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Dienstag, 29.05.2018

Der unfassbare Siegfried

Der DDR-Antiquitätenmillionär Siegfried Kath war ein Betriebsunfall des Sozialismus. Dafür musste er büßen. Eine alte Mühle bei Pirna wurde sein Schicksalsort.

Durch dick und dünn: Annelies Schneider heiratete Siegfried Kath 1965. Sie war die Stütze seiner Unternehmungen, wohnt jetzt in Berlin.
Durch dick und dünn: Annelies Schneider heiratete Siegfried Kath 1965. Sie war die Stütze seiner Unternehmungen, wohnt jetzt in Berlin.

© Privatarchiv Annelies Kath

Zur Hinkelmühle? Freilich kennt er den Weg, sagt der alte Herr mit Baseballkappe, der in Döbra rauchend am Hoftor steht. „Die hatte doch mal dieser ... Kath!“ Der Herr Kath hatte Geld. Der kriegte alles. Sogar eine eigene Trafostation. „Aber dann haben sie ihn ja wegrationalisiert“, sagt der alte Herr und erklärt, wie man in den Trebnitzgrund kommt, an jenen Ort, wo der Antikhändler Kath, der Millionenmacher der Mächtigen, eines Morgens als Verbrecher am sozialistischen Eigentum verhaftet wurde.

Mit Antiquitäten wurde Siegfried Kath in der DDR zum Millionär

Einfach unfassbar – das ist die Schlagzeile für Siegfried Kaths Story. Ein Westdeutscher, gestrandet in der „Zone“, schafft es ausgerechnet hier, wo alles allen gehören soll, ein märchenhaftes Vermögen anzuhäufen. Er lebte den American Dream im Sozialismus, sagt Christopher Nehring, Forschungsleiter am Deutschen Spionagemuseum in Berlin und Autor des druckfrischen Buchs über das Kuriosum Kath. „Er war ein Macher. Er wollte immer voran, gab nie Ruhe.“ Der Antiquitätenhandel war eine Nische, die in der DDR gar nicht vorgesehen war. Siegfried Kath fand sie – und stieß mit aller Macht hinein.

Vom Asphalt abgebogen, geht es auf schmaler Schotterpiste in den waldumsäumten Grund hinein. Am Brücklein über die Trebnitz soll nachts der ruhelose Geist des Pessel-Müllers umgehen, verflucht in alter Zeit, weil er, schon reich geworden, unersättlich war und vom Kirchenaltar ein Goldstück stahl. Pessel, so glauben manche, könnte aus der Hinkelmühle stammen. Kannte Siegfried Kath die Sage vom Mann, der tief fiel, weil er zu viel besitzen wollte? Wenn ja, so bezog er sie bestimmt nicht auf sich. 1973 kaufte er das Anwesen. Es sollte der Alterssitz sein für ihn und seine Frau Annelies, ein Stück vom Paradies.

Die Mühle steht gelb getüncht mitten in der Bachaue. Das Portal aus Sandstein ist herrschaftlich geschweift, mit Wappenstück und Eichenlaub. Original Kath, sagt Jens Höhnel, der Hausherr. Zusammen mit seiner Frau Susanne hat er das Anwesen 2003 gekauft und zum Ferienhaus umgebaut. Die beiden lieben betagte Gemäuer, vor allem Mühlen. Die Hinkelmühle, die heute Obere Trebnitzmühle heißt, kennen beide schon seit der Kindheit. Susanne Höhnel kann sich noch entsinnen an den Tag, als es hieß: Großeinsatz im Trebnitzgrund. Die Einfahrt am Brücklein war abgeriegelt.

Es hatte die Runde gemacht, dass Hausherr Kath Dutzende Arbeiter fürs Vorrichten seines „Paradieses“ beschäftigte. Mit dicken Geldbündeln solle er umhergehen und alle in bar bezahlen, munkelte man. Dann war er plötzlich weg. Man sagte, die Stasi habe die Mühle besetzt. Eltern mahnten ihre Kinder, Abstand zu halten. „Für uns hieß es: An die Hinkelmühle gibt’s nichts ran“, sagt Susanne Höhnel.

Die Sache mit den Geldbündeln? Gerede, sagt Annelies Kath. Die Witwe des einstigen Millionärs, er starb 2008, wohnt heute in Berlin. Gut verdient haben die Bauleute, das stimmt, sagt sie. Aber die Bezahlung lief über den Architekten. Was den „Siggi“ anging, der hat nie rumgestanden und die Arbeit delegiert. „Der hat mit angepackt.“ Hart sei er gewesen und streng, auch gegen sich selbst. Wenn er ein Ziel hatte, sagt Frau Kath, dann war er nicht aufzuhalten. „Es musste! Es musste! Es musste!“

Siegfried und Annelies Kath zogen kurz vor Weihnachten 1973 in die Mühle ein und mit ihnen die Antiquitätensammlung Siegfried Kaths, Zinn, Porzellan, barocke Möbel. Über 1 700 Objekte registrierten Stasi und Gutachter verschiedener Museen nach Kaths Verhaftung. Der Wert seiner Besitztümer wurde insgesamt auf mehr als vier Millionen DDR-Mark taxiert. Dazu kam das Haus, dessen Umbau an die 500 000 Mark gekostet haben sollte. Allein die neue Stromleitung nebst Trafo – der alte Herr in Döbra hatte also recht – verschlang 50 000 Mark. Vor dem Haus stand Siegfried Kaths Dienstwagen, ein Audi 100 nebst Chauffeur, und daneben Annelies’ knallroter Fiat. Verglichen mit DDR-Normalbürgern lebte das Paar im Trebnitzgrund beinahe fürstlich. Wie war das zugegangen?

Karte

Im Dezember 1961 greifen DDR-Grenzer den arbeitslosen und frisch geschiedenen Bergmann Siegfried Kath aus Salzgitter im Interzonenzug auf. Er hat kein Visum. Im Verhör gibt er ideologische Gründe für seine Einreise in die DDR an – Teuerung und Wohnungslosigkeit in der BRD. Später wird er sagen, er habe einfach eine Luftveränderung gebraucht. Naivität nennt es Annelies Kath. Denn die DDR ließ ihn nicht mehr raus. Er will flüchten, scheitert aber. Schließlich darf er als Kellner arbeiten, auch so eine Nische im Sozialismus, wo sich echtes Geld verdienen lässt, wenn man auf Draht ist. Und Kath ist auf Draht.

Gemeinsam mit Annelies, einer Krankenschwester aus der Meißner Gegend, die er 1965 heiratet, macht Siegfried Kath in der Gastronomie schnell ein kleines Vermögen, wird Mitbesitzer eines angesagten Lokals in Dresden. Ein paar zufällig erstandene Zinnkrüge, die er mit Gewinn weiterverkauft, sind wohl der Anfang seiner neuen Geschäftsidee: Antiquitätenhandel.

Das Geld liegt auf der Straße. Und die Kaths sammeln es ein. Die beiden fahren übers Land, putzen Klingeln, kaufen altes Mobiliar, Geschirr und Uhren. 1969, an Siegfrieds 33. Geburtstag, öffnet das Paar seinen Laden zum „An- und Verkauf für Gebrauchtwaren“ in der Pirnaer Altstadt. Annelies steht hinter der Ladentafel, Siegfried schafft unermüdlich Ware heran. Bald beliefert er sogar den Staatlichen Kunsthandel, der die Sachen in der BRD veräußert. Ein gutes Geschäft für beide Seiten.

Kaths Senkrechtstart zum Millionär folgt 1972. Da wirbt ihn das Ministerium für Außenwirtschaft als Aufkäufer und Zulieferer für seine frisch gegründete Kunst und Antiquitäten GmbH an. Die DDR will den Westhandel mit Edeltrödel monopolisieren. Formell sein eigener Herr, wird Kath de facto Ableger der Koko, der Kommerziellen Koordinierung von Alexander Schalck-Golodkowski, ein Reich der Schattenwirtschaft, das nach eigenen Regeln Devisen für die DDR auftreibt. Für Siegfried Kath ist Koko noch lukrativer als der Kunsthandel. Hier kriegt er Vorschüsse, steuerfreie Umsatzprovisionen und Exportvergütungen. Sein Nettogewinn 1972: 200 000 Mark, zuzüglich Ladenumsatz und Kleingeschäfte.

Um den Antiquitätenhunger von Koko zu stillen, weitet Kath seine Aufkauf-Offensive auf das ganze Land aus. Seine Emissäre durchkämmen jeden Winkel der DDR nach Verwertbarem und errichten Zwischenlager. Über sechzig solche Magazine sind es am Ende, und über siebzig Mitarbeiter, davon allein fünfzig Aufkäufer, die das Imperium Siegfried Kath am Laufen halten. Kath richtet eine eigene Exportabteilung ein, repräsentativ gelegen, in einem alten Bürgerhaus direkt am Pirnaer Markt.

Der Macher Kath ist am Ziel seiner Träume. Doch eins hat er vergessen: die Politik. Er glaubt, das Geschäft habe mit Ideologie nichts zu tun. Ein fataler Irrtum. Die Staatssicherheit in Dresden und Pirna beobachtet den dauerverdächtigen Wessi längst. Sie sucht Beweise für sein vermutlich kriminelles Treiben, als Kirchendieb, als Hehler, Schmuggler, ja sogar als Spion. Jedoch ohne Erfolg. Der Fremdkörper Kath hat trotzdem keine Chance im Sozialismus. Das sagt auch sein Biograf Nehring. „Seine Villa in der Mühle, die West-Autos, die Auffälligkeit – das ging einfach nicht.“

Annelies Kath spürte früh die Wirkung des „Neidfaktors“. Siegfrieds kometenhafter Aufstieg, der rasend schnelle Mühlenbau, „da mussten die Leute ja denken, dass das nicht mit rechten Dingen zugeht.“ Dazu sei Siggis Lust am Plaudern über den Erfolg gekommen, was man ihm als Prahlerei ausgelegt habe. Sie habe ihn gewarnt, sagt Annelies. Aber er sei zu gutgläubig gewesen. „Er ließ sich einfach nicht bremsen.“

Bis Herbst 1973 decken die Berliner Koko-Funktionäre Kath gegen die Anwürfe der Dresdner Stasi. Dann ziehen sie ihre schützende Hand über dem Antiquitätenkrösus zurück. Vielleicht, weil es ihnen langsam zu heiß wird, den Paradisevogel Kath zu protegieren. Wozu auch? Er hat seine Schuldigkeit getan. Sein System läuft und ist reif für die Übernahme. So beginnen Ende November 1973 die Vorbereitungen für den Rauswurf Kaths – aus dem Geschäft und aus der DDR.

Am 18. April 1974 wummert früh um sieben der Staatsanwalt gegen die Mühlenpforte. Der Vorwurf: ein paar Tausend Mark Abrechnungsbetrug. Für Kaths Verhältnisse lächerlich. Kath muss sich unter Aufsicht anziehen und mitkommen. „Das ist ein Missverständnis, hat er mir noch zugerufen“, erinnert sich Annelies. Sie selbst steht unter Hausarrest. Die Mühle und aller Besitz werden beschlagnahmt. „Ich hatte keinen Knopf mehr“, sagt sie.

Der Betrugsvorwurf ist bald entkräftet. Doch die Stasi ermittelt weiter, immer weiter. Kath bleibt in Haft, vierzehn Monate lang. Schließlich ist er weichgekocht, akzeptiert einen Deal: kompletter Vermögensverzicht gegen Ausreise in die Bundesrepublik.

Im Westen fängt das Paar noch einmal ganz von vorn an, wieder mit Antiquitäten. Doch 1981 schlägt das Schicksal erneut zu, in Gestalt eines Wildschweins, das vor Siegfried Kaths Wagen rennt. Der Unfall macht aus dem unbeugsamen Hans Dampf einen Pflegefall. Annelies kümmert sich um ihn bis zum Schluss. Heute lebt sie in einer netten Mietwohnung im Berliner Stadtbezirk Steglitz-Zehlendorf. Erbitterung wegen all der Verluste? Hassgefühle? Keine Spur. Sie ist jetzt 76, sagt sie, wozu sich da noch über Vergangenes grämen. „Ich kann nur noch nach vorn schauen.“

Christopher Nehring: Millionär in der DDR. Die deutsch-deutsche Geschichte des Kunstmillionärs Siegfried Kath. Büchner-Verlag, ISBN-13: 9783963171000, 18 €

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Gastronom

    Heutige Gastronomen sollten sich mal ein Beispiel an dem Text nehmen und sich fragen, was haben wir in den 28 Jahren BRD eigentlich gemacht, was zu DDR-Zeiten möglich war. Als Kellner konnte man echtes Geld verdienen, wenn man auf Draht ist. Hier ist die Rede von sehr viel Geld. Dann macht Siegfried Kath in der Gastronomie schnell ein kleines Vermögen, wird Mitbesitzer eines angesagten Lokals in Dresden. Also liebe Gastronomen jammert nicht über fehlende Fachkräfte, sondern macht Vermögen mit der Gastronomie und bezahlt euere Kellner und Köche fürstlich.

  2. Horst

    @Gastronom: Grundsätzlich ist ihrem letzten Satz natürlich zuzustimmen, aber ich glaube nicht dass der Text auf den offiziellen Gehaltszettel von Herrn Kath anspielte. Damals waren die Variablen "Anzahl der Möglichkeiten zu gehobenener oder außergewöhnlicher Gastronomie" und "Bereitschaft zu Sonderzahlungen wie Trinkgeld usw." sicherlich anders gewichtet als heutzutage. Unterm Strich ein interessanter Einblick in einen nicht so bekannten Teil der Tätärätätä.

  3. Verdacht

    Ich denke ja das Wildschwein handelte im Auftrag der Stasi. War doch immer so, oder?

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