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Mittwoch, 30.12.2009

Die kalte Spur zu einer heißen DDR-Waffe

In den 80er-Jahren wurde im Erzgebirge das Gewehr Wieger entwickelt. Nach 1990 verschwanden alle Pläne. War es ein Geheimdienst-Coup?

Von Mario Ulbrich

Noch vor wenigen Monaten sollte Großolbersdorf, das 3000-Einwohner-Dorf im mittleren Erzgebirge, eine Waffenschmiede werden. Karl Bernd Esser, dessen Familie im Ort eine alte Fabrik gekauft hat, bezeichnet diesen Plan „sehr konkret“. Esser hatte mit zwei Investoren aus Asien und Westeuropa verhandelt, die das nötige Geld aufbringen wollten. In dem Manufakturbetrieb sollte die neue Wieger zusammengebaut werden–das zu DDR-Zeiten hier entwickelte und heute vergessene Sturmgewehr.

Verschollene Pläne

Karl Bernd Esser engagierte einen auf die Belange von Rüstungsfirmen spezialisierten Rechtsanwalt, der im Bundeswirtschaftsministerium vorfühlte, ob die Produktion eines Sturmgewehrs im Erzgebirge überhaupt genehmigungsfähig sei. „Das war sie“, sagt Esser, der danach richtig loslegen wollte. Aber von dem Zeitpunkt an ging alles schief. „Wir wollten einen belastbaren Geschäftsplan aufstellen“, erzählt der 52-Jährige. „Dazu benötigten wir die alten Konstruktionsunterlagen der Wieger. Doch die sind verschollen.“

Das Sturmgewehr Wieger verdankt seinen Namen dem Ort Wiesa und der englischen Bezeichnung für Deutschland Germany. Schon das deutet darauf hin, dass sie eher nicht für die Armeen der Warschauer Vertragsstaaten gedacht war. Vielmehr ging die Initiative vom Bereich kommerzielle Koordinierung des DDR-Außenwirtschaftsministeriums aus, den Devisenbeschaffern der SED. In der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre wurde das Sturmgewehr unter Federführung des VEB Geräte- und Werkzeugbau Wiesa bei Annaberg-Buchholz entwickelt.

Das Werk war einer der führenden Rüstungsbetriebe in der DDR. Seit 1958 wurde hier die sowjetische Maschinenpistole Kalaschnikow in Lizenz produziert. In seiner Glanzzeit beschäftigte der Betrieb um die 1000 Mitarbeiter und fertigte jährlich bis zu 115000 Gewehre der Kalaschnikow-Familie.

Diese stand unverkennbar Pate bei der Entwicklung des DDR-Sturmgewehrs. Die Wieger sollte die Robustheit einer AK-74 mit Qualitätsarbeit „Made in Germany“ verbinden. Nach 1990 geriet der einstige VEB unter die Verwaltung der Treuhand–und dann verschwanden die Wieger-Konstruktionsunterlagen.

Die Dokumente befanden sich in 50 Kisten und wurden nach Angaben von Wolfgang Petzold, dem ehemaligen Hauptbuchhalter des VEB Geräte- und Werkzeugbau, am 9. November 1993 einem Fregattenkapitän Völz übergeben. Dieser brachte die Kisten dem Übergabeprotokoll zufolge nach München, in die Maria-Theresia-Straße 16a, wo die „Ausbildungsgruppe für Verwendung bei integrierten Stäben“ ihre „Dokumentation“ hatte. Das klingt nach einem Armee-Archiv. Nur hat ein solches Archiv möglicherweise nie existiert. „Ich konnte es jedenfalls nicht ausfindig machen“, sagt Karl Bernd Esser, der als Historiker und Publizist Archivarbeit aus dem Effeff beherrscht.

Eine Adresse des BND

Allerdings stieß er auf eine brisante Fährte: „Unter der angegebenen Adresse befand sich früher das Münchner Stadtbüro des Bundesnachrichtendienstes.“ Hat damals der für Auslandsaufklärung zuständige bundesdeutsche Nachrichtendienst die Pläne für die einstige Feindeswaffe an sich gebracht? Der Schluss drängt sich auf, wird von der Dienststelle aber weder bestätigt noch dementiert. Der Bundesnachrichtendienst sei „fachlich unzuständig“, teilte die BND-Zentrale in Pullach kurz angebunden mit.

Anfrage im Kanzleramt

Eine andere Spur führt in die USA. Dort wird das Sturmgewehr Wieger seit circa zwei Jahren von einer Firma namens Inter Ordnance Incorporation für 399,95 Dollar pro Stück angeboten. Ein Dumping-Preis, der vermutlich nur zu erzielen ist, wenn man die Entwicklungskosten sparen konnte.

Die DDR hatte knapp 13 Millionen Ostmark in die Entwicklung der Wieger gesteckt – der Gegenwert befand sich in den 50 Kisten voller Unterlagen und Werkzeuge, die im November 1993 auf Nimmerwiedersehen aus dem Gerätewerk in Wiesa verschwunden sind. Karl Bernd Esser ist überzeugt, dass die Kisten auf Umwegen in die USA gelangt sind.

Da der BND bei Waffengeschäften tatsächlich „fachlich nicht zuständig ist“, wollte die „Freie Presse“ von seiner übergeordneten Behörde, dem Bundeskanzleramt, wissen, was dort über den Verbleib der 50 Kisten bekannt ist und ob die Bundesrepublik die Wieger-Pläne in die USA verkauft hat. Die Anfrage ist bislang unbeantwortet.

Dieser Artikel stammt aus der Freien Presse Chemnitz