josef Kneifel, welcher in Chemnitz ein Mahnmal in die Luft gejagt hat. Nur durch glück- liche Umstände wurden keine Menschen verletzt oder sogar getötet. Durch die Justizbehörden der DDR erhielt dieser Verbrecher eine angemessene Strafe. Nach der Wende wurde er als politischer Gefangener entlassen und von den *Medien* als ein Regime-Kritiker, Freiheitskämpfer und Bürger- rechtler hochgejubelt. In Vergangensheitsbewältigung sind wir Vorreiter und in der Gegenwartsbewältigung sind wir Schlußlicht. Die >Medien< sollte sich lieber um die gefälschetn Urkunden kümmern!

  2. C.G.

    @1 - ganz schlechtes Beispiel. Für mich ist es ein großer Unterschied, ob man mit System Menschen ermordet, oder einen ausgedienten, zum Mahnmal glorifizierten Panzer in die Luft sprengt. Vielleicht war der ja 1953 schon dabei, oder 1961 in Berlin oder 1968 in Prag. Solche Ereignisse dienen für Sie als mahnenswert? Dafür nach Bautzen zu gehen, ist unverhältnissmäßig, wie auch bekanntermaßen für viel weniger. Aber Mörder decken und beschützen ist Mittäterschaft.

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