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Montag, 17.11.2014

Die neue Gründungsangst

Immer weniger Absolventen machen sich selbstständig. Statt unternehmerischer Freiheit lockt ein gutes Gehalt.

Von Christiane Raatz und Annechristin Bonß

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Studieren, studieren, studieren - und danach ein gut bezahlter Job in der Wirtschaft. Viele Studenten bevorzugen diesen Weg. Unternehmensgründungen werden immer weniger.
Studieren, studieren, studieren - und danach ein gut bezahlter Job in der Wirtschaft. Viele Studenten bevorzugen diesen Weg. Unternehmensgründungen werden immer weniger.

© dpa

Vom Hörsaal in die eigene Firma: Dieser Traum ist an Sachsens Hochschulen anscheinend ausgeträumt. Zwar unterstützen Gründerschmieden die Studenten auf diesem Karriereweg. Allerdings entscheiden sich immer weniger Absolventen für den Schritt in die Selbstständigkeit. „Die Zahl der Gründungen ist rückläufig, das Interesse aber nach wie vor groß“, sagt Frauke Posselt von der Dresdner Gründerinitiative Dresden exists.

Die Initiative gibt seit 15 Jahren Studenten, Absolventen und Wissenschaftlern eine Starthilfe. Pro Jahr werden bis zu 70 Gründungsprojekte betreut. Entstanden daraus bis 2012 noch 30 bis 35 neue Unternehmen pro Jahr, waren es 2013 nur noch rund 20. „Auf diesem Niveau bewegen wir uns wohl auch dieses Jahr“, sagt sie. Dass die Zahl der neu gegründeten Firmen insgesamt zurückgeht, belegt auch das Statistische Landesamt. Gab es sachsenweit 2012 noch gut 27.000 Neugründungen, sank deren Zahl im Vorjahr um knapp fünf Prozent auf 25.700. Ähnlich wird es 2014 sein. So wurden im ersten Halbjahr bislang etwa 12.700 Unternehmen gegründet.

Frauke Posselt führt die Entwicklung vor allem auf den Arbeitsmarkt zurück. „Die Chancen, einen guten Job zu finden, stehen derzeit gut für Studenten“, sagt sie. Zudem seien die Gründungszuschüsse zurückgegangen. Viele Wissenschaftler seien daher nicht bereit, das Risiko auf sich zu nehmen. Ihre Initiative beobachtet das mit Sorge. Schließlich stärke die Gründung von jungen, innovativen Unternehmen die regionale Wirtschaft und schaffe Arbeitsplätze, sagt sie. Rund 1.000 Arbeitsplätze sind in der Region in den vergangenen 15 Jahren durch die Gründungen aus dem Umfeld von Universitäten entstanden. Die meisten Neugründungen beschäftigen sich mit Software und IT, aber auch Produktdesigner, Messtechniker und Maschinenbauer lassen sich beraten. Die eigene Idee umzusetzen und dabei Gestaltungsspielraum zu haben, das treibt die Gründer dabei an.

Es geht auch anders

Andere Erfahrungen macht das Gründernetzwerk Saxeed, das für Studenten in Freiberg, Mittweida, Zwickau und Chemnitz verantwortlich ist. „Wir machen die Studenten auf das Thema überhaupt erst einmal aufmerksam“, sagt Sprecherin Susanne Schübel. Dafür organisiert die Initiative Vorlesungen, Ideenwettbewerbe und Workshops, hilft beim Business-Plan und bei der Finanzierung. Seit der Gründung 2006 hat Saxeed an den vier Standorten mehr als 200 erfolgreiche Gründungen aus dem Umfeld der Universitäten betreut. Darunter vor allem Firmen aus der Informatik, dem Handel und technologieorientierte Dienstleistungen. Trotzdem gilt auch in Westsachsen: je besser die Jobchancen für Absolventen, desto weniger Gründungen. Dennoch gab es im Raum Freiberg, Mittweida, Zwickau und Chemnitz von 2011 bis 2014 mehr Gründungen als in den Jahren zuvor.

An anderen Standorten bangen die Gründer-Initiativen dagegen um ihre Zukunft. Zum Beispiel kann das Netzwerk „Smile“ in Leipzig nur noch bis Ende des Jahres beraten. Im Wintersemester 2013/2014 haben die Macher aus 1.000 Teilnahmen bei Beratungen und Veranstaltungen 42 Firmengründungen gemacht. Doch wie es jetzt weitergeht, ist unklar. „Wir sind mit der Landesregierung im Gespräch, um eine Fortführung unserer Arbeit zu ermöglichen“, sagt ein Sprecher.

Die Gründerschmieden werden vor allem mit EU- und Landesmitteln finanziert. Laut Wirtschaftsministerium waren das von 2011 bis 2014 rund 5,5 Millionen Euro. Noch steht nicht fest, wie viel Geld im neuen Förderzeitraum ab 2015 zur Verfügung steht. Die sächsischen Gründungsinitiativen hatten der Regierung vorgeschlagen, drei Prozent der frei werdenden Bafög-Mittel für eine dauerhafte Finanzierung der Gründungsinitiativen einzusetzen. „Leider ohne Erfolg“, sagt Frank Pankotsch, Geschäftsführer von Dresden exists. Nun hoffe man auf die neue Regierung und eine rasche Entscheidung. „Wenn wir wegen fehlender Mittel Angebote abgebaut und Mitarbeiter verloren haben, kann man das nicht ohne Weiteres wieder aufholen.“

Gute Noten für die Starthilfe

Dabei arbeiten die Initiativen durchaus erfolgreich. Erst in diesem Jahr hat der Ländercheck des Stifterverbandes zur Gründungsförderung an deutschen Hochschulen dem Freistaat Sachsen ein gutes Gründungsklima attestiert. Studenten würden beim Schritt in die Selbstständigkeit gut unterstützt, hieß es. Im Schnitt kommen bundesweit rund zwei Unternehmensgründungen auf 1.000 Studenten. In Sachsen sind es doppelt so viele. Der Freistaat investiert laut Wissenschaftsministerium im Schnitt etwa 160 Euro pro Student. Dafür gebe es Beratungen, Räume oder Veranstaltungen mit Investoren.

Gute Noten haben Sachsens Hochschulen auch im Ranking „Gründungsradar“ bekommen. Unter Deutschlands großen Hochschulen mit mehr als 15.000 Studenten rangiert die Universität Leipzig auf Platz 13, die TU Dresden auf Platz 17. Besonders erfolgreich hat sich die TU Bergakademie Freiberg im Ranking der mittelgroßen Hochschulen ab 5.000 Studenten etabliert. Nach Platz 9 im Vorjahr konnte sich die Bergakademie auf Platz 5 verbessern und wurde dabei für ihren Vorbildcharakter geehrt.

Lust auf etwas Eigenes

Die Hochschule für Technik und Wirtschaft hat es in dem Ranking auf Platz 11 geschafft, ist damit immerhin die drittbeste Fachhochschule in ihrer Größengruppe deutschlandweit. „Das bestätigt uns und unsere Arbeit“, sagt Ralph Sonntag. Der Professor für Marketing leitet die Gründungsschmiede an der Hochschule. Einen steten Rückgang an gründungswilligen Studenten und Absolventen beobachtet er seit Jahren. Die Schuld daran gibt er auch der Politik, die Gründungswillige zu wenig unterstützen würde. Trotzdem hält der Professor daran fest. „Wir wollen zeigen, dass die Gründung Spaß macht“, sagt er.

Dafür geht seine Initiative auch mal besondere Wege. So findet am Donnerstag, 17 Uhr, im Hauptgebäude, Hörsaal Z107, der erste Business Idea Slam statt. Dabei stellen Professoren und Studenten ihre Ideen in einem kurzweiligen und witzigen Referat vor. Das Publikum entscheidet, von wem es am meisten begeistert ist. Der Gewinner bekommt einen Mietwagen für ein ganzes Wochenende. Ob das Auto beim Gründen hilft, ist fraglich. „Hauptsache wir machen Lust auf die eigene Firmengründung“, sagt Ralph Sonntag. (mit dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Alex

    Ich kann nur jedem Absolventen raten, sich nicht selbständig zu machen. Denn nach einer Insolvenz, und die ist schneller da als man denkt, gibt es keinen Rettungsschirm wie für Banken oder gar Staaten, da gibt es Hartz-IV. Die einzigen, die gut leben, sind Gründerinitiativen und Gründernetzwerke, weil sie staatlich subventioniert, ein lustiges Leben führen können.

  2. Michael Schleiss

    Die Erfahrungen die man als Gründer macht, sind unbezahlbar. In einem Jahr als Geschäftsführer lernt man mehr als in 10 Jahren als Sachbearbeiter im Konzern. Diese Erfahrungen werden einem schon vor HarzIV bewahren.

  3. Michaela

    Ich kenne eine ganze Reihe Absolventen, die in den Jahren 1996 bis 1999 den Schritt in die Selbstständigkeit gegangen sind. Zwei davon sind bis heute erfolgreich selbstständig. Sieben davon haben jedoch nach drei bzw. fünf Jahren Insolvenz anmelden müssen. Ich selbst bin erst nach 15 Berufsjahren als Angestellter in die Selbstständigkeit gegangen und bin bis heute damit gut gefahren. Die Erfahrungen aus der Angestellten-Zeit sind sehr hilfreich für die eigene Unternehmensorganisation.

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