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Donnerstag, 17.05.2018

Die Getriebenen

Seit beinahe zwanzig Jahren liefert sich die Meißner Flößermannschaft der Elbströmung aus. Ein Besuch auf der Floßbaustelle.

Von Jörg Stock

In vier Schritten zum Floß

Floß ahoi! Die Meißner Flößermannschaft paddelt den Rohbau ihres fünfzehn Meter langen Schwimmkörpers an den Bauplatz im Prossener Hafen. Binnen dreier Tage wird aus dem Holzbündel ein Fahrzeug gemacht, das für die Bundeswasserstraße taugt und dreißig Menschen trägt. Am 17. Mai startet der aufsehenerregende Transport auf der Elbe, der bis nach Belgern führt.
Floß ahoi! Die Meißner Flößermannschaft paddelt den Rohbau ihres fünfzehn Meter langen Schwimmkörpers an den Bauplatz im Prossener Hafen. Binnen dreier Tage wird aus dem Holzbündel ein Fahrzeug gemacht, das für die Bundeswasserstraße taugt und dreißig Menschen trägt. Am 17. Mai startet der aufsehenerregende Transport auf der Elbe, der bis nach Belgern führt.

© Dirk Zschiedrich

Prossen. Wenn der Käpten brüllt, dann stehen sie stramm, sagen die Flößer. „Solange das Floß fährt, habe ich das Kommando“, sagt der Käpten. Noch ist das Floß kein Floß, sondern ein Büdel Fichtenstämme. Aber das Bündel fährt, und Rainer Pflugbeil, stämmig, mit eisgrauem Bart und verwegenem Schlapphut, sieht nicht so aus, als ob er die Dinge gern wiederholt. So ist es wohl besser, Stift und Notizblock wegzulegen und das Paddel zu ergreifen, das er mir hinhält. Er schaut versöhnlich. Noch sind wir ja nicht draußen auf dem Strom, sagt er. „Jetzt ist alles nur Spaß.“

In vier Schritten zum Floß

Der „Spaß“ findet im Hafen von Prossen statt und ist eigentlich Schwerstarbeit. Wie sonst soll man es nennen, wenn fünfzehn ausgewachsene Fichtenstämme mit purer Muskelkraft zu einem für die Bundeswasserstraße tauglichen Fahrzeug vereint werden? Für die Flößermannschaft Meißen steckt mehr dahinter als Schweiß. Es ist jedes Mal ein Erlebnis, sagt Uwe Meinel, der die Truppe anführt, solange sie an Land ist. Immer wieder findet man sich und legt von neuem los. „Da muss irgendwas dran sein.“

Die Floßbauer sind keine Vereinsmeier, sondern ein bunter Haufen, vom Arbeitslosen bis zum Doktor, sagen sie. Aber alle brennen für das eine Hobby: die Flößerei. So authentisch wie es nur geht, wollen sie das alte Gewerbe, das seit den 1950ern auf der Elbe ausgestorben ist, aufleben lassen, wenigstens für ein paar Tage im Jahr. Dafür gehen sie sogar selber in den Wald und fällen Bäume. „Hundert gegen Hundert“ nennen sie die Aktion: hundertjährige Fichte gegen zwei Mann um die Fünfzig mit Axt und Schrotsäge. Das Ringen dauert je Baum eine Stunde, mindestens.

Die Fällung auf alte Weise soll helfen, den Alltag der Altvorderen nachzufühlen. Die Mehrzahl der Stämme liefert der Forst, eigentlich an den Ausgang des Prossener Hafens und genau zu dem Tag, wo der Floßbau beginnt. Dieses Jahr klappte das nicht. Terminprobleme. So ließ Uwe Meinel den Holzhaufen im letzten Winkel des Hafens zwischenlagern, zur Sicherheit. Verbotsschilder kann man aufstellen, so viele man will, sagt er. „Es gibt immer noch Leute, die darauf rumklettern.“

Der Preis für die Sicherheit: Das Bauholz, mit Hebelwirkung und tollem Wellenschlag ins Wasser befördert, muss an die fünfhundert Meter weit vom Ende des Hafenbeckens an seinen Anfang befördert werden. Eine Strömung, wie draußen im Fluss, gibt es hier drinnen nicht. Also hilft nur eins: paddeln.

Die Flößer haben sich mit den Ruderblättern je ein Bier aufgehebelt. Wer gut arbeitet, der soll auch gut trinken. Nicht zu verwechseln mit Pause machen. Käpten Pflugbeil behält seine Mannschaft im Blick. „Gleichmäßig durchziehen“, kommandiert er, „nicht planschen!“ Gefeixe. Ja, noch ist alles ganz spaßig. Später, in der Fahrrinne, läuft der Hase anders. Dann sind dreißig Tonnen träge Masse zu steuern, und zwar so, dass sie die Berufsschiffer nicht mehr als nötig stören und auch sonst keinem in die Quere kommen. Vorausschauen und auf der Hut sein – das ist das A und O beim Floßfahren, sagt der Käpten, der tatsächlich einen Bootsführerschein für Binnengewässer besitzt. „Rumgeigeln gibt’s da nicht!“

Sieben Mann stechen ihre Paddel ins Nass, aber das Holzpaket macht nur langsam Fahrt. Als die Mannschaft 1999 auf eine Idee am Kneipentisch hin ihr erstes Floß ohne jede Vorkenntnis baute, fuhr sie sogar gegen den Strom. In Meißen verfertigt, ließ sie die Floßtafel nach Dresden schleppen. Erst dort überantwortete man sie der Strömung, fand heraus, was geht, und was nicht geht. Es hat Spaß gemacht, sagt Uwe Meinel. Doch nicht alle mochten den Aufwand auf Dauer treiben. Manche sprangen ab. Doch ein harter Kern ist geblieben, zu dem nun junge Leute stoßen. Das freut Meinel, der eigentlich, wie einige andere, nach zwanzig Jahren Flößerei Schluss machen will. Die Jungen gucken nicht weg, wenn es Arbeit gibt, und haben eigene Ideen, sagt er. „Mal sehen, was draus wird.“

Einer von den Jungen paddelt mir gegenüber. Es ist Andreas Mädler, 31, aus Dresden. Viermal ist er schon mitgefahren. Wenn er auf das Floß kommt, lässt er den Alltag hinter sich, sagt er. Dann interessiert ihn nicht sein Mailfach und auch nicht sein Handy, sondern nur noch das Miteinander, das nicht bei Facebook oder bei Whats App stattfindet, sondern hier, in echt. „Das ist das Allerschönste.“

Das Floß legt voraussichtlich am 24. August in Leckwitz bei Nünchritz an, passiert am 25. August Riesa und wird planmäßig am selben Abend in Strehla ankommen..

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